Schwaighofer: „Corona mit Grippe nicht vergleichbar“. Die Erlauftaler NÖN lud zum runden Tisch rund um die Themen Corona, Eigenverantwortung und die medizinische Versorgung im Bezirk Scheibbs.

Von Christian Eplinger. Erstellt am 19. November 2020 (06:06)

Mittwochabend der Vorwoche, vom harten Lockdown ist (noch) nicht die Rede. Dennoch prägt das Thema Corona den von der NÖN gemeinsam mit LH-Stellvertreter Stephan Pernkopf initiierten „Gesundheitsgipfel“. Neben Pernkopf diskutierten der Ärztliche Direktor des Landesklinikums Scheibbs Erwin Schwaighofer, Bezirksärztevertreter Karl Brandstetter aus Purgstall und Apothekerin Petra Esletzbichler aus Wieselburg im Francisco Josephinum – mit Sicherheitsabstand – über folgende Themen:

Aktuelle Coronasituation und hohe Zahlen im Scheibbser Bezirk: Der Scheibbser Bezirk ist bei den Coronazahlen lange Zeit im unteren Bereich gelegen (Stichwort gelbe/orange Ampelfarbe). Jetzt hole man leider einfach auf. Im Landesklinikum Scheibbs wäre die Situation noch nicht so angespannt. „Wir haben die Erfahrungen aus dem Frühjahr gut aufgearbeitet und genug Betten.

Allerdings sind die Personalkapazitäten begrenzt, vor allem auch punkto Intensivbetten, die ja schon im Normalfall aus Kostengründen immer gut ausgelastet sind. Wenn alle unsere sechs Intensivbetten belegt wären, wäre das für unsere Mitarbeiter in der jetzigen Situation extrem herausfordernd“, weiß Schwaighofer. Die praktischen Ärzte seien aktuell etwas im Zwiespalt, denn man wolle bei Leuten mit „normalen Leiden“ nicht auf der Bremse stehen. „Wir müssen nur infektiöse Patienten oder Patienten mit Symptomen kanalisieren, damit es in der Ordination nicht zu Ansteckungen kommt. Daher wird derzeit auch sehr viel telefoniert und gleichzeitig werden die Ordinationszeiten ausgeweitet.

Wirtschaftlich ist das natürlich schon lange nicht mehr“, weiß Karl Brandstetter. Die Apotheker seien durch die Coronakrise noch mehr als früher zu einer Erstanlaufstelle für Gesundheitsfragen geworden. Der Sturm auf die Apotheken, wie vor dem ersten Lockdown, sei jetzt aber ausgeblieben. „Die Leute wissen inzwischen, dass es bei den Medikamenten zu keinen Lieferengpässen kommt. Da waren die Befürchtungen im März ganz andere“, sagt Petra Esletzbichler und lobt die gute Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft.

Vor allem das E-Rezept habe sich in der Krise bewährt und werde von den Kunden geschätzt, auch wenn es noch kleine Fehler im System gibt. „Es spricht nichts dagegen, dass man dieses System auch künftig weiterführt. Gleiches gilt für die telefonische Krankmeldung“, betont auch Karl Brandstetter.

Die Gefahr von Covid-19: Angst und Panikmache seien fehl am Platz, aber man müsse das Virus sehr ernst nehmen. Darüber sind sich alle Diskutanten einig. „Covid-19 ist nicht wie die Grippe. Wer das behauptet, sagt einen Blödsinn“, erklärt Schwaighofer. Absolut kein Verständnis haben alle vier mit Corona-Leugnern. „Wir müssen auf echte Fachleute vertrauen und dürfen uns nicht von irgendwelchen Pseudo-Experten beeinflussen lassen“, betont Stephan Pernkopf und verurteilt auch diverse Kampagnen auf sozialen Medien.

Eigenverantwortung: Einig sind sich alle Diskussionsteilnehmer, dass man Eigenverantwortung leider nur bedingt freiwillig einfordern könne. Dennoch müsse man immer wieder an die Bevölkerung appellieren, sich an die Maßnahmen zu halten. „Es liegt an uns, die sozialen Kontakte weitestgehend zu reduzieren, Abstand zu halten und Masken zu tragen“, sagt Pernkopf. Sowohl in den Apotheken als auch beim Arzt- oder Spitalsbesuch gäbe es jetzt aber nur wenige „schwarze Schafe“, die keine Maske tragen. „Manche Kunden setzen sie halt erst demonstrativ beim Eintreten auf“, weiß Esletzbichler. Auch das Desinfizieren beim Betreten der Apotheke sei nun wieder im Steigen, nachdem auch hier – so wie bei der Maske – über den Sommer ein gewisser Schlendrian eingerissen sei. „Beides hilft aber, das ist erwiesen“, betonen Schwaighofer und Brandstetter unisono.

Testungen: „Die aktuellen Antigen-Schnelltests, die wir in den Ordinationen bei Symptomen kostenlos anbieten, sind sehr hilfreich und stimmen bei positiven Ergebnissen zu 99 Prozent auch mit dem folgenden PCR-Tests überein. Bei einem negativen Testergebnis muss man die Patienten aber aufklären, dass dies eine Momentaufnahme und kein Freibrief ist“, weiß Brandstetter. Sehr zufrieden zeigt sich Erwin Schwaighofer mit der Teststation der Covid Fighters direkt beim Klinikum. „Das erleichtert unsere Arbeit immens. Dadurch haben wir es auch geschafft, den OP-Rückstand vom Frühjahr bis jetzt wieder aufzuholen.“ Mehr Augenmerk sollte man seiner Meinung nach auf den CT-Wert legen, der bei den PCR-Tests mitermittelt wird.

Allgemeinmediziner und freie Planstellen: Aktuell sind im Bezirk vier Planstellen von Allgemeinmedizinern von der Ärztekammer ausgeschrieben. „Alle werden wir nicht besetzen können. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Da werden die Primärversorgungseinheiten der einzige Ausweg sein“, vermutet Brandstetter, der darauf hinweist, dass auch in den nächsten Jahren noch einige Pensionierungen bei Praktikern anstehen. „Da könnte uns helfen, dass man nun auch Praktiker in so ein Netzwerk einbeziehen kann, ohne dass diese den Standort ihrer Ordination wechseln müssen“, ergänzt Stephan Pernkopf.

„Damit könnte uns aber auch gelingen, einer furchtbaren Entwicklung gegenzusteuern, die nicht gut ist für die Allgemeinmediziner. Nämlich, dass Ärzte wegen der Hausapotheke aus größeren Orten weggehen“, hofft Schwaighofer, für den aber auch generell der Ruf und die Wirtschaftlichkeit der Allgemeinmediziner neu bewertet gehören. „Ein praktischer Arzt vor Ort ist das Beste, das wir in unserer Gesundheitsversorgung haben können“, betont Schwaighofer. Eine Hausapotheke zu führen, sei auch nicht die primäre Aufgabe eines Allgemeinmediziners. „Es muss auch eine kleine Praxis alleine von der Ordination leben können. Aber da muss man das System generell überdenken und eben eine Art Bergbauernförderung für kleine Praxen einführen“, sagt Brandstetter.