Gedenktafeln für drei Widerstandskämpfer errichtet. 1942 wurden drei patriotische Eisenbahner aus Wieselburger Familien als Hochverräter verurteilt. Was danach auf sie wartete, erzählen nun Gedenktafeln am Bahnhof.

Von Anna Faltner. Erstellt am 28. Oktober 2020 (06:02)

Zufällig, bei der Recherche für ein anderes Projekt, stieß Lokalhistoriker Johannes Kammerstätter auf drei Wieselburger Eisenbahner. Ihre Geschichten beeindruckten ihn, er recherchierte weiter, bereitete die Geschehnisse historisch auf und seit wenigen Tagen erinnern zwei Gedenktafeln an der Außenmauer des Bahnhofsgebäudes an die drei Männer.

Was das Besondere und auch das Gemeinsame der drei Männer ist? Sie alle entstammen Wieselburger Familien, waren beruflich bei der Eisenbahn tätig, traten gegen die NS-Herrschaft auf und wurden dafür als Widerständige verurteilt. „Bei der Eisenbahn gab es verschiedene Gruppierungen, die eher links organisiert waren. Im Ständestaat und dann besonders im NS-Staat traten auch vermehrt Kommunisten auf“, erzählt Kammerstätter. Einige Mitglieder der Eisenbahn haben versucht, wieder eine kommunistische Partei zu gründen. „Das war bei der Eisenbahn leicht möglich. Als Zugführer oder Schaffner ist man viel unterwegs, so konnte man Informationen und Nachrichten an viele Personen weitergeben“, berichtet er.

„Das waren Leute, die völlig gewaltfrei gehandelt haben. Sie haben Informationen weitergegeben, sie hatten keine Waffen.“ Johannes Kammerstätter

Und genau dafür wurden eben diese drei Männer – August Steindl, sein Sohn Herbert Steindl sowie Karl Neuhauser – als Hochverräter verurteilt. Sie leisteten der nationalsozialistischen Verbrechensherrschaft Widerstand und wurden 1942 mit voller Härte bestraft. „Das waren Leute, die völlig gewaltfrei gehandelt haben. Sie hatten keine Waffen, sondern haben einfach Informationen weitergegeben, sehr harmlos eigentlich. Aber das wurde damals als Hochverrat oder Beihilfe zum Hochverrat angesehen“, weiß Kammerstätter. Im Rahmen der Gerichtsurteile konnte der ehemalige Lehrer am Francisco Josephinum und Psychologe ihre Geschichten für die Gedenktafeln aufbereiten. Die NÖN wollte diese Geschichten hören.

Zuerst zu August Steindl: Er hat gemeinsam mit anderen Kollegen versucht, die kommunistische Landespartei in Niederösterreich wieder zu gründen. Schon vor ihm hatten das so manche versucht, sie alle wurden allerdings erwischt und liquidiert. Und genau das passierte auch ihm. Steindl wurde als Hochverräter zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Noch am selben Tag stand sein Sohn Herbert Steindl vor Gericht. Ihm wurde vorgeworfen, ein Vervielfältigungsgerät erschaffen und vertrieben zu haben. Auch er wurde als Hochverräter zum Tode verurteilt. Zur Hinrichtung kam es aber nicht. „Der Henker hat gesagt: ‚Nein, den Steindl hatten wir schon‘“, weiß Kammerstätter zu berichten. Und so wurde Herbert Steindl wieder zurück in die Zelle geschickt. Durch ein Gnadengesuch wurde er statt zur Todes- zur Kerkerstrafe verurteilt. Steindl wurde aber aus dem bayrischen Gefängnis von Amerikanern befreit und schaffte es beruflich sogar zum Inspektor. Er machte sich auf die Suche nach den Leuten, die ihn verraten hatten, wurde aber nie fündig.

Der dritte Mann, an den die Gedenktafeln erinnern, ist Karl Neuhauser. Er war Schaffner in Krems und ein Spender der Roten Hilfe. Das bedeutet: Er spendete Geld für Frauen von eingesperrten Kollegen. Und dafür wurde er verurteilt, wegen der Vorbereitung des Hochverrats. „Also wegen einer kleinen Geldspende“, sagt Kammerstätter.

Neuhauser wurde zur Kerkerstrafe verurteilt. Das war etwa in der Mitte des Zweiten Weltkrieges, zu dem Zeitpunkt, wo die Wehrmacht schon große Verluste verzeichnet hatte. Und deswegen wurden Strafgefangene zur Wehrmacht geholt. Neuhauser kam zur „Strafdivision 999“. Zu diesem Verband kamen jene „Wehrunwürdigen“, die zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden waren, die nicht im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte waren oder die, deren Wehrwürdigkeit durch ein militärgerichtliches Urteil entzogen worden war. „Und die wurden an ganz gefährlichen Fronten eingesetzt“, weiß Kammerstätter. In Griechenland wurde Neuhauser stationiert, von dort aus flüchtete er nach Bulgarien. Dort wurde er von der sowjetischen Armee aufgegriffen, so kam er dann nach Russland. Und als der Krieg vorbei war, kam er wieder zurück nach Hause und setzte seine Arbeit bei der Eisenbahn fort.

Enthüllungsfeier ist vorerst verschoben

Damit diese Geschichten nicht in Vergessenheit geraten, erinnern die zwei Gedenktafeln nun daran. Eigentlich sollten sie im Rahmen einer kleinen Feier am Mittwoch „enthüllt“ werden, die neue Corona-Verordnung sorgte aber vorerst für eine Absage. Das Projekt entstand übrigens in Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt, der Immobilienverwaltung der ÖBB, der Stadtgemeinde und dem Lionsclub. Finanziert wurden die Tafeln vom Lionsclub und der Gewerkschaft vida.