Christa Stöger: "Das System ist am Limit"

Christa Stöger, die stellvertretende Pflegedirektorin des LK Scheibbs, im Gespräch über die aktuell so herausfordernden Zeiten für das Pflegepersonal und die zuletzt durchgeführten Protestaktionen.

Erstellt am 16. November 2021 | 18:00
Christa Stöger ist stellvertretende Pflegedirektorin im Landesklinikum Scheibbs.
Christa Stöger ist stellvertretende Pflegedirektorin im Landesklinikum Scheibbs.
Foto: LK Scheibbs, Google Street View

NÖN: Wie sehr trifft der Pflegenotstand das LK Scheibbs?

Christa Stöger: Bereits vor der aktuellen Pandemiesituation sahen wir in der Pflege, bedingt durch die demografische Entwicklung und die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung, eine Zunahme hochaltriger Patientinnen  und Patienten sowie von Menschen mit Mehrfacherkrankungen und damit einhergehend auch einen Anstieg der Pflegebedürftigkeit. Gleichzeitig sinkt der Anteil jüngerer Menschen, die in Berufen der professionellen Pflege und Betreuung ausgebildet werden. Diese Tatsache stellt den gesamten Gesundheitsbereich und natürlich auch das Landesklinikum Scheibbs vor grundlegende Herausforderungen, da die gesteigerte Nachfrage nach qualifizierter Pflege zunehmend schwerer zu decken ist.

Wie muss man dem entgegensteuern?

Stöger: Zur Aufrechterhaltung einer hohen Patientenorientierung und um der Bevölkerung auch in Zukunft eine bedarfsgerechte Versorgung anbieten zu können, muss in der Gesundheits- und Krankenpflege primär der Fokus auf eine hohe Mitarbeiterorientierung gerichtet werden, da beides unweigerlich miteinander einhergeht. Die Corona-Pandemie hat diese Gesamtsituation noch immens verschärft und zeigt die Belastungsgrenzen des Gesundheits- und Pflegesystems deutlich auf.

Gibt es auch in Eurem Haus Tendenzen, das Mitarbeiter knapp vor dem Aufhoren sind?

Stöger: Ja leider. Die zunehmende Arbeitsverdichtung durch kurze Verweildauer der Patienten, die Pflege von hochaltrigen, mehrfach kranken Patienten, die Zunahme von Patienten mit kognitiven Veränderungen wie zum Beispiel dementielle Erkrankungen, die anstrengende Angehörigenarbeit und Beratungstätigkeit sowie zunehmende bürokratische Hürden führen zu psychischen und physischen Belastungen, denen sich manche Kolleginnen  und Kollegen nicht mehr aussetzen möchten.

Vor allem die Pflegekräfte leiden unter der extrem hohen psychischen und physischen Belastung in der Covid-Zeit – insbesonders als Covid-Spital, gerade wenn man doch relativ viele Todesfälle beklagen muss und nicht helfen kann. Wie wirkt sich das insgesamt aus?

Stöger: Die derzeitige Arbeitssituation stellt sich für die Pflegepersonen leider so dar, dass es teilweise nicht mehr möglich ist, die berufliche Tätigkeit qualitätsvoll und zur persönlichen Zufriedenheit auszuüben. Die Pflege und Betreuung von CovidpatientInnen ist, nicht zuletzt durch die Einhaltung von besonderen Hygienemaßnahmen, enorm personalintensiv. Pflegepersonen tragen eine große Verantwortung in ihrem Beruf und sind körperlich und psychisch hohen Belastungen ausgesetzt. Sie sind vielfach „Organisationsmanager“ im gesamten Gesundheitssystem, weil sie sehr nahe an den Patienten arbeiten und somit sowohl „Erstansprechpartner“ als auch „Letztverantwortliche“ zu unterschiedlichsten Themenfeldern sowohl für Patienten, Angehörige als auch Kollegen anderer Gesundheitsberufe sind. Auch im Landesklinikum Scheibbs merken wir zunehmend, dass die Verfügbarkeit von Pflegepersonal begrenzt ist. Die Pandemiesituation stellt eine enorme physische und psychische Belastung für die Mitarbeiter dar, dadurch ist auch ein Anstieg an Krankenständen erkennbar. Schwangere Mitarbeiteen scheiden unmittelbar nach Bekanntgabe ihrer Schwangerschaft aus dem Beruf aus, weil sie gemäß arbeitsmedizinischer Vorgaben keine FFP2-Maske tragen dürfen. Diese Gründe führen neben Covid-erkrankten Mitarbeiteren oder Hochrisiko-Kontaktpersonen, die sich in Absonderung befinden, zu personellen Engpässen auf den Stationen, die wir jedoch durch den Einsatz von Personal von anderen Bereichen bewältigen konnten. 

Es gibt - durchaus auch in Eurem Haus – Konflikte zwischen geimpften und nicht geimpften Personal. Vor allem, da immer wieder Geimpfte für Dienste einspringen müssen, während Ungeimpfte in Quarantäne sind. Wie sehr verschärft dieser Umstand den Pflegenotstand?

Stöger: Es geht für uns nicht um eine Unterscheidung von Geimpften oder Ungeimpften. Die Pflegepersonen im Landesklinikum Scheibbs leisten derzeit Herausragendes und versuchen mit maximalen persönlichen Einsatz die Aufgaben zu bewältigen. Personelle Engpässe in einzelnen Bereichen werden durch einen bereichsübergreifenden Personaleinsatz kompensiert und wir sehen eine Vielzahl an Kollegen, die in diesen Situationen höchstprofessionell unterstützen. Hier gilt es Danke zu sagen – an jeden einzelnen Kollegen/jede einzelne Kollegin! Dennoch ist diese Situation für uns Leitende alarmierend, da wir mit den unmittelbaren Auswirkungen dieser permanent hohen psychischen und körperlichen Dauerbelastung täglich konfrontiert sind. Vor allem beunruhigt ein Blick auf die derzeitige Pandemieentwicklung, da mit einer Entspannung der Situation nicht gerechnet werden kann. Die leitenden Pflegepersonen und auch die Pflegedirektion versuchen, vor allem in administrativen Tätigkeiten, zum Beispiel bei der Kommunikation mit den Bezirkshauptmannschaften oder in der Angehörigenarbeit, zu entlasten.

Gibt es sonst noch Maßnahmen vor Ort, um die Situation kurzfristig zu verbessern?

Stöger: Wir investieren vor Ort in persönliche Gespräche mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um für ihre Sorgen ein „offenes Ohr“ zu haben. Auch von der NÖ Landesgesundheitsagentur gibt es zentrale Angebote für psychologische Unterstützung (Hotline) und seitens der „Tut gut!“ Gesundheitsvorsorge GmbH wurde ein Maßnahmenkatalog entwickelt, um die Kolleginnen und Kollegen bei der Bewältigung der aktuellen Herausforderungen zu unterstützen.