Bürgermeister im Homeoffice: Wenn Bürgernähe ausbleibt. Wie Ortschefs im Bezirk Scheibbs ihre Amtsgeschäfte trotz Lockdown führen und Kontakt zu Bürgern halten, das weiß die NÖN.

Von Anna Faltner und Karin Katona. Erstellt am 04. November 2020 (04:44)
Video-Konferenzen, in dem Fall auch Interviews mit NÖN-Mitarbeiterin Anna Faltner, gehören für Grestens SP-Bürgermeister Harald Gnadenberger schon fast zur Normalität.
Claudia Christ

Wie funktioniert Bürgerservice, wenn man den Bürgern oft gar nicht in die Augen sehen kann? Seit mittlerweile mehr als einem halben Jahr ist natürlich auch das Gemeindeleben stark reduziert. Die Gemeindeämter fahren teils nur mit Notbetrieb, Veranstaltungen, große Runden beim Wirten – all das gibt es momentan nicht. Die NÖN hat sich umgehört und Bürgermeister gefragt, wie es ihnen mit der aktuellen Situation geht.

Die Marktgemeinde Gresten hat gerade am eigenen Leib erlebt, wie schnell es geht, dass der Bürgermeister für zehn Tage isoliert sein muss. „Ich war in Summe acht Tage in Quarantäne. Am Donnerstag habe ich erfahren, dass ich am Montag davor Kontakt mit einer positiv getesteten Person hatte“, erzählt SP-Bürgermeister Harald Gnadenberger. Langweilig wurde ihm zuhause nicht. Er war nämlich im Homeoffice tätig. „Etwa 90 Prozent meiner Arbeit konnte ich von zuhause aus erledigen. Nur die Unterschriften waren halt schwieriger. Ein paar Dokumente hat mir dann unser Amtsleiter zum Unterschreiben vor die Haustüre gelegt“, verrät Gnadenberger. „Da kommt man sich schon ein bisschen komisch vor“, gesteht er. Was ihm fehlt, ist das Ungeplante. Das spontane Gespräch am Fußballplatz, im Theater oder im Wirtshaus. „Denn dafür kommen die Leute nicht extra in die Sprechstunde. Aber wir versuchen, trotz Lockdowns, den Alltag so gut wie möglich aufrecht zu erhalten“, sagt er.

„Um mit den Bürgern in Kontakt zu treten, nutzen wir verstärkt Youtube, Facebook und Gem2Go.“ Franz Aigner, Bürgermeister von Scheibbs

Etwas Positives kann er der ganzen Situation aber auch abgewinnen: Video-Besprechungen mit den Gemeinderäten, Planungsfirmen und auch Baumeistern. Warum? „Weil die Terminfindung da viel einfacher ist. Wenn jemand auf Dienstreise ist, kann er trotzdem dabei sein. Und man erspart sich viele Wege. Ich werde das auch nach der Krise sicher stärker nutzen“, ist sich Gnadenberger sicher. Ein weiterer positiver Aspekt sind für ihn „Webinare“. „An interessanten Veranstaltungen, zu denen ich vermutlich nicht extra hingefahren wäre, kann ich jetzt von zuhause aus teilnehmen.“

Schon im März musste Karl Gerstl, VP-Bürgermeister von Wieselburg-Land, wegen einer schweren Corona-Infektion ins Spital. Mittlerweile ist er wieder fit. Der Bürgermeister konnte und wollte seine persönlichen Kontakte nicht verringern. Denn speziell nach den Starkregenereignissen des heurigen Sommers waren Gemeindebedienstete und Mandatare gefordert; alle Schadensfälle wurden persönlich abgewickelt. „Die Bürgerkontakte wurden entsprechend den aktuell geltenden Covid-19-Verordnungen durchgeführt, eine Verringerung der Amtszeiten und Sprechstunden habe ich nicht sinnvoll gefunden, informieren sich doch überraschend viele Bürger am Gemeindeamt. Besonders wichtig sind jedoch Terminvereinbarungen“, sagt Gerstl.

Viele Gemeindebürger bevorzugen inzwischen Hausbesuche durch den Bürgermeister anstatt der Sprechstunde am Gemeindeamt. Der Bürgermeister ist in Wieselburg-Land in Sachen Corona ein gefragter Gesprächspartner. „Weil ich Corona aus eigener Erfahrung kenne, mehrmals negativ getestet wurde und noch immer einen hohen Antikörperstatus bei der Blutuntersuchung hatte“, betont der Ortschef.

Immer erreichbar sein, besonders in der Krise, ist die Devise des Scheibbser VP-Bürgermeisters Franz Aigner. „Während des Lockdowns hatten wir ein Notfalltelefon eingerichtet, das immer besetzt war“, berichtet Aigner. „Wenn Hilfe gefragt war, haben wir das organisiert, ob es darum ging, Medikamente aus der Apotheke zu holen oder Kohle vom Keller ins Haus zu tragen. Die meisten Anrufer hatten gar keine konkreten Anliegen, wollten einfach nur reden.“ Doch: „Dem Nachbarn zu helfen, ist bei uns üblich. Ob mit oder ohne Corona.“

Bürger sind – unter strengster Einhaltung der Coronabestimmungen – weiterhin zu Sprechstunden im Rathaus eingeladen, einzeln und nach Voranmeldung. Ansonsten werde man während des Lockdowns verstärkt andere Medien nutzen, um mit den Bürgern in Kontakt zu treten. Über seinen Youtube-Kanal meldet sich Bürgermeister Franz Aigner schon seit seinem Amtsantritt regelmäßig zu Wort. Für einen mobilen Bürgerservice legt er den Bürgern auch die Gemeinde-Info- und Service-App Gem2Go ans Herz. „Wir halten zusammen und lassen auch in diesen Zeiten unsere Bürger mit ihren Sorgen und Problemen nicht allein“, sagt Aigner.

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