Das Ringen um Arbeitskräfte in Scheibbs. Die Dynamik am Arbeitsmarkt ist so hoch wie noch nie. Das AMS meldet Rekord an offenen Stellen. Die Firmen suchen quer durch alle Branchen teils verzweifelt Mitarbeiter.

Von Christian Eplinger. Erstellt am 06. Juli 2021 (08:46)

„Die Eröffnung musste aufgrund von Personalmangel verschoben werden“, steht auf einem Zettel auf der Eingangstür vom Scheibbser Stadtcafé „sciBBess“. Eigentlich wollten Ingrid und Ernst Hödl mit 18. Juni ihr Lokal wieder eröffnen. Doch von drei fix eingeplanten Kellnerinnen sprangen im letzten Moment kommentarlos zwei ab. Ersatzpersonal war bis heute nicht zu bekommen.

„Wir haben uns jetzt entschieden, erst nach dem Sommer wieder zu öffnen und hoffen, dass dann die Personalsituation besser ist“, sagt eine enttäuschte Ingrid Hödl im NÖN-Gespräch.

Die Hödls sind damit kein Einzelschicksal, wie ein Aufschrei von Wirte-Vertreter Mario Pulker zuletzt deutlich machte.

„Der Personalbedarf zieht sich bei uns quer durch alle Branchen, Berufe und Qualifikationsniveaus“  Peter Müller

Im Scheibbser Bezirk sind aktuell 70 sofort verfügbare offene Stellen in der Gastrobranche ausgeschrieben. Demgegenüber stehen 31 als arbeitslos gemeldete Personen, die zuletzt in der Gastronomie tätig waren. „Der Personalbedarf zieht sich bei uns quer durch alle Branchen, Berufe und Qualifikationsniveaus“, relativiert Peter Müller, stellvertretender Leiter des Arbeitsmarktservice Scheibbs. Natürlich sei der Mangel an Fachkräften am größten, aber auch Hilfskräfte werden mit 249 Stellen derzeit stark nachgefragt.

Die Gastronomie sei im Bezirk nicht stärker betroffen als zum Beispiel das Bau- und Baunebengewerbe, die Industrie oder Handel und Büro. Aktuell gibt es alleine im Bezirk Scheibbs 580 gemeldete offene Stellen. Das entspricht fast einer Verdoppelung zum Krisenjahr 2020. Auch wenn man weiter zurückblickt, wurde ein solcher Wert noch nie erreicht: Im sehr konjunkturstarken Jahr 2019 gab es 440 Suchaufträge ans AMS Scheibbs, vor fünf Jahren waren es 311 und blickt man gar zehn Jahre zurück, also zum Juni 2011, konnten die Arbeitsuchenden in Scheibbs gar nur aus 175 angebotenen Jobs auswählen.


Bereits 1.163 freie Stellen vermittelt

Insgesamt sei die Dynamik am Arbeitsmarkt enorm. Im ersten Halbjahr 2021 hat das AMS im Bezirk 1.163 freie Stellen besetzt. „Das ist ein Plus von 44 Prozent gegenüber 2020“, sieht Müller die intensive Vermittlungsstrategie als Erfolg.

Dafür sprechen auch die Arbeitslosenzahlen, die im Bezirk mit 503 Personen zwar noch leicht über dem Vorkrisenniveau der Jahre 2019 (443) und 2018 (460) liegen, aber bereits deutlich unter dem Jahr 2017 (556). Auffällig, dass vor allem die Arbeitslosigkeit bei den Über-55-Jährigen stark ansteigt. „Diese Altersgruppe macht mit 157 fast ein Drittel aller Arbeitslosen aus und ist von den Corona-bedingten Kündigungen also am schwersten betroffen“, weiß Müller.