Alpenhotel Gösing: Vorläufiges Ende eines Hauses mit Geschichte

Aktualisiert am 12. Juli 2022 | 17:00
Lesezeit: 4 Min
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Das Alpenhotel Gösing direkt an der Mariazellerbahn gelegen mit freiem Blick auf den Ötscher. Eine Ruheoase seit mittlerweile 100 Jahren. In den nächsten Monaten wird es noch ruhiger. Doch alle Seiten hoffen, dass dies wirklich nur eine vorübergehende Schließung bleibt.
Foto: Alpenhotel Gösing
Kein Küchenpersonal gefunden. Alpenhotel Gösing in Puchenstuben hat seit 10. Juli „bis auf Weiteres“ den Hotel- und Gastrobetrieb eingestellt.
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Seit 1922 gibt es das Alpenhotel Gösing mit direktem Blick auf den nahen Ötscher im 300-Einwohner-Ort Puchenstuben. Von Beginn an zählte es gemeinsam mit den bekannten Hotels am Semmering zu einem beliebten Erholungsort für Gäste aus dem Wiener Raum. So war etwa Bruno Kreisky seinerzeit Stammgast und liebte es als Rückzugsort oder auch für das eine oder andere diskrete politische Treffen.

Beim Mitteleuropäischen Katholikentag 2004 nächtigte der seinerzeitige Bundespräsiden Thomas Klestil gemeinsam mit sechs weiteren Staatspräsidenten im schon zum 4-Sterne-Hotel ausgebauten idyllischen Haus an der Mariazellerbahn.

Anstatt heuer den 100. Hotel-Geburtstag groß zu feiern, kam jetzt das für sehr viele Beteiligte bittere vorübergehende Aus für das Hotel. „Mit großem Bedauern müssen wir das Alpenhotel Gösing ab 10. Juli bis auf Weiteres schließen“, teilte die Familie Feistl, seit 2007 Besitzer des Hotels, ihren Stammgästen und auf der Homepage in der Vorwoche offiziell mit.

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Foto: Stills&Emotion/Rudy Dellinger
Foto: Stills&Emotion/Rudy Dellinger

„Glauben Sie mir, die Traurigkeit und Fassungslosigkeit über die Geschehnisse der letzten Tage ist auch bei uns enorm groß. Das Alpenhotel war und ist immer ein Herzensanliegen von meiner Frau und mir. Aber die Personalsituation in der Branche ließ uns keinen anderen Ausweg übrig“, teilte der 81-jährige Anton Feistl, seinerzeit Gründer des Werbemittelverteilers feibra, im NÖN-Telefonat mit.

Der „Sargnagel“ war das Küchenpersonal. Während von den 25 Mitarbeiterinnen viele schon zehn Jahre und mehr im Betrieb tätig sind, gab es beim Küchenpersonal in den vergangenen zwei Jahren einen völligen Wechsel. „Ich hatte von Beginn weg kein so ein gutes Gefühl, darum habe ich unser Restaurant Ötscherblick auch aus der Falstaff-Bewertung herausgenommen, obwohl wir 2020 und 2021 noch eine Gabel bekommen haben“, schildert Anton Feistl. Die letzten Monate und Wochen hätten das Fass aber zum Überlaufen gebracht. „Unsere Küchenmannschaft – allen voran die Köche – hat uns mit Forderungen im wahrsten Sinn des Wortes erpresst – und das bei vollem Haus. Das können wir uns nicht bieten lassen. Wir haben jetzt versucht, über Leasingpersonal Köche zu bekommen, aber auch das war unmöglich. Und ohne Küche können wir keinen Hotelbetrieb aufrecht halten“, resümiert ein enttäuschter Anton Feistl.

 Ein Verkauf des Hotels steht nicht zur Diskussion

 So seien am Sonntag beim Abschied sowohl bei etlichen Bediensteten als auch bei der Familie Feistl die Tränen geflossen. Aber es soll vorerst nur ein Abschied auf Zeit werden, wenngleich Feistl nicht damit rechnet, heuer nochmals aufsperren zu können. „Wir müssen abwarten, bis sich die Krisenlage mit Corona und dem Ukraine-Krieg gelegt hat. Vielleicht ist es dann wieder einfacher, Personal zu bekommen. Wir wollen auf alle Fälle weitermachen. Ein Verkauf des Hauses steht nicht zur Diskussion“, betont Feistl.

Um die 10.000 Nächtigungen pro Jahr verzeichnete das Alpenhotel in den vergangenen beiden Corona-Jahren. Zuvor waren es sogar noch etwas mehr. Auch heuer gab es bisher eine gute Auslastung. Und die Buchungslage für Sommer und Herbst waren laut Feistl ebenfalls sehr zufriedenstellend. „Umso bitterer, dass wir diesen Schritt jetzt machen müssen“, sagt Feistl und bedankt sich vor allem bei seinem Team und den vielen Stammgästen für das Vertrauen.

Vorerst werden zwei Mitarbeiter auch weiterhin im Haus bleiben, um dieses in Schuss zu halten. „Wir haben nicht in den letzten Jahren so viel investiert, um es verlodern zu lassen. Die Situation schmerzt und ist für alle nicht zufriedenstellend. Aber es gibt momentan keine andere Möglichkeit“, sagt Anton Feistl.

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