Flieger fiel vom Himmel. 1. Juni 1964 / Der Absturz eines ungarischen Flugzeugs in Petzelsdorf/Purgstall jährte sich heuer zum fünfzigsten Mal. Augenzeuge Franz Ressl schildert die Ausnahmesituation.

Von Clemens Oelmann. Erstellt am 11. Juni 2014 (07:56)
NOEN, Gemeinde Purgstall, Karin Katona
Das abgestürzte Flugzeug, mit dem zwei Ungarn von Debrecen aus die Flucht über den Eisernen Vorhang bis nach Purgstall gelang. Foto: Gemeinde Purgstall, Karin Katona
Der Purgstaller Altbürgermeister Franz Ressl war in den frühen Morgenstunden des 1. Juni 1964 gerade am benachbarten „Teuschelhof“ am Werk. Gemeinsam mit dem Eigentümer Ignaz Kastenberger sen., Franz Pitzl, Karl Lugbauer und mehreren anderen Zimmerleuten und Bauarbeitern waren sie mit dem Bau einer neuen Scheune beschäftigt, als sie plötzlich aus nächster Nähe das Knattern eines Flugzeugmotors hörten.

Maschine schlug auf Getreidefeld auf

Der Motor fing an zu stottern. Ein ungarisches, graublau lackiertes Übungsflugzeug mit Doppelsteuerung flog ungewöhnlich tief über das Anwesen. Der Pilot zog zwar noch eine Schleife, konnte in dem hügeligen Gelände aber keinen adäquaten Notlandeplatz finden. Binnen weniger Sekunden hatte die Maschine derart an Höhe verloren, dass ihr Fahrgestell die Lichtleitung des „Teuschelhofs“ touchierte und sie dabei zeriss.

„In dem Flugzeug saß ein ungarisches Brüderpaar, das von Debrecen Richtung Westdeutschland über den Eisernen Vorhang flüchten wollte“, schildert Franz Ressl. „Den beiden Amateurpiloten, die mit drei Reservekanistern gestartet waren, war just über dem Teuschelhof der Brennstoff ausgegangen.“ Die Maschine schlug schließlich auf einem nahe des Bauernhofs gelegenen Getreidefeld auf.

Einer der beiden Insassen war blutüberströmt

Dabei sanken die Räder des Flugzeugs so weit im Boden ein, dass sich das Flugzeug überschlug. Der ältere der beiden Brüder, der 19-jährige Peter H., wurde aus der Maschine geschleudert. Zu einer Explosion kam es aufgrund des leeren Treibstofftanks zum Glück nicht. Franz Ressl sah das Wrack gemeinsam mit Johann Pöchhacker als Erster und lief sofort nach Hause, um die Rettung zu rufen.

Da das Wählamt, das die Anrufer zum Empfänger vermitteln sollte, erst ab sieben Uhr besetzt war, war noch kein Verbindungsaufbau möglich. Somit stieg Franz Ressl auf sein Moped und fuhr zum ansässigen Arzt, Dr. Scholler. Währenddessen verrichteten Franz Pitzl und Karl Lugbauer die Bergungsarbeit. „Es war ein grässlicher Anblick. Das Flugzeug sah vorne aus wie zerhackt. Einer der beiden Ungarn war beim Aufprall aus dem Flugzeug geschleudert worden und taumelte mir blutüberströmt entgegen“, berichtete Karl Lugbauer damals.

„Er deutete auf den Boden und fragte, ob er sich in Westdeutschland befinde. Da wurde uns klar, dass es sich um Flüchtlinge handeln musste. Beide hatten keine Fliegerdressen an, sondern trugen dunkle Anzüge.“ Der jüngere der Brüder, der 17-jährige Istvan H., befand sich – sichtlich schwerer verletzt – noch in der zertrümmerten Kanzel.

„Alle Beteiligten haben riesiges Glück gehabt“ 

Als Franz Ressl zum Unglücksort zurückkam, wurden die beiden Unfallopfer bereits medizinisch versorgt. Obwohl die Maschine beim Absturz Bäume gestreift hatte und dabei sogar der Propeller zerbrochen war, kam der 19-jährige Pilot der Maschine, Peter, lediglich mit einer Rissquetschwunde im Gesicht davon. Seinen Bruder Istvan erwischte es erheblich schwerer, denn er wurde mit einem Schädelbasisbruch ins Scheibbser Krankenhaus eingeliefert und schwebte einige Zeit in Lebensgefahr.

Schlussendlich hat das Brüderpaar den Crash überlebt. Franz Ressl hat nach Peter und Istvan H. geforscht: „Wir konnten bisher nur in Erfahrung bringen, dass einer der Brüder heute in Budapest lebt“, erzählt Ressl. Sobald er Kontaktdaten der beiden Ungarn habe, werde er die einstigen Flüchtlinge nach Purgstall einladen.

Letztendlich hätten alle Beteiligten, sagt Franz Ressl heute im Rückblick, riesiges Glück gehabt. „Nur dank einer Reihe glücklicher Umstände kam es beim Absturz damals zu keiner Katastrophe. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn das Flugzeug auf das Haus gestürzt wäre - oder wenn es zu einer Explosion gekommen wäre.“