Günter Peter: Dankbar für Arbeit bei Hilfsprojekt . Am 17. Juni feiert Günter Peter den 80. Geburtstag. Genau 20 Jahre früher startete er sein Hilfsprojekt für das Kinderspital in Gyumri (Armenien). Ein bewegender Blick zurück.

Von Christian Eplinger. Erstellt am 10. Juni 2021 (10:55)

NÖN: Im Mai 2001 haben Sie das erste Mal Armenien besucht. Sie schrieben damals an Ihre Familie in einer Mail: „Das Abenteuer ist größer als vermutet“. Ein Satz, den Sie auch heute noch unterstreichen würden?

Ja, auf allen Linien. Denn einerseits habe ich nie damit gerechnet, mich so lange und so intensiv für dieses Projekt zu engagieren. Geplant waren zwei bis drei Jahre. Doch das „Abenteuer“ wurde zu meiner zweiten Lebensaufgabe. Ich habe in Summe mehr als ein Jahr meines Lebens in Armenien verbracht – war von 2001 bis zum Vorjahr, wo Corona das verhindert hat, jedes Jahr mindestens einmal in Gyumri. Andererseits habe ich auch nicht damit gerechnet, welche Dimensionen das Projekt annehmen wird und wie viel ich selbst dabei über Armut, Tristesse, politische Kultur, Hoffnung, Dankbarkeit und Freundschaft lernen werde. In Wahrheit bin ich sehr dankbar, Teil dieses „Abenteuers“ zu sein.

„Das Projekt hat eine Dynamik aufgenommen, die ich selbst nicht mehr stoppen konnte – und auch nicht stoppen wollte.“ Günter Peter

Hat Sie dieser erste Besuch trotz allem Leid, das Sie gesehen haben, letztendlich mehr ermutigt als abgeschreckt?

Ja. Mehr als zehn Jahre waren damals nach dem schrecklichen Erdbeben vergangen. Und trotzdem waren die Auswirkungen noch stark sichtbar und in bedrückender Weise spürbar. Das hat mich an meine Kindheit in Amstetten erinnert, wo ich die Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs miterlebt hatte. Ich wollte helfen, auch wenn es anfangs gar nicht so einfach war. Aber letztlich hatte meine Arbeit für Armenien eine Dynamik entwickelt, die so nicht geplant war.


Wie ist es eigentlich 2001 zu Ihrem Engagement gekommen?

Es gab in Gyumri das Österreichische Kinderspital. Das war 2001 vor dem Zusperren. Die Auslastung lag bei 25 Prozent, Ausstattung und Arbeitsabläufe entsprachen nicht den Standards, die ich gewohnt war. Die Eltern mussten für ihre Kinder die Medikamente selbst mitbringen, weil es im Spital zu wenig Medikamente gab. Ich wurde damals vom Verein, der dieses Kinderspital erbaut hatte, gebeten, als ehrenamtlicher Berater bei der Entwicklung und dem Aufbau moderner Führungs- und Organisationsstrukturen mitzuarbeiten. Sie bräuchten jemanden, der was kann und nichts kostet, sagte der damalige Obmann, ein guter Bekannter der damaligen Pflegedirektorin des Scheibbser Krankenhauses. Sie hatte den Kontakt hergestellt. Die Österreichische Regierung hatte 200.000 Euro an Unterstützung in Aussicht gestellt, wenn das Spital überlebensfähig sei. Ich sollte ein Gutachten erstellen und an der Reorganisation mitwirken.

Wie ist das in Gyumri angekommen? Ich kann mir vorstellen, die Begeisterung hielt sich anfänglich in Grenzen, wenn da ein Fremder als „Besserwisser“ kommt?

Ja, ich wurde anfangs ein wenig als „Spion“ gesehen. Nicht selten hörte ich die Frage, wozu brauchen wir das? Das Vertrauen musste ich mir erst erarbeiten. Und ich musste auch akzeptieren, dass die Menschen in Armenien durch andere kulturelle und politische Erfahrungen geprägt waren. Ich war es beruflich gewohnt, Sachverhalte in strukturierter Form transparent darzustellen. Die Mitarbei-ter im Kinderspital hatten durch die materielle Not aber andere Prioritäten. Marketing und Controlling waren daher eher nachrangig. Ich musste also durchaus auch lernen, zunächst neue Wege zu gehen, um Veränderungen langfristig einzuleiten. Interdisziplinäre Arbeitsgruppen wurden gebildet, bei denen alle wichtigen Berufsgruppen vertreten waren. Das war neu, aber es war ein wichtiger Faktor bei der organisatorischen Weiterentwicklung des Kinderspitals. Das hat sich letztendlich als Erfolgsfaktor herausgestellt. Über die Jahre gab es nicht nur einen Transfer von Spendengeldern, Medikamenten, medizinisch-technischen Geräten und Einrichtungsgegenständen von Österreich Richtung dem 4.000 Kilometer entfernten Kinderspital in Gyumri sondern vor allem auch einen Wissenstransfer. Ärzte und Mitarbeiter aus dem Pflegedienst aus dem Krankenhaus Scheibbs und anderen österreichischen Krankenhäusern waren vor Ort und gaben ihre Erfahrungen weiter. Armenische Ärzte waren zur Weiterbildung in Österreich.

Sie haben sich einmal in einem NÖN-Interview als Menschen mit Neigung zum Perfektionismus bezeichnet. Sind sie rückblickend zufrieden mit der Entwicklung des Kinderspitals in Gyumri?

Ja, aus dem Kinderspital ist mittlerweile ein Mutter-Kind-Zentrum geworden, das seinen fixen Platz im armenischen Gesundheitssystem hat. Es ist eines der bestausgestatteten und bestgeführten öffentlichen Spitäler im Land. Moderne Strukturen haben sich dort etabliert. Der langjährige Prozess ist nicht umkehrbar, auch wenn das Land nach dem verlorenen Krieg gerade wieder eine schwere politische Krise durchlebt.

Gab es trotz aller Erfolge auch Tiefpunkte, wo Sie an ein Aufhören gedacht haben?

Gelegentliche Rückschläge gehören zum Erlebnisspektrum dieser Jahre. Auch die Trennung von der Familie über diese große Entfernung hinweg konnte belastend sein. Insgesamt hat aber die Freude über das, was gelungen ist, bei weitem überwogen. Caritatives Engagement ist nicht mit einem Businessprojekt vergleichbar. Da gibt es auch eine emotionale Ebene, der man sich nur schwer entziehen kann.

Sie haben seit 2001 insgesamt rund 15.000 ehrenamtliche Stunden für Ihr Armenienprojekt geleistet, waren über 30 Mal in Armenien und haben mit Vorträgen und Benefizveranstaltungen an die 500.000 Euro an Spenden gesammelt und eins zu eins für Projekte in Armenien ausgegeben – 70 Prozent davon für das Kinderspital. Wie wichtig war da für Sie die Unterstützung Ihrer Familie?

Ohne Verständnis und Unterstützung durch meine Familie wäre das alles nicht möglich gewesen. Vor allem meine Frau Margarete hat mich ganz wesentlich unterstützt. Sie hat mich auch auf mehreren Armenienreisen begleitet. Auch die Anerkennung meiner ehrenamtlichen Arbeit durch meine Kinder war für mich besonders wichtig.

Sie erhielten 2017 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen. Was bedeutet Ihnen so eine Auszeichnung?

Sehr viel. Sie ist sichtbares Zeichen für das Engagement und den Einsatz für alle an diesem Projekt Beteiligten. Ich durfte mich in diesen 20 Jahren über einige Ehrungen und Auszeichnungen freuen. Jede für sich bleibt für mich wichtig. Aber es gibt dennoch zwei besondere Highlights: die Auszeichnung durch den armenischen Papst und eine Ehrentafel in der Eingangshalle des Österreichischen Mutter-Kind-Zentrums in Gyumri. Auf der steht: „Sie haben uns Flügel gegeben.“

Offiziell haben Sie Ihr Projekt 2014 beendet. Dennoch organisieren Sie immer noch Hilfsaktionen. Zuletzt unterstützen Sie 52 Familien aus dem Kriegsgebiet Bergkarabach mit 20.000 Euro. Gibt es weitere Pläne?

Ja, die gibt es. Neben solch wichtigen Soforthilfsprojekten ist eine armenisch-österreichische Schulpartnerschaft geplant. Eine Armenierin soll an der Uni Wien auch ein Auslandssemester mit dem Schwerpunkt „Kinderrechte“ absolvieren. Zusätzlich will ich mit Spendengeldern eine Ausbildung für sechs Frauen und zwei Männer als Gebrauchskeramiker in Gyumri finanzieren. Meine Arbeit für Armenien scheint noch immer nicht zu Ende. Im Herbst werde ich daher wieder nach Armenien reisen.