Barackenlager in Göstling: „Der ganze Himmel war rot“

Am 13. April 1945 steckten SS-Männer Barackenlager in Göstling in Brand und ermordeten 76 Menschen.

Erstellt am 23. Juni 2021 | 04:32

Das Bundesdenkmalamt hat österreichweit 2.100 Orte ausgemacht, an denen es NS-Lager gab, darunter auch das ehemalige Barackenlager in Göstling. Hier ereigneten sich kurz vor Kriegsende furchtbare Gräueltaten.

In der Göstlinger Gemeindechronik heißt es: Das Barackenlager, in dem die ungarischen Zivilinternierten untergebracht waren, stand unterhalb des Gasthauses Kirchberger (heute Gusel-Paumann) bei der Kapelle. Darin waren Frauen, Kinder, Männer untergebracht. Dieses Lager wurde in der Nacht von einem Sonderkommando der SS angezündet, und sämtliche Insassen, 76 Männer, Frauen und Kinder, wurden durch Maschinengewehr- und Maschinenpistolenfeuer bestialisch ermordet.

„Als unser Knecht vor vier Uhr früh mit seinem Ladewagen zum Lager fahren wollte, brannte bereits alles lichterloh. Zeitzeugin Rosa Dippelreuther

Die jüdischen Zwangsarbeiter, darunter auch Familien, die von der Sammelstelle in Wien, wohin sie von Ungarn unter schrecklichen Bedingungen transportiert worden waren, nach Göstling ins Lager kamen, wurden natürlich immer wieder im Ort gesehen, wenn sie zur Arbeit gingen.

Mit einem Davidstern an der Kleidung gekennzeichnet und schrecklich unterernährt waren sie unentwegt auf der Suche nach Essbarem und erhielten auch immer wieder heimlich Nahrungsmittel zugesteckt. Dies wurde auch bekannt, sodass der Bürgermeister von der Kreisleitung den Auftrag bekam, die Bevölkerung vor solcher Hilfeleistung zu warnen und schwere Strafen anzudrohen. Dies wurde auch mittels Lautsprecher kundgetan.

Zeitzeugin berichtet

In der Chronik erinnert sich Zeitzeugin Rosa Dippelreuther: „Die Ungarn aus dem Lager waren vielen von uns bekannt, sie wurden ja für verschiedene Arbeiten eingeteilt. Es waren aber auch viele Kranke und Gebrechliche dabei. Zum Essen hatten sie ja auch nichts.“ Sie bettelten, aber die Menschen durften ihnen in der Öffentlichkeit nichts geben. Das war streng verboten.

„Ich sah sie oft Erdäpfel aus dem Misthaufen klauben, und bei uns im Kaufhaus Senoner durften sie die faulen Erdäpfel aussortieren und mitnehmen.“ Wie sehr sie über ihre wirkliche Lage getäuscht wurden, zeigte, dass sie schöne Handarbeiten fertigten, die sie nach Hause als Geschenk mitnehmen wollten.

Lagerleiterin wollte erträgliches Leben für Häftlinge

Wie jedoch im Nachhinein festgestellt werden konnte, hat sich die Lagerleiterin bemüht, den Häftlingen ein den Umständen entsprechendes halbwegs menschenwürdiges Dasein zu bieten. Tatsächlich kamen die Zwangsarbeiter bei verschiedenen Arbeiten mit der Bevölkerung in Kontakt, die sich, wie erwähnt, oft hilfsbereit zeigte.

Rosa Perschl erzählte, dass sie, als sie noch in Schmiedlehen war, den Frauen öfter Lebensmittel zusteckte. Sie gab ihnen auch Stoffe, und die ungarischen Frauen nähten für sie Bettwäsche und einen Pyjama. Sie wollten sich ihre Lebensmittel buchstäblich „verdienen“. Diese Textilien befinden sich auch heute noch im Besitz der Familie Perschl.

Wie die jüdischen Familien getäuscht wurden, erzählt Leopold Heigl: „Noch am Vorabend war ein Großvater mit seinem Enkel bei ihnen gewesen und er habe sich gefreut, dass sie endlich am nächsten Tag nach Amstetten abtransportiert würden. Tatsächlich aber sollten sie ins KZ Mauthausen in den Tod geschickt werden.

„Der ganze Himmel war rot“ Rosa Dippelreuther

„In der besagten Nacht war unser Knecht für den Abtransport bestellt worden. Er sollte das Gepäck zum Bahnhof bringen. Als er aber vor vier Uhr früh mit seinem Ladewagen zum Lager fahren wollte, brannte bereits alles lichterloh. Der ganze Himmel war rot und es krachte furchtbar vom Feuer und der Schießerei. Wir waren entsetzt“, schildert Rosa Dippelreuther.

SS-Männer schossen, wie berichtet wird, wie wahnsinnig um sich. Menschen, die aus den brennenden Baracken fliehen wollten, wurden am Zaun erschossen, zwei, die den Kreuzweg erreichten, wurden dort niedergemacht, man schoss auf alles, was sich bewegte, auf Leute, die sich in den Plumpsklos versteckten und die Mörder erschossen auch eine Frau, bei der eben die Wehen eingesetzt hatten.

Leichen auf Straße nach Massenerschießung

Die Leichen blieben liegen, selbst an der Straße zum Kreuzweg, bald herrschte weithin übler Verwesungsgeruch, und die Schulkinder mussten das Grauen am Schulweg mit ansehen. Wolfgang Staudinger erzählt in seinen Erinnerungen , dass nach dem Massaker Bürgermeister Stepan kreideweiß zu seinem Vater gekommen war und von einer „Wahnsinnstat“ sprach, die „man uns büßen lassen“ würde. Eine Frau überlebte das Massaker, die Ärztin Charlotte Wieser. Sie war von der Lagerleiterin einen Tag davor nach Wien geschickt worden. Sie war es auch, die sich nach dem Krieg um eine würdige Bestattung der Toten kümmerte.

Geschichte im Ort aufgearbeitet

Die Toten wurden an Ort und Stelle begraben, am 10. Dezember 1950 exhumiert und im Pfarrfriedhof in Göstling bestattet. Ein Grabdenkmal mit den Namen der Ermordeten und eine Gedenktafel am ehemaligen Lager-Standort erinnern heute an diese schreckliche Tat. „Die traurige Geschichte dieses Ortes wurde in der Gemeinde aufgearbeitet. Auch die Kinder in der Schule werden darüber unterrichtet“, sagt der ehemalige Vizebürgermeister Hermann Strobl, der gemeinsam mit Georg Perschl für die Gemeindechronik recherchierte.

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