100 Jahre vergingen für Wieselburger wie im Flug. Josef Winkler erblickte am 24. Juli 1919 das Licht der Welt und ist damit ältester lebender Wieselburger. Die NÖN gratuliert.

Von Alois Spandl und Karin Maria Heigl. Erstellt am 18. Juli 2019 (04:36)
FotoLois.com/Alois Spandl
Singen ist neben anderen Credos eine der Tugenden, die Josef Winkler so gern leben lassen. Seine Ehefrau und Wegbegleiterin, Leopoldine, wird wohl insgeheim auch eine große Rolle zum Geheimnis eines so langen Lebens beigetragen haben. Seit 1956 sind die beiden verheiratet. Getraut wurden sie damals in der Pfarrkirche Wieselburg von Pfarrer Jakob Votruba.

Der Erste Weltkrieg war gerade einmal neun Monate beendet, da erblickte Josef Winkler am 24. Juli 1919 als Sohn eines Wieselburger Zimmereiunternehmers das Licht der Welt. 1873 gründete Markus Gruber, der Urgroßvater von Josef Winkler, den Betrieb, der über vier Generationen im Familienbesitz geführt worden ist.

Josef Winkler erlernte dennoch zunächst einen anderen Brotberuf. 1933 begann er die Bäckerlehre. Der väterliche Betrieb entwickelte sich aber auch in dieser schwierigen Zeit so gut, dass Not am Mann entstand. So folgte er dem Ruf zur Rückkehr und lernte als zweiten Beruf Zimmerer im elterlichen Betrieb Holzbau Winkler, den er nach dem Zweiten Weltkrieg (1952) auch übernahm.

„Mein Leben war kein Spaziergang. Aber dennoch sind diese 100 Jahre wie im Flug vergangen. Ich lebe einfach gerne.“Josef Winkler

Dazwischen lagen aber der Kriegsdienst in der deutschen Wehrmacht und drei Jahre Kriegsgefangenschaft in Russland, die er mit viel Glück und Lebenswillen hinter sich bringen konnte. „Das Glück alleine hätte eigentlich nicht ausgereicht, das zu überleben. Es halfen mir die Erfahrungen aus meiner harten Jugend, wodurch mir manche Prüfung nicht so schwer zusetzte“, erzählt Josef Winkler, dessen „Zuversicht für die Zukunft“ ebenso als Lebensmotto dient, wie sein Leitgedanke, sich Ziele zu setzen. „Aber keine utopischen Ziele, sondern welche, die etappenweise erreichbar sind!“, betont der rüstige Jubilar im NÖN-Gespräch.

Ziele, die Josef Winkler auch als Zimmermeister und Firmenchef verfolgte. So stieg er 1980 in die Fertigteilhausproduktion ein und konnte mit 69 Jahren einen gut florierenden Betrieb übergeben. Da die Winklers selbst keine Kinder hatten, musste ein Nachfolger gefunden werden. Den fand man 1988 in Zimmermeister Karl Eßletzbichler senior, der schon vorher in leitender Funktion im Betrieb tätig war. 2000 übernahm schließlich Karl Eßletzbichler junior den Betrieb, den dieser mittlerweile ebenfalls an seinen Nachfolger übergeben hat.

Josef Winkler ist für seine 100 Jahre noch ganz gut auf den Beinen. „Aber“, sagt er, „mit dem Auto geht’s noch besser.“

Dass er nach wie vor noch mit dem Auto fährt, können sich viele gar nicht vorstellen. Er selbst fühlt sich am Steuer aber noch immer topfit. „Ich habe keine Probleme die Übersicht zu behalten, auch wenn die Leute glauben, ich sei nicht mehr so geistesgegenwärtig.“

Führerscheinprüfung am PC – kein Problem!

Diese Mobilität ist ihm so wichtig, dass er vor einiger Zeit sogar die Führerscheinprüfung noch einmal machte. Und dabei stand er einem 17-Jährigen um nichts nach – er schaffte die Computerprüfung auf Anhieb. Seine Lenkerlaubnis hat er jetzt ganz offiziell, allerdings wurde ihm amtlich davon abgeraten noch auf der Autobahn zu fahren. Und er ist sich auch dessen bewusst, dass es in seinem Alter nicht ganz unproblematisch ist.

„Ich fahre sehr konzentriert, und bin ganz besonders vorsichtig, denn eines ist mir klar – wenn was passiert, bin ich schuld. Deshalb darf ich nicht übermütig sein. Ich fahre nicht ständig herum, weil das die anderen Leute oft nicht gerne sehen. Aber Mobilität ist mir wichtig und wenn ich zu Fuß unterwegs bin, brauch ich schon Krücken – mit dem Auto zu fahren ist für mich hingegen keine Schwierigkeit.“

Ein Fixpunkt für Winkler jede Woche ist das Seniorensingen. „Das Singen befreit mich von allen Einschränkungen. Danach ist man ein vollkommen anderer Mensch“, sagt der Jubilar Josef Winkler.

Ganz auf der Höhe der Zeit bewegt sich auch seine Frau, Leopoldine, die früher für die Buchhaltung im Betrieb zuständig war. Schon zu dieser Zeit lernte sie die EDV kennen. Daher bedient sie noch heute den PC und findet aktuelle Informationen im Internet.

„Momentan bin ich mit der Gesundheit nicht ganz zufrieden, aber es wird sich eine Lösung für meine Gehprobleme finden“, erzählt der 100-Jährige, wohlwissend, dass in dieser „Jugend“ so manche Einschränkung nicht ausbleiben kann. Den Stock verwendet er trotzdem nur für gewisse Entfernungen, weil „die Übung nicht verloren gehen darf“.

Seit 20 Jahren nebenbei auch „Meteorologe“

Besonders bemerkenswert: Josef Winkler braucht zum Lesen keine Brille und erledigt seine Buchhaltungsarbeiten noch selbst, wobei ihm Fehler den Tag verderben können. „Dann such‘ ich so lange so akribisch, bis ich den Fehler finde und beruhigt zu Bett gehen kann“, lächelt er.

Seit 20 Jahren dokumentiert Winkler laufend das Wetter. Er misst täglich die Niederschlagsmenge und die Temperaturen und wertet die erfassten Daten aus. Bis vor vier Jahren, also bis zum Alter von 96 Jahren, lieferte er die Messdaten auch an die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik. Sein Nachfolger auf diesem Gebiet ist der pensionierte Lehrer Walter Schrittweiser. Das Wetter beobachtet der Hundertjährige privat aber nach wie vor: Seine Frau liest die Temperatur und die Niederschlagsmenge jeden Tag ab und er wertet die Daten aus.