März 1938: Als es hieß „Gott schütze Osterreich“. Spontane Aufmärsche und Facklzüge in Gemeinden im ganzen Bezirk, Jubel bei bis dahin illegalen Nazis.

Von Hans Karner. Erstellt am 11. März 2018 (05:00)
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10. April 1938 in Wieselburg, der Tag der Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs an Deutschand. Im Bezirk stimmten 99,9 Prozent der Wähler für Ja, es gab nur 21 Nein-Stimmen, 25 Enthaltungen und 21 ungültige Stimmen. Ein deutliches Bekenntnis für den Anschluss der „Ostmark“ an das Deutsche Reich. Österreich gab es nicht mehr.
Sammlung Robert Gnant

Am 12. März jährt sich zum 80. Mal der Tag, der den Staat Österreich für sieben Jahre auslöschen sollte: Ab 8 Uhr früh marschierten deutsche Truppen über Österreichs Grenzen, Österreich wurde zur deutschen Ostmark. So wie im ganzen Land wurde auch im Bezirk Scheibbs die Machtübernahme euphorisch begrüßt.

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„Österreich ein Teil des Deutschen Reiches“, titelte der Erlaftal-Bote am 20. März 1938. Darunter war die Proklamation des Führers zu lesen.
Sammlung Hans Karner

Schon am Abend des 11. März um 20 Uhr hatte die Radiomeldung vom Rücktritt von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg unter den hiesigen NSDAP-Anhängern wilde Euphorie ausgelöst. In Scheibbs und in vielen anderen Orten im Bezirk fanden sofort spontane Aufmärsche und Fackelzüge statt. „Die nationalsozialistische Machtübernahme im März 1938 ging im Bezirks Scheibbs nach keinem wie immer gearteten Plan vor sich“, schreibt Klaus-Dieter Mulley in seiner Dokumentation „Nationalsozialismus im Bezirk Scheibbs“, die 50 Jahre nach dem Einmarsch in Österreich von der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft des Bezirkes Scheibbs herausgebracht wurde.

In Mulleys Dissertation wird dokumentiert, dass in den meisten Orten des Bezirkes bereits Aufmärsche, Demonstrationen und Fackelzüge stattfanden, während erst um 22.30 Uhr ein Telegramm aus Wien in der Bezirkshauptmannschaft Scheibbs mit dem lapidaren Befehl „Volksbefragung verschoben. Landeshauptstadt“ eintraf. Gemeint war die von Kanzler Schuschnigg für den 13. März geplante Volksabstimmung zu Österreichs Unabhängigkeit. Kurz nach dieser Meldung aus Wien begrüßte Bezirkshauptmann Obentraut schon den durch die Straßen von Scheibbs ziehenden Fackelzug „mit dem Wort der Begeisterung und Liebe für die endgültige Verbundenheit mit dem Deutschen Reich“.

Gemeinden und Ämter mit Nazis besetzt

Die NSDAP-Führer drangen auch in die Lokale der Vaterländischen Front ein, nahmen oppositionell eingestellte Personen fest und es kam zu ersten Ausschreitungen gegen Juden und deren Geschäfte. Zwischen 12. und 15. März übernahmen von der NSDAP ad hoc eingesetzte, parteitreue Personen die Leitung in den Gemeinden und behördlichen Dienststellen, unliebsame Beamte wurden abgesetzt. In der Gemeinde Puchenstuben etwa ging am 14. März ein Schreiben der NSDAP ein, in dem ein „Wahlvorschlag für den Gemeindetag“ angekündigt wurde. Während in diesen Tagen allerorts die deutsche „neue“ Reichsflagge Schwarz-Rot-Gold oder Hakenkreuzfahnen gehisst wurden, wehte am Haus eines Scheibbser Geschäftsmannes die schwarze Fahne.

Schon am 13. März und den folgenden Tagen wurden die Sparbücher und das Bargeld von katholischen Burschenvereinen, der Marianischen Frauenorganisationen und des Volksbundes von Gresten, Lunz am See, Purgstall, Randegg, Scheibbs, Steinakirchen und Wieselburg von der SS-Sturmbannführung, SA-Männern und HJ-Führern konfisziert. Diese wurden bei den NS-Standortführungen von Gaming und Göstling in Verwahrung genommen.

Der Erlaftal-Bote – das „Heimatwochenblatt für Stadt und Land“ – veröffentlichte in seiner Ausgabe Nr. 11 des 48. Jahrganges 1938 am 13. März noch den Aufruf von Kurt Schuschnigg an das „Volk von Österreich“ für die am 13. März angesetzte Volksabstimmung. An diesem Sonntag sollte zum ersten Male in der Geschichte von Österreich ein offenes Bekenntnis zur Heimat abgegeben werden – doch dazu kam es nicht mehr.
Schuschniggs berühmte Worte zum Abschied

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Nach dem triumphalen Abstimmungsergebnis vom 10. April formierten sich die vor dem Anschluss illegalen NSDAP-Anhänger, wie hier in Gresten, zu einer ersten „Maifeier“.
Sammlung Robert Gnant

Zwei Tage vorher hatte der Bundeskanzler auf Druck Hitlers seinen Rücktritt erklärt – in einer Radiorede, die er mit den berühmt gewordenen Worten „Gott schütze Österreich“ abschloss. Die für den 13. März geplante Volksbefragung löste bei den Führern der NSDAP auch im Bezirk Scheibbs nach Radiomeldungen und telefonischen Befehlen aus Berlin eine Kette von Ad-Hoc-Entscheidungen aus. Von der SA-Truppenführung Scheibbs wurden zwei „Bereitschaften“ gebildet, die in den Gasthäusern die Rundfunknachrichten abzuhören hatten. Das Telefon der Scheibbser Bezirkshauptmannschaft wurde von NSDAP-Mitgliedern abgehört. Die Tätigkeit von Mitgliedern der Vaterländischen Front und von ehemaligen Sozialdemokaten wurde ebenfalls abgehört. Der Aufruf im Erlaftal-Boten wurde – mit wenigen Ausnahmen – nach den Ereignissen dieser Woche „eingestampft“.

In der Ausgabe Nr. 12 des Erlaftal-Boten vom 20. März 1938 heißt es auf der Titelseite: „Der Anschluss vollzogen. Österreich ein Teil des Deutschen Reiches. Volksabstimmung am 10. April 1938“. Mit „deutscher Gründlichkeit“ überließ die NS-Propaganda bei der Volksabstimmung für den Anschluss am 10. April 1938 nichts dem Zufall. Schon acht Tage davor traf am Bahnhof Scheibbs der „Reichswerbezug“ ein, der eine Stunde Aufenthalt hatte und von der Partei als zusätzliches Werbemittel eingesetzt wurde. Im Bezirk stimmten am 10. April 1938 schließlich 99,9 Prozent für „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“, daneben gab es nur 21 Nein-Stimmen, 25 Enthaltungen und 21 ungültige Stimmen.