36 Nazi-Lager im Bezirk Bruck. Einige Standorte der Terror-Maschinerie sind durch das Denkmalamt gut dokumentiert.

Von Max Stepan, Peter Gerber Plech, Otto Havelka und Gerald Burggraf. Erstellt am 23. Juni 2021 (04:16)
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Die letzten Überreste der „Schuhmann-Bude“. Es wird vermutet, dass dort die jüdischen Zwangsarbeiter untergebracht waren.
Topothek Moosbrunn, Topothek Moosbrunn

371 Lager für Juden, Zwangsarbeiter aus ganz Europa oder politische Gefangene gab es in Niederösterreich. Knapp zehn Prozent davon sollen laut einer Liste des Bundesdenkmalamts im Brucker Bezirk gewesen sein, wobei der Großteil im Raum Schwechat lag. Bei vielen ist der genaue Standort allerdings nicht mehr eruierbar.

Deutliche erkennbar sind hingegen noch die Überreste der sogenannten „Schuhmann-Bude“ in einem Waldstück in Moosbrunn. Bis 1927 war die namensgebende Fabrik zur Seidenbanderzeugung der Familie Schuhmann in Betrieb, der Weltwirtschaftskrise geschuldet. Das danach ungenutzte Gelände wurde durch den antisemitischen Staatsapparat als jüdisches Eigentum eingestuft und beschlagnahmt.

Zeitzeugen berichten von  „Umschulungslager“

In weiterer Folge wurde das Gelände schließlich zu einem Zwangsarbeiterlager für ungarische Juden. Ein Zeitzeugenbericht einer ungarischen Jüdin berichtete über die Inhaftierung und den Weg vom Ghetto Debrezen über das Durchgangslager Strasshof bis nach Moosbrunn. Dem Bericht zufolge wurden die Zwangsarbeiter zwölf Stunden lang zur Arbeit in der örtlichen Glasfabrik eingesetzt, die Unterbringung erfolgte auf dem Schuhmann-Gelände. Mehrere Zeitzeugen, die damals in dem Lager inhaftiert waren, berichteten außerdem von einem „Umschulungslager“.

Hauptsächlich wurden die rund 260 jüdischen Gefangenen aber zur Verrichtung von Zwangsarbeit, wie der Demontage rostiger Maschinen oder im Straßenbau im Ort eingesetzt. In den letzten Kriegsjahren wurden die rund 100 Jugendlichen fast alle in Ghettos oder Vernichtungslager deportiert. Gegen Kriegsende kam es am Gebiet der Schuhmann-Fabrik zu Kämpfen zwischen deutschen und sowjetischen Truppen, bei denen das Areal fast völlig zerstört wurde.

Zwangsarbeiterlager gab es auch auf Gutshöfen der Umgebung wie dem Schwerthof in Himberg, dem Katharinenhof in Mannswörth, dem Antonshof in Schwechat oder der Gutsverwaltung Marenzi in Ebergassing.

100 Kriegsgefangene schufteten am Feld

Über Letzteres findet sich ein interessantes Dokument des „Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien. Demnach waren auf dem Gutshof der Marenzi ungefähr hundert Kriegsgefangene zu Erntearbeiten eingeteilt. Der ehemalige SPÖ-Bürgermeister Stefan Steinle, der ab 1965 insgesamt 21 Jahre lang Ortschef war, wird darin wie Folgt zitiert: „Während der ganzen Zeit gab es keine Todesfälle, da sich unter den Lagerinsassen auch 2-3 Ärzte befanden. Nicht arbeitsfähige Juden wurden von Sophie und Franziska Marenzi im Schloß versteckt.“

Ein Arbeitserziehungslager der Gestapo wurde 1941 auf dem Gelände des Elisabeth-Asyls in Lanzendorf (heutige Caritas) eingerichtet. Wie Gemeinde-Historiker Michael Komarek zu berichten weiß, kamen einige Hundert Menschen darin zu Tode. Unter den Inhaftierten befanden sich damals etwa der serbische Schriftsteller Milo Dor oder der Rundfunkmoderator Günther „Howdy“ Schifter.

Kommandant war ab 1942 Karl K. auf dessen Befehl drei Jahre später während des Marsches nach Mauthausen etwa 50 Häftlinge getötet wurden. 1950 wurde er zu einer lebenslänglichen Haft verurteilt, aber nur fünf Jahre später vom damaligen Bundespräsident Theodor Körner begnadigt. Danach arbeitete er für die Creditanstalt.

Sieben NS-Lager im Stadtgebiet Schwechat

Gleich sieben NS-Standorte der Nazis gab es in Schwechat. Das Größte war das Arbeitslager „Wien-Schwechat 2“, das sich am heutigen Areal des Flughafens befand. In der Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen schufteten zwischen 1943 und 1945 mehr als 3.000 Häftlinge aus zehn Nationen für die deutsche Rüstungsindustrie. Ein Gedenkstein, der auf eine Initiative des früheren Schwechater Stadtarchivars Adolf Eszöl zurückgeht, vor dem Hauptgebäude von Austrian Airlines (AUA) erinnert bis heute daran.

Ebenfalls als Außenposten des KZ Mauthause fungierten die Zwangsarbeitslager „Santa I“ und „Santa II“ in Schwechat. Ersteres befand sich in alten Bierkellern der Brauerei Schwechat, zweiteres in der Bruck-Hainburgerstraße 26. Laut Ezsöls Recherchen dürften Mitte März 1944 die ersten Häftlinge in den Lagern eingetroffen sein – Schätzungen gehen von 200 aus. Sie mussten Arbeiten an Maschinen für die „Flugmotorenwerke Ostmark“ verrichten.

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