Schulschließungen: „Maßnahmen waren nicht ausreichend“. Notwendigkeit wird im Bezirk Scheibbs akzeptiert, doch kritische Stimmen sagen, Schul-Lockdown hätte verhindert werden können.

Von Karin Katona. Erstellt am 18. November 2020 (05:34)
„Ich will kein Distance Learning, sondern in die Schule!“ schrieb die elfjährige Flora Leichtfried aus Wieselburg auf einen Zettel und drückte damit aus, was viele Pflichtschüler, aber auch Lehrer, denken.
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„Ich will kein Distance Learning, sondern in die Schule!“ schrieb die elfjährige Flora Leichtfried aus Wieselburg auf einen Zettel, den ihre Mutter Katrin auf Facebook postete. So wie die Schülerin der ersten Klasse des BG/BRG Wieselburg fühlen die meisten Pflichtschüler, die seit Dienstag wieder zu Hause unterrichtet werden. Es gibt Betreuungsmöglichkeiten in den Schulen und Kindergärten, aber die wurden schon beim ersten Lockdown im Frühjahr nur wenig ausgenutzt. Auch jetzt rechnen die Direktoren nicht mit vollen Klassen.

„Dennoch wird die Betreuung vermutlich jetzt mehr angenommen, als beim ersten Lockdown“, weiß Direktor Martin Hörmer. Er leitet die Volksschulen Gaming, St. Anton/Jeßnitz und Puchenstuben. Der Lockdown kam für ihn und sein Team überraschend. „Die ganze Zeit hat man uns versichert, dass die Pflichtschulen offenbleiben“, kann er die Entscheidung nur schwer nachvollziehen. „Für den Schulbetrieb wäre es besser gewesen, wenn wir auf Schichtbetrieb umgestellt hätten. Das hätte allerdings schon etwas früher passieren müssen, dann wären wir möglicherweise nicht da, wo wir jetzt stehen“, meint er.

„Es wäre besser gewesen, auf Schichtbetrieb umzusteigen.“ VS-Direktor Martin Hörmer

Mehr Anmeldungen zur Tagesbetreuung in der Schule hat Direktorin Manuela Gutlederer von der Volksschule Purgstall verzeichnet. In den zweiten Lockdown ist man gelassener gegangen: „Es war viel zu regeln und vorzubereiten. Es wird für Eltern, Kinder und Lehrer wieder eine große Herausforderung. Aber wir sind vorbereitet und wissen, dass es funktioniert.“ Sorgen macht sich Gutlederer eher um den Lernerfolg der Kinder: „Vor Kurzem hat mir eine Lehrerin gesagt, jetzt haben wir alles aufgeholt und sind wieder ‚richtig drin‘. Jetzt ist wieder Schluss.“ Mit Distance Learning neuen Stoff genauso gut zu vermitteln wie in der Schule, sei schlicht unmöglich, sagt Direktor Thomas Holzgruber von der Volksschule und NMS Lunz. „Als Lehrer muss man ein Gefühl dafür haben, aus dem Stoff das Essenzielle herauszufiltern. Sprich: Mut zur Lücke zu haben.“

Nicht so sehr Wissenslücken, sondern Konzentrationsstörungen und Veränderungen im Sozialverhalten hat Direktorin Sigrid Fritsch vom BG/BRG Wieselburg an ihren Schülern nach dem ersten Lockdown festgestellt: „Viele Kinder waren nicht mehr gewohnt, mit Ernsthaftigkeit bei der Sache zu sein. Und man hat gemerkt, wie sehr sie ihre Freunde vermisst hatten.“ Der Schließung der Schulen steht die Schulleiterin kritisch gegenüber: „Wir haben alle Hygienevorschriften eingehalten und hatten nur wenige positive Fälle. Wir würden lieber offen halten.“

Versäumnisse, nicht nur der Schulen, sondern vor allem der Schulerhalter, sieht Eva Hottenroth, Elternvereins-Obfrau der Volksschule Scheibbs: „Die Schulen haben zu spät reagiert. Für effektivere Maßnahmen zum Infektionsschutz müssen die Schulerhalter mehr Geld in die Hand nehmen.“ Lüften allein, und das mitten im Winter, reiche nicht. Luftreinigungsgeräte, größere Räume, mehr Platz: „Das sind notwendige Investitionen für die Gesundheit aller. Besonders die Kinder müssen der Gesellschaft das wert sein“, sagt die zweifache Mutter.

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