Bruck/Korneuburg: Täter zeigte weder Mitleid noch Reue. Der Oberste Gerichtshof machte eine neuerliche Verhandlung über einen jahrzehntelang zurückliegenden Missbrauch notwendig.

Von Christian Pfeiffer. Erstellt am 29. Oktober 2020 (03:28)
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Der schwere, lange Jahre dauernde Missbrauch an seiner Stieftochter wurde ihm bereits 2019 zur Last gelegt und er wurde damals – nicht rechtskräftig – zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt. Der Notstandshilfeempfänger legte Beschwerde ein, jedoch mit wenig Erfolg. Der Oberste Gerichtshof bestätigte das Urteil in vollem Umfang. Lediglich ein Formfehler bot dem heute 55-Jährigen erneut ein Schlupfloch, die juristischen Möglichkeiten auszureizen.

Opfer-Trauma „durch Beziehung zum Freund“

Der Gegenstand der aktuellen Verhandlung in der Vorwoche im Landesgericht Korneuburg war die Frage, ob die posttraumatische Belastungsstörung des Opfers, die juristisch dem Schweregrad der schweren Körperverletzung entspricht, ihre Ursache im erlittenen sexuellen Missbrauch hat. Das wies der Angeklagte konsequent zurück, vielmehr komme die Störung von der Beziehung des Opfers zu ihrem Freund, so seine Sicht der Dinge. Er sah keinerlei Verantwortung bei sich und konnte sich auf Nachfrage von Richter Manfred Bodner nicht vorstellen, dass man unter jahrelangem sich steigerndem Missbrauch leiden könne.

Verteidigerin Beate Schauer blieb beim Verhalten des 55-Jährigen wenig Spielraum; zumal sie zu Prozessbeginn erklärte, er werde sich geständig verantworten, was mit seinem folgenden Bekenntnis „nicht schuldig“ zu sein, hinfällig war. Um sich – wie es der Gesetzgeber vorsieht – ein eigenes Bild zu machen, wurde den Schöffen die Aussage des heute 39-jährigen Opfers aus der Verhandlung 2019 gezeigt. Diese ließ offenbar an der Schuld des Angeklagten, durch seine Taten Verursacher der posttraumatischen Belastungsstörung zu sein, keine Zweifel.

Das Urteil bestätigte die ursprüngliche achtjährige Freiheitsstrafe und sprach dem Opfer 5.500 Euro Schmerzensgeld zu. Zur Untermauerung des Richterspruchs zitierte Bodner eine Aussage des Opfers: „An diesem Tag bin ich ganz gestorben.“ „Sie zeigen keine Reue“, sagte Bodner zum Ende der Verhandlung, „und das Opfer hat Jahrzehnte bekommen.“ Das Urteil ist nicht rechtskräftig.