Eine Geschichte der Vertreibung. Am Samstagabend feierte die grenzüberschreitende Leader-Filmproduktion „VerWurzelt“ in der Kulturschmiede Gresten Premiere. Ein besonderes Geschichts-Projekt.

Von Christian Eplinger. Erstellt am 10. Juli 2018 (03:51)
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Auf der einen Seite steht die Geschichte der Gegenreformation im Scheibbser Bezirk. Das Konzil von Trient gab 1563 dem Herrscher das Recht, die Religion seiner Untertanen zu bestimmen. Die traditionell katholischen Habsburger entschlossen sich, ihre Untertanen, die im Zuge der Reformation auch in Scheibbser Bezirk in erheblicher Zahl zum Luthertum übergetreten waren, mithilfe der Kirche und mithilfe neu berufener katholischer Ordensgemeinschaften zum katholischen Glauben zurückzuführen. Zahlreiche Menschen aus Gresten, Reinsberg, Steinakirchen, Purgstall, Wieselburg und Scheibbs mussten wegen ihrer katholischen Gesinnung auswandern.

Die Geschichte war über Jahrhunderte vergessen

Auf der anderen Seite das Frankenland. Dort hatten der 30-jährige Krieg und die Pest die Bevölkerung in den Dörfern auf knapp zehn Prozent reduziert. „1648 waren bei uns ganze Dörfer entvölkert. Ohne die rund 1.500 Exulanten aus Niederösterreich, Oberösterreich und Kärnten hätte es bei uns keinen Wiederaufbau gegeben“, weiß Bürgermeister Walter Schnell aus der deutschen Gemeinde Kammerstein, der samt Delegation extra zur Präsentation des grenzüberschreitenden Leader-Filmprojektes „VerWurzelt“ nach Gresten gekommen war. Noch heute werden bei Feiern im Frankenland oft alpendländisches und österreichisches Liedgut angestimmt, weiß Schnell, der durchaus eine Seelenverwandtschaft zwischen den Franken und den Menschen im Mostviertel ortet.

Doch genau diese Geschichte der Vertreibung, Wiederansiedelung und letztendlich der Versöhnung der Religionen war lange Jahre in Vergessenheit geraten. Dank der seit 20 Jahren aktiven Arbeitsgemeinschaft Familienforschung NÖ Eisenwurzen und Franken wurde diese Geschichte aufgearbeitet.

Aufarbeitung heute aktueller denn je

Jüngstes Zeichen war das grenzübergreifende Leader-Filmprojekt „VerWurzelt – Glaubensflüchtlinge. 500 Jahre Reformation Mostviertel und Franken“. Am Samstagabend feierte der 40-minütige Dokumentarfilm von Anita Lackenberger in der voll besetzten Grestner Kulturschmiede Premiere. „Anlässlich der beiden Erinnerungsjahre 2017 – vor 500 Jahren schlug Martin Luther seine 95 Thesen an – und 2018 – vor 400 Jahren brach der 30-jährige Krieg aus – kann eine solche Geschichte der Flucht, des Neuanfangs und des Wiedersehens nicht unerzählt bleiben. Gerade in einer Zeit, in der Europa versucht, sich vor Flucht und Migration abzuschotten, ist das wichtig“, ist Anita Lackenberger überzeugt.

Geschaffen hat sie ein kurzweiliges, informatives und berührendes Filmerlebnis, das es in Kürze auch auf DVD geben wird. Infos zur Bestellung der DVD oder zur Bestellung der beiden Bücher von Hans Karner gibt es direkt bei diesem unter 0664/4112201.

Im Herbst werden noch zwei Schulfilme, gedreht mit Schülern der Neuen Mittelschule Gresten, folgen. Denn für Produzentin Anita Lackenberger war auch die Nachhaltigkeit dieses Projektes entscheidend. „Ich bin Historikerin, aber Geschichte kann man Jugendlichen nicht mit einem Frontalvortrag näherbringen. Geschichte wird lebendig, wenn man die Kinder selbst diese Geschichte erzählen und erleben lässt. Genau das haben wir getan“, erklärt Lackenberger und freut sich über die Begeisterung, mit der die Kinder bei den Dreharbeiten dabei waren.