Gemeindezusammenlegungen: Zeitzeugen erinnern sich. Zeitzeugen erinnern sich an so manche Auseinandersetzung, bevor Gemeinden zusammenwuchsen.

Von Karin Katona und Anna Faltner. Erstellt am 22. April 2021 (04:40)
Ignaz Bruckner war zur Zeit der Gemeindezusammenlegung mit Purgstall Bürgermeister von Feichsen.
privat, privat

18 Gemeinden umfasst der Bezirk Scheibbs heute. Geht man 50 Jahre zurück, waren es noch um zwölf Gemeinden mehr. Mit Wirkung vom 1. Jänner 1971 gab es in vier Gemeinden des Bezirks die bisher letzten großen Gemeindezusammenlegungen: In die vier bereits bestehenden Großgemeinden Oberndorf, Purg stall, Steinakirchen und Wang wurden insgesamt zwölf Kleinstgemeinden eingegliedert.

Franz Erber war damals Gemeindesekretär in Steinakirchen. Die erste Zusammenlegung fand bereits 1965 statt, wo Ernegg eingemeindet wurde. „Das passierte noch freiwillig. Da gab es vom Land eine erhöhte Bedarfszuweisung für die Gemeinden“, weiß Erber. 1970 kam dann Lonitzberg zu Steinakirchen dazu. 1971 folgten Zehetgrub und Ochsenbach.

Im Raum standen übrigens mehrere Ideen, nämlich die Gemeinden Steinakirchen, Wang und Wolfpassing ganz zusammenzulegen, Pyhrafeld nach Steinakirchen, oder gleich eine eigene Gemeinde mit Pyhrafeld und Ochsenbach als Gemeinde Steinakirchen-Umgebung zu gründen. „Ein Teil von Ochsenbach wollte nach Ferschnitz. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung war also gegen diese Zusammenlegung, sogar eine Unterschriftenliste gab es dagegen. Aber der Gemeinderat hat es so beschlossen“, erzählt Erber.

In Lonitzberg hatte der Gemeinderat sogar zwei Beschlüsse gefasst, einen für die Zusammenlegung mit Steinakirchen und einen für Wang. Der „Bestbieter“ sollte es dann werden. Mit Steinakirchen schaute dann eben ein „Ortsvorsteher“ für den Bürgermeister heraus. In Zehetgrub ging das ganz automatisch, der damalige Ortschef war für die Fusion. „Die Lonitzberger waren auch nach der Zusammenlegung nicht so ganz zufrieden. Bei der Nationalratswahl 1970 gaben sie ihre Stimmen in Wang und nicht in Steinakirchen ab“, erinnert sich der 83-Jährige.

„Ich habe alle Gemeinderäte persönlich eingeladen, bei der Sitzung für die Zusammenlegung zu stimmen.“ Ignaz Bruckner, der damalige Bürgermeister von Feichsen

Für Erber als Gemeindesekretär hat sich aber gar nicht allzu viel verändert. Eine Personalaufstockung am Gemeindeamt war kein Thema. Dafür mussten die ehemals eigenständigen Kommunen ihre Heimatrollen, Grundbücher und alle Dokumente für das Meldewesen abliefern. „Das war sicher ein Vorteil, eine Verwaltungsvereinfachung. Davor gab es mehrere einzelne Stellen, die für die Beihilfen, das Meldewesen oder die Krankenkasse zuständig waren.“

Erster Bürgermeister der Großgemeinde war Josef Eppensteiner. „Er hat zu mir gesagt, dass wir die Häuser alle besuchen müssen, uns vorstellen, damit man uns kennt“, erzählt Erber, der 2003 in Pension ging. Für ihn war damals auch spannend, was mit den Bürgermeistern nach der Fusion passiert. „Einer war dann gleich der Standesbeamte, einer war Ortsvorsteher und zwei waren Landwirte – und eine Abfertigung haben sie natürlich bekommen“, weiß der ehemalige Gemeindesekretär.

Von Haus zu Haus gehen musste auch Ignaz Bruckner, damals Bürgermeister von Feichsen, das heute zur Marktgemeinde Purgstall gehört. „Ich habe alle Gemeinderäte persönlich eingeladen, bei der Sitzung für die Zusammenlegung zu stimmen“, schildert Bruckner. „Ich musste aber nicht besonders viele Zweifler überzeugen, denn bis auf eine Gegenstimme ging die Abstimmung für die Eingemeindung per 1. Jänner 1971 glatt über die Bühne.“ Im benachbarten Rogatsboden, einer Kleinstgemeinde, die ebenfalls ab 1. Jänner zur Marktgemeinde Purgstall gehören sollte, regte sich mehr Widerstand.

„Gemeinsam mit dem Rogatsbodner Josef Hofmarcher habe ich dann auch dort noch Überzeugungsarbeit geleistet – und wir waren auch da erfolgreich“, sagt Bruckner. Eine weitere Eigenständigkeit der kleinen Gemeinden sei schon aus finanziellen Gründen unmöglich gewesen. „Wir hätten damals 10.000 Schilling zur Errichtung des neuen Volksschul-Turnsaals beitragen sollen. Das Geld hatten wir nicht. Wir konnten uns ja kaum die Erhaltung unserer Güterwege leisten“, sagt Ignaz Bruckner im Rückblick.

Bruckner setzte übrigens seinen politischen Weg in der „Muttergemeinde“ fort. Er war geschäftsführender Gemeinderat für Finanzen, neun Jahre Vizebürgermeister und schließlich zwölf Jahre, von 1985 bis 1997, Bürgermeister von Purgstall. In seiner ehemaligen Heimatgemeinde Feichsen hat sich seit den 70er-Jahren viel getan. „Durch die Freigabe neuer Baugründe ist die Einwohnerzahl der Katastralgemeinde Feichsen von etwa 300 auf 700 angewachsen. Da sind Siedlungen dabei, die so weit vom Ortszentrum liegen, dass viele Bewohner gar nicht wissen, dass sie zu Feichsen gehören“, sagt Bruckner.