„Pädagogik spielt keine Rolle mehr“. Ziffernnoten in der Volksschule und die Wiedereinführung der Leistungsgruppen erhitzen die Gemüter.

Von Karin Katona und Claudia Christ. Erstellt am 09. Oktober 2018 (05:16)
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Wenn es nach den Plänen der Regierung geht, werden künftig die Schüler der Volksschule Wieselburg, im Bild Schüler der Vorschulklasse mit Direktorin Helga Jungwirth, mit Ziffernnoten beurteilt.
Claudia Christ

Das geplante „Pädagogikpaket“ der Regierung sorgt dieser Tage für Diskussionsstoff. Beinhaltet es doch die Wiedereinführung der Ziffernnoten in allen Volksschulklassen, aber auch ein Durchfallen ab der zweiten Klasse. In der Mittelschule soll der Unterricht wieder in Leistungsgruppen stattfinden.

Für Volksschuldirektorin Helga Jungwirth in Wieselburg ist die geplante Wiedereinführung der Noten ein Rückschritt ins 20. Jahrhundert. „Die Notengebung erzeuge nur unnötigen Stress und Druck bei den Schülern“, erklärt sie. Derzeit werden die Schüler hier bis zur dritten Klasse verbal beurteilt.

„Es hat viel Aufwand und Zeit in Anspruch genommen, dass dieses System auch von den Eltern akzeptiert wurde. Nun wird unsere Arbeit mit einem Schlag wieder zunichtegemacht“, ärgert sich die Direktorin. Jungwirth kann der differenzierten Beurteilung nur Positives abgewinnen: „Es ist eine wertschätzendere und aussagekräftigere Beurteilung als einfach nur eine Zahl. Außerdem können wir die Schüler dort abholen, wo sie grade stehen, ihre Talente besser fördern und auf Schwächen eingehen.“

„Das Engagement, das wir in die NMS gesteckt haben, wird in keinster Weise geschätzt.“

Rosa Hörhann, NMS Direktorin Wieselburg

Mit einer leichten Änderung in puncto Sitzenbleiben ließ VP-Bildungsminister Heinz Faßmann dann im Laufe der Woche aufhorchen. In der zweiten Klasse darf demnach mit einem Fünfer automatisch aufgestiegen werden, ab zwei „Fleck“ entscheidet darüber die Schulkonferenz. „Schüler, die in der Volksschule Wieselburg eine Klasse wiederholen, gibt es kaum. Das kommt nur alle zwei bis drei Jahre vor“, betont die Direktorin.

„Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück“

Verärgert von den neuen Plänen des Bildungsministers ist Direktor Franz Hofmarcher von der NMS Purgstall: „Hier wird der Kontext vermittelt, dass die NMS keine funktionierende Schule ist. Das finde ich eine unglaubliche Herabwürdigung unserer Arbeit.“

Dass erneut am Konzept der NMS herumgedoktert wird, ärgert den Pädagogen besonders: „Man schaut sich nicht das gesamte Bildungssystem an, sondern nimmt sich die Mittelschulen als Problemfall heraus. Die AHS haben ja dieselben Bedingungen.“ Hofmarchers Kritikpunkt: „Viele unserer Schüler bringen hervorragende Leistungen. Doch uns wird unterstellt, dass wir sie nicht genug fördern können.“

Schulleiter Franz Hofmarcher: „NMS ist ewige Baustelle.“
Katona

Mit der neuerlichen Änderung der Leistungsdifferenzierung – ab der sechsten statt wie bisher ab der siebenten Klasse – könne er leben: „Wir werden den Weg, den wir hier in Purgstall schon seit zwanzig Jahren beschreiten, weitergehen. Ich hoffe, dass das Versprechen, den Schulen die Wahl zwischen Team Teaching und dauerhaften Leistungsgruppen zu lassen, gehalten wird.“

Wie viele seiner Kollegen fürchtet Hofmarcher, dass den Schulen auf Dauer Ressourcen verloren gehen könnten: „Für fixe Leistungsgruppen braucht man weniger Lehrerstunden. Es werden sich sicher viele Schulen entscheiden, zum neuen alten System zurückzukehren. Ich hoffe, dass man dann nicht bei allen Schulen zu sparen anfängt.“

Mit einem kann der Purgstaller Schulleiter sich jedoch anfreunden: „Mir gefällt die Umwandlung von NMS in MS. Von da wäre es nur ein Schritt zur GMS, der gemeinsamen Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen.“ Denn: „Ich würde mir ein Bildungskonzept wünschen, das den Schulen größtmögliche Flexibilität und Differenzierungsmöglichkeiten gibt, um auf alle Schüler und den Standort einzugehen. Mit der GMS hätte man außerdem viel mehr Ressourcen und weniger Verwaltungsaufwand.“

Ihren Ärger frei heraus lässt auch Wieselburgs NMS-Direktorin Rosa Hörhann: „Hier spielt Pädagogik überhaupt keine Rolle mehr. Da herrscht rein politisches Denken“, ärgert sich Hörhann und sieht die Wiedereinführung der Leistungsgruppen als „Rückschritt in die 70er-Jahre. Das gesamte Engagement, das wir in den letzten Jahren in die Entwicklung der NMS gesteckt haben, wird in keinster Weise geschätzt“, sagt Hörhann und ist überzeugt, dass gerade durch diese Regelung auch die soziale Kluft in der Schule weiter aufgebaut wird.

 

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