Ärztemangel in Purgstall: „Wir sind am Limit“

Purgstaller Gemeindearzt geht in Pension. Kollegen sind an der Belastungsgrenze angelangt.

Erstellt am 13. November 2018 | 05:00
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Allgemeinmediziner Leopold Auer in seinem Wartezimmer: „Ich will mir Zeit für jeden einzelnen Patienten nehmen und werde nie die Leute in Massenabfertigung durch schleusen. Aber Wartezeiten von zwei bis drei Stunden sind durch den Ärztemangel normal geworden.“
Foto: Karin Katona

Drei Ärzte, drei Praxen, drei volle Wartezimmer – so war man es in der 6.000-Einwohner-Gemeinde Purgstall bis vor Kurzem gewohnt. Seit Gemeindearzt Johannes Bergauer Anfang Oktober seine Ordination für immer geschlossen hat, herrscht in den Praxen seiner Kollegen noch mehr Betrieb als je zuvor – was diese nah an ihre Belastungsgrenze bringt.

„Wir haben bisher ja schon zu dritt bis zum Anschlag gearbeitet. Jetzt sind wir am Limit angelangt“, fasst Allgemeinmediziner Leopold Auer die Lage zusammen. „Wartezeiten von zwei bis drei Stunden sind mittlerweile normal, dabei haben wir erst die Ruhe vor dem Sturm, bevor die winterliche Grippewelle kommt.“

Trotz wachsender Zeitnot werde er niemals Patienten im Schnellverfahren abfertigen: „Ich arbeite seit 25 Jahren so. Ich sehe es als mein Privileg, meine Patienten selbst zu behandeln und mir Zeit für jeden zu nehmen. Ich will keine Massenabfertigung.“ Durch das Aufnehmen neuer Patienten verlängern sich nicht nur die Praxis-, sondern auch die Bürozeiten: „Ich sitze jede Nacht einige Stunden, um die Daten und Krankengeschichten neuer Patienten einzupflegen.“

„Die offiziellen Zeiten, die an der Tür stehen, waren nie genug. Jetzt habe ich um ein Drittel mehr Patienten.“Karl Brandstetter, praktischer Arzt in Purgstall

Bezirksärztevertreter Karl Brandstetter, der ebenfalls in Purgstall als praktischer Arzt tätig ist, geht es genauso: „Dass ich die Ordinationszeiten, so wie sie draußen an der Tür stehen, einhalten kann, war sowieso nie der Fall. Aber jetzt habe ich auf einmal um ein Drittel mehr Patienten. Menschen, die ich, um sie gut zu behandeln, erst einmal kennenlernen muss.“ Das bedeutet auch für Brandstetter, abends noch länger als bisher vor dem Computer zu sitzen: „Die Büroarbeit hat sich fast verdoppelt.“ Die Pensionierung von Gemeindearzt Johannes Bergauer habe zur Folge, dass ab 1. Jänner 2019 im Sprengel jeder fünfte Wochenenddienst nicht besetzt werden könne.

Ob sich für Gemeindearzt Johannes Bergauer ein Nachfolger finden werde, sei derzeit noch nicht absehbar, weiß Birgit Jung, Pressesprecherin von der Ärztekammer Niederösterreich: „Es gibt eine Ausschreibung per 1. Jänner 2019. Die Bewerbungsfrist endet am 14. November um 8 Uhr.“

"Situation zunehmend auch im städtischen Bereich"

Jung kennt die Probleme ländlicher Gemeinden, junge Ärzte zu finden. „Wir haben dieselbe Situation aber zunehmend auch im städtischen Bereich. Sogar wenn es sich um gut eingeführte Praxen handelt.“ Frei gewordene Arztstellen müssen oft vielmals ausgeschrieben werden, bis sie wieder neu besetzt werden können. Vorbei die Zeiten, wo es für eine frei werdende Arztstelle vier bis fünf Bewerber gegeben hat. „Heute sind die Gemeinden schon froh, wenn sich ein Nachfolger findet und kommen den jungen Ärzten meistens sehr entgegen.“

Das bestätigt Purgstalls Amtsleiter Franz Haugensteiner und verspricht: „Wenn sich ein Arzt bei uns niederlassen möchte, werden wir alles uns Mögliche tun, um ihn zu unterstützen, zum Beispiel, was die Suche nach einer geeigneten Ordination betrifft.“ Ein großer Wunsch der Gemeinde: Ein Ärztezentrum im Ortskern-Projekt „Leben im Zentrum“.