Zu Befehl Frau Wachtmeister: Reinsbergerin hat Kommando. Ob Demonstrationen bewachen oder Gebäude evakuieren – die Reinsbergerin Tamara Schager hat das Kommando über die Jägergruppe von acht Schützen im Kosovo.

Von Kathrin Vogelauer. Erstellt am 27. September 2019 (04:32)
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Tamara Schager 
privat

NÖN: Sie sind als junge Frau für einen Auslandseinsatz im Kosovo stationiert. Wie kam es dazu?

Tamara Schager: Im Frühjahr bin ich vom Lehrgang als Unteroffizier ausgemustert worden. Das kann man sich wie einen Lehrabschluss vorstellen. Jetzt bin ich Unteroffizier mit dem Dienstgrad Wachtmeister. Zu der Zeit ist ein Zug von 30 Personen der Kaderpräsenzeinheit aus Amstetten und Klagenfurt in den Kosovo entsendet worden. Zufällig war ein Platz als Gruppenkommandant frei. Ich habe die Gelegenheit genutzt und den Platz angenommen, um als frischer Wachtmeister Erfahrungen hinsichtlich der Leitung einer Gruppe zu sammeln.

Wie ist die momentane politische Lage dort?

Hier herrschen immer noch gewisse Spannungen zwischen den Kosovo-Albanern und den Kosovo-Serben. Unsere Aufgabe ist es, Präsenz zu zeigen. Wichtig ist, die Menschen wissen zu lassen, dass jemand da ist. Wir sind bemüht, friedenserhaltende Maßnahmen zu gewährleisten, damit es zu keinen Ausschreitungen mehr kommt. Jederzeit können Demonstrationen entstehen, die wir versuchen, ruhig und unter Kontrolle zu halten.

Was sind Ihre täglichen Aufgaben bei der Leitung einer Gruppe?

Meine Gruppe besteht aus insgesamt acht Jägern. Ich erteile ihnen Aufträge, kümmere mich um Diensteinteilungen und treffe Entscheidungen. Ein Auftrag wäre zum Beispiel, wo wer zu welcher Zeit eine Patrouille durchzuführen hat. Des Weiteren kümmere ich mich um die ständige Übung und Ausbildung meiner Schützen.

Wie kann man sich die Umgebung, in der Sie arbeiten, vorstellen?

Vom Krieg sind noch viele Spuren sichtbar. Es gibt kaum Landwirtschaft, keine Felder mit Erntegut. Die Menschen leeren den Müll neben der Straße aus, weil es keine Mülldeponien gibt. Rückstände vom Krieg sieht man auch an den Häusern, die verwüstet hinterlassen oder verfallen sind. Überall stehen Rohbauten, weil das Geld fehlt, diese fertigzustellen. Zudem gibt es extrem viele herumstreunende Straßenhunde.

„Man muss stets für den Extremfall gewappnet sein. Angst habe ich keine, ich bleibe ruhig und denke strategisch.“Tamara Schager

War es eine große Umstellung für Sie, im Ausland stationiert zu werden?

Seit meinem Einrücken 2016 war ich ständig nur unterwegs, zum Beispiel bei den Kaderausbildungen. So war die Entsendung ins Ausland keine große Umstellung für mich.

Als Frau beim Bundesheer ist man ja momentan in der Unterzahl. Haben Sie diesbezüglich irgendwelche Erfahrungen gemacht?

Ich bin hier die einzige Frau in der Position als Gruppenkommandant. Weitere Frauen gibt es noch bei den Schützen oder bei den Sanitätern. Da ich mit Burschen aufgewachsen bin, war es für mich kein Umstand, ständig in der Unterzahl zu sein. Ich bin ehrgeizig und wollte immer mehr zeigen, als gefordert war.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Wann ich aufstehe, ist unterschiedlich. Manchmal um 6 Uhr morgens, manchmal habe ich aber erst um 10 Uhr einen Einsatz. An anderen Tagen muss man 24 Stunden lang das Camp bewachen. Ich habe jeden Tag Besprechung mit dem Zugskommandanten, das ist mein nächsthöherer Chef. So etwas wie Wochenenden gibt es nicht. Jeden Tag steht irgendetwas an, man ist immer abrufbereit. Gestern hatten wir eine große Übung mit den Italienern. Mittelpunkt der Übung stellte die Evakuierung von Menschen aus einem Gebäude dar. Hier gibt es keinen geregelten Alltag.

Haben Sie Bedenken, dass sich die Lage zu einem Extremfall zuspitzen könnte?

Wir sind alle gut ausgebildet und haben täglich Übungen und Ausbildungen, um für den Extremfall gewappnet zu sein. Einmal befanden wir uns schon in der Bereitschaft, wo wir dachten, jetzt müssen wir weg. Natürlich habe ich als Gruppenkommandant bereits Pläne entworfen. Ich überlegte mir zum Beispiel, wie ich meine Schützen effektiv einsetze. Angst hatte ich keine, man muss ruhig bleiben und strategisch denken.

Welche Vorkehrungen wurden getroffen, bevor Sie ins Ausland entsendet wurden?

Ein paar Wochen lang hatten wir Auslandseinsatzvorbereitung. Schwerpunkte waren zum Beispiel, wie man damit umgeht, wenn man plötzlich in einem Minenfeld steht oder Handgranaten und andere Kriegsmaterialen im Straßengraben findet. Ein wichtiger Ausbildungsschwerpunkt war auch die erweiterte Selbst- und Kammeradenhilfe. Außerdem wurden wir gegen alles Mögliche geimpft.

Wie wird Ihre berufliche Laufbahn weitergehen, gibt es schon Zukunftspläne?

Insgesamt werde ich sechs Monate hier im Kosovo sein. Anfang Oktober komme ich wieder nach Österreich zurück. Als Erstes werde ich meinen ganzen Urlaub verbrauchen. Dann habe ich vor, weiterhin Kurse beim Bundesheer zu besuchen. Nach momentanem Standpunkt habe ich die Peer-Ausbildung ins Auge gefasst. Peer-Berater sind erste Ansprechpersonen. Sie beraten und setzen sich für längere Zeit mit den Klienten und ihren Anliegen auseinander. Ich möchte Einsatzkräften nach psychisch belastenden Einsätzen helfen, den Stress besser zu bewältigen und in weiterer Folge das Erkrankungsrisiko an PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) zu senken. Aber zuerst werde ich meinen Urlaub zuhause in Österreich genießen. Ich werde viele Skitouren am Ötscher gehen.