Flüchtlinge: „Es geht um die Zukunft der Kinder“

Erstellt am 09. September 2020 | 03:34
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Gelungener Start in ein neues Leben: Ghorban, Zainap, Zahra und Zoghra Amiri-Khavari mit ihren Betreuern Erna Vollmann, PeterHaslwanter und Elfriede Müller (von links).
Foto: Karin Katona
Von den Asylwerbern, die vor fünf Jahren in den Bezirk kamen, sind viele geblieben und haben sich eine Existenz aufgebaut.
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Lächelnd, mit Kurzhaarfrisur, dezentem Make-Up und pinkem Pullover sitzt Zoghra Khavari auf der Couch ihrer Purgstaller Wohnung. „In Afghanistan hätte ich so nicht auf die Straße gehen können“, sagt die junge Frau nachdenklich. Mit ihrem Mann Ghorban Amiri und ihren beiden Töchtern Zainap und Zahra ist sie vor fünf Jahren aus dem vom Krieg verwüsteten Land geflohen und in Purgstall „gestrandet“. „Es war schwer, wieder von null anzufangen. Ich wollte so viel wie möglich selbst erledigen. Mir war klar, ich muss so schnell wie möglich Deutsch lernen.“

Mittlerweile hat sich die Familie in Purgstall eine Existenz aufgebaut, Deutsch gelernt und vor Kurzem subsidiären Asylstatus erhalten. Familienvater Ghorban darf endlich arbeiten, ist seit einem Monat bei der Firma Steiner beschäftigt. „Ich bin den Menschen, die uns hier aufgenommen und unterstützt haben, so dankbar“, sagt Zoghra. „Ohne sie hätten wir es wohl nicht so gut geschafft.“

Begleitet wurde die afghanische Familie – wie alle anderen neun Flüchtlingsfamilien, die in den vergangenen fünf Jahren in Purgstall gelebt haben, von den Ehrenamtlichen des Teams „Willkommen Mensch in Purgstall“. Sie haben bei Wohnungssuche, Deutschkurs, Behörden- und Arztwegen und vielem anderem mehr geholfen. „Wir haben es gern getan und würden es immer wieder machen, auch, wenn jeder manchmal an seine Grenzen stößt“, sagt Erna Vollmann vom „Willkommen“-Team.

Was sie jedoch besonders ärgert: „Wir fühlen uns von der Politik auf allen Ebenen im Stich gelassen. Ohne das Engagement der Freiwilligen wäre die Integration der Flüchtlinge niemals möglich gewesen. Das wäre eine Aufgabe des Staats, die aber einfach auf die Bürger abgewälzt wurde.“

„Integration geht nur über Arbeit und Leistung. Wir müssen Menschen eine Chance geben, sich eine Existenz aufzubauen.“ Thomas Harreither, Betriebsleiter Firma Mosser

Im Stich gelassen fühlen sich auch viele andere ehrenamtliche Flüchtlingshelfer – wie der Puchenstubner Alois Höger, der für den Verein „Willkommen Mensch – Verein zum Finden einer neuen Heimat“ die Deutschkurse organisiert. „Bis vor zwei Jahren hat es in Niederösterreich Förderungen für alle Deutschkurse für Flüchtlinge gegeben. Jetzt nur noch für die Asylwerber mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit, wie Syrer. Afghanistan, Iran und Irak gelten als sichere Länder.“

Der Verein muss das Geld für seine Kurse seither durch Spendenaktionen und Benefizveranstaltungen selbst auftreiben. Unterstützung dabei leistet der Verein „Brücke“, der am kommenden Freitag, 11. September, 19.30 Uhr, im Schloss Neubruck ein Benefizkonzert mit Scheibbs3 Pur und einer Lesung mit Ali Heidari veranstaltet, der seine Erlebnisse auf der Flucht als biografischen Roman verarbeitet hat.

Auch in Steinakirchen hat sich vor fünf Jahren eine „Willkommen Mensch“-Gruppe zusammengefunden, die seither fünf Familien in und rund um Steinakirchen begleitet hat. „Unser erklärtes Ziel war es immer, die Menschen auf den Stand zu bringen, dass sie sich aus eigener Kraft erhalten können“, sagt Obmann Christoph Heinreichsberger. „Jetzt haben wir den Eindruck, dass ein Ende herausschaut. Von fünf Familien sind vier geblieben, die Kinder gehen in die Schule, alle haben Arbeit oder zumindest Aussicht auf Arbeit. Ich bin optimistisch und froh, auch wegen der Kinder, die jetzt eine gute Zukunftsperspektive haben.“

Ein Betrieb, der einigen asylberechtigten Afghanen eine Chance gegeben hat, ist die Firma Mosser. Die Afghanen arbeiten im Betrieb in verschiedenen Arbeitspositionen, vom Staplerfahrer bis zum Maschinisten in der Säge. „Was es zur Integration braucht, sind Deutschkenntnisse, Arbeitswille und Leistung am Arbeitsplatz“, sagt Betriebsleiter Thomas Harreither. „Für den erfolgreichen Beginn braucht es jedoch auch eine Art Mentoring-Programm, das wir in Zusammenarbeit mit dem Verein Willkommen Mensch in Steinakirchen durchgeführt haben.“

Denn: „Sie einfach nur auf den Arbeitsplatz hinstellen, funktioniert nicht.“ Mittlerweile seien die afghanischen Mitarbeiter voll im Betrieb integriert. „Die Flüchtlinge bringen die gleiche Leistung wie alle anderen und haben dadurch auch die Akzeptanz der Kollegen gewonnen. Gerechtigkeit und Fairness sind hier sehr wichtig und müssen auch vom Betrieb vorgelebt werden.“ Um den afghanischen Mitarbeitern das Gefühl zu geben, aktiver Teil der Belegschaft zu sein, sind sie auch bei sämtlichen Feiern dabei. „Diese Menschen wollen sich in Österreich eine neue Existenz aufbauen. Das müssen wir unterstützen, denn es belebt auch die Wirtschaft.“ Harreither beobachtet eine positive Entwicklung. „Man merkt, dass die Verfahren schneller abgewickelt werden, was für einen Betrieb wichtig ist, um Planungssicherheit zu haben.“

Die Zukunft der Kinder steht auch bei der Familie Khavari-Amiri an oberster Stelle. Darum werden sie in Purgstall bleiben, wo sie und ihre Töchter sich so gut eingelebt haben. „Am ersten Schultag meiner Tochter habe ich vor Freude geweint“, sagt Zoghra Khavari. „In Afghanistan hätte sie keine Chance auf eine Schulbildung gehabt. Hier darf sie wie alle anderen Kinder in die Schule gehen.“

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