42 Jahre in einer Firma: „Heute schon eine Rarität“. 42 Jahre lang war Vorstandsvorsitzende Waltraud Brandner in der Sparkasse Scheibbs tätig. Mit 30. September geht sie zum letzten Mal als Angestellte durch diese Tür.

Von Christian Eplinger. Erstellt am 24. September 2020 (04:18)
Waltraud Brandner sagt nach 42 Jahren Adieu und geht in die Pension.
Christian Eplinger

Genau an ihrem 60. Geburtstag, dem 30. September, wird Waltraud Brandner ihren letzten Arbeitstag bestreiten.

„Ich habe immer gesagt, dass ich gehen möchte, wenn ich gehen kann. Nicht, weil mir meine Arbeit keinen Spaß mehr macht. Aber ich will die Zeit jetzt mit meinem Mann und meiner Familie genießen können. Sie mussten in all den Berufsjahren ohnehin oft genug zurückstecken und haben mich trotzdem immer unterstützt. Sonst wäre meine Karriere ganz anders verlaufen“, schildert Waltraud Brandner der NÖN.

Von der Handelsschule direkt in die Sparkasse

Ihre Karriere bei der Sparkasse Scheibbs begann am 1. September 1978. „Ich bin direkt nach der Handelsschule in Waidhofen/Ybbs hier im damals neuen Sparkassen-Gebäude eingestiegen, habe bis auf den Kassier alle Positionen durchlaufen und gehe hier auch wieder in Pension – schon eine echte Rarität in der heutigen Zeit“, weiß Brandner.

Dass ihr Ehemann und später ihre Familie immer wichtige Stützen bei Brandners Aufstieg auf der Karriereleiter der Sparkasse waren, zeigt auch der Umstand, dass sie 1981 nur acht Wochen nach Geburt ihres Sohnes wieder arbeiten ging. „Mir ist damals der Fachbereich Kredit angeboten worden. Da wollte ich nicht Nein sagen“, erinnert sich Brandner.

„Wir Frauen sind auch selber schuld, weil für uns meist die Familie vorgeht und wir zurückstecken. Wenn da der Partner nicht mittut, dann hast du als Frau keine Chance.“Waltraud Brandner

Unter Altvorstandsdirektor Eduard Springinsfeld arbeitete sich Brandner systematisch hoch, erhielt 1994 die Gesamtprokura und machte die nächsten zwei Jahre die Managementausbildung. Kurz nachdem sie 1996 ihre Prüfung erfolgreich abgelegt hatte, wurde sie mit 1. Jänner 1997 unmittelbar nach der Pensionierung von Waltraud Auer zum zweiten Vorstand der Sparkasse Scheibbs berufen. Sie hatte sich im Hearing durchgesetzt und war wie auch schon ihre Vorgnägerin in eine Männerdomäne eingedrungen. „Ich war damals die einzige Frau in einem Vorstand der Sparkassen. Heute sind wir zumindest schon sechs“, weiß Brandner.

Am 1. Februar 2014 „beerbte“ Brandner dann Johann Schragl als Vorsitzende des Vorstandes der Sparkasse Scheibbs. Den höchsten Posten, den es in der Sparkasse Scheibbs gibt. „Wir sind eine kleine feine Sparkasse, wo Regionalität wirklich gelebt wird. Wir haben 35 Mitarbeiter in den drei Filialen Scheibbs, Purgstall und Wieselburg. Da ist die persönliche Beziehung untereinander aber vor allem auch zu den Kunden sehr wichtig“, sagt Brandner, deren Nachfolger als zweiter nun gleichberechtigter Vorstand neben Direktor Heinz Huber schon bestimmt ist. Mario Nefischer aus Winklarn hat sich im Hearing gegen 25 Bewerber durchgesetzt. Übrigens hat es nur eine Frau ins Hearing geschafft – und die hat zwei Tage vorher abgesagt. „Wir Frauen sind auch selber schuld, weil für uns meist die Familie vorgeht und wir zurückstecken. Wenn der Partner nicht mittut, hast du als Frau keine Chance“, sagt Waltraud Brandner, die von 2000 bis 2017 auch Bezirksvorsitzende der Frau in der Wirtschaft gewesen ist. „Ich bin eine Netzwerkerin. Das habe ich immer gern gemacht und ist unglaublich gut angenommen worden. Aber gerade als Frau darfst du dir auch für keinen Anruf zu stolz sein.“, weiß Brandner aus Erfahrung.

Rufe, in die Kommunalpolitik zu gehen, hat sie geflissentlich überhört. „Bankdirektor und Kommunalpolitiker lässt sich für mich persönlich nicht vereinen“, sagt Brandner. 2018 erhielt sie dennoch für ihr wirtschaftspolitisches Engagement den Titel Kommerzialrätin. Ihre Berufsentscheidung hat sie übrigens nie bereut.

Mit 30. September lässt sie fast alle öffentlichen Funktionen endgültig hinter sich. Einzig als Kassierin im Scheibbser Hospizverein wird sie weiter tätig sein. „Ich bin seit der Gründung mit dabei. Das ist für mich eine schöne und sehr wichtige Aufgabe“, sagt Brandner. Ansonsten wird ihre neu gewonnene Freizeit vor allem der Familie gehören. „Ich liebe die Natur, will 2021 die Wanderführerausbildung machen und noch viele Wandertouren in Österreich begehen. Mein Mann und ich sind Österreich-Urlauber – schon lange vor Corona“, lächelt Brandner. Aber auch die Kultur hat es ihr angetan. Schon vor einigen Jahren hat sich die Familie Brandner eine Zweitwohnung in Wien angeschafft: „Die werden wir jetzt öfter nutzten, um das wundervolle kulturelle Leben in Wien zu genießen. Das sind schon Vorzüge, die eine Großstadt hat. Auch wenn ich nach wie vor überzeugte Scheibbserin bin.“