100 Jahre NÖ: „Menschen auf dem Land waren skeptisch“

Erstellt am 05. Januar 2022 | 02:11
Lesezeit: 3 Min
Scheibbser Stadtarchivar Schagerl und Lokalhistoriker Wiesenhofer über die Entwicklung des Bezirks seit der „Geburt“ Niederösterreichs.
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Der Bericht von der Lösung Niederösterreichs von Wien lässt in der ersten Ausgabe 1922 des Erlaftalboten vom 2. Jänner große Skepsis erkennen. Die Landwirte „auf dem flachen Lande“, heißt es, seien mit der Trennung durchaus nicht einverstanden. „Die Menschen hatten damals große Sorgen wegen der Geldentwertung und drastischen Steigerung der Lebensmittelpreise“, erklärt der Scheibbser Stadtarchivar Johann Schagerl. „Die Schriftleitung des Erlaftalboten sprach vielen aus dem Herzen, wenn sie die Wiedervereinigung mit Deutschland als beste Lösung herbeiwünschte.“ Die NSDAP erfuhr Anfang der 1930er bereits viel Zuspruch und errang im Bezirk bei den Landtagswahlen 1932 11,01 Prozent der abgegebenen Stimmen. „Nazi-Hochburgen waren Purgstall, Scheibbs und Steinakirchen. 1933 gab es anlässlich der Ernennung von Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler einen großen Fackelzug in Scheibbs“, weiß der Purgstaller Lokalhistoriker Franz Wiesenhofer.

Nach der Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg und die russischen Besatzer ging es ab der Mitte der 1950er-Jahre im Bezirk wirtschaftlich bergauf. Neben der traditionell wichtigen Landwirtschaft und der – vor allem im südlichen Teil des Bezirks bedeutenden – Forstwirtschaft waren auch Tourismus und Industrie aufblühende Wirtschaftszweige. „Die metallverarbeitende Industrie mit den Werken Heiser in Kienberg, Busatis in Purgstall und Welser in Gresten war für die Region ein bedeutender Arbeitgeber, ebenso die Papierfabrik Neubruck“, weiß Stadtarchivar Johann Schagerl. 1954 erweiterte Karl Zizala, Gründer der Wiener Firma ZKW, seinen Betrieb um ein Scheinwerferwerk in Wieselburg.

Arbeitsmarkt im Bezirk steht bestens da

„Im Mai 1968 errichtete die Wiener Aufzugsfirma Sowitsch ein Zweigwerk in Scheibbs“, sagt Lokalhistorischer Franz Wiesenhofer. Auch kulturell lebte der Bezirk auf. „Landeshauptmann-Stellvertreter Franz Popp eröffnete 1955 als Kulturreferent des Landes Niederösterreich die erste Landesausstellung im Schloss Stiebar über Werke der Malerfamilie Jakob, Rudolf und Franz Alt“, erzählt Wiesenhofer. Erst 1991 wurde mit der Kartause Gaming wieder ein Ort im Bezirk Schauplatz einer Landesausstellung, 2015 war es das Schloss Neubruck, beide Veranstaltungsorte wurden im Zuge der Ausstellung revitalisiert.

100 Jahre nach der Eigenständigkeit von Niederösterreich steht der Arbeitsmarkt im Bezirk Scheibbs trotz Pandemie gut da: Mit einer Arbeitslosenquote von 2,4 Prozent liegt der Bezirk dank seiner florierenden Betriebe wieder auf Vorkrisen-Niveau. Auch das positive Niederösterreich-Bewusstsein ist keine Frage mehr: Der Erlaftalbote feiert 1994 zwar noch seinen 100. Geburtstag, wird aber 2002 von den Niederösterreichischen Nachrichten übernommen. Die Erlauftaler NÖN selbst erscheint seit 1946 im Verbund der NÖ Nachrichten.

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