Josef Reisinger: „Ich wurde zur Kunst gedrängt“

Der Scheibbser Maler und Zeichner Josef Reisinger feiert seinen 75. Geburtstag. Die NÖN bat ihn zum Interview.

Erstellt am 09. Oktober 2020 | 12:10
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr
440_0008_7947340_erl41sb_reisinger_3.jpg
Der Scheibbser Maler Josef Reisinger feiert seinen 75. Geburtstag. Auf dem Foto in seinem Atelier, wo er täglich malt und zeichnet – im Stehen an seinem Schreibtisch.
Foto: Karin Katona

NÖN: Haben Sie schon als Kind gern gezeichnet?

Josef Reisinger: Es war schon in der Schule klar, dass ich Talent habe. Und ich wurde von meiner Mutter förmlich zu Musik und Kunst gedrängt. Sie war selbst eine sehr talentierte Frau. Und sie hat immer gesagt: ‚Der Bua ist nichts für die Technik.'

Sie haben auch Musikunterricht bekommen?

Reisinger: Ich habe Geige gelernt. Aber heute bin ich nur noch Zuhörer.

Sie wollten also Maler werden?

Reisinger: Ich wollte vieles werden. Als Kind wollte ich Kapuzinermönch werden. Da war man zu Hause aber nicht begeistert. Und weil alle Lehrer geworden sind, bin ich dann halt auch Lehrer geworden. Von der Volksschule bis zum Gymnasium war ich in allen Institutionen tätig.

Hat das Spaß gemacht?

Reisinger: Ja. Zeichnen und malen kann man lernen, und es ist schön, das anderen Menschen zu vermitteln. Talent wird überbewertet, Talent allein reicht nicht. Man kann viel von anderen lernen, sich abschauen, wie ein anderer es macht.

Sie haben auch Malseminare für Erwachsene gemacht.

Reisinger: Mein halbes Leben lang bin ich mit Malseminaren durch alle Bundesländer getourt, hatte auch mehrere bestehende Gruppen. Meiner Meinung nach gibt es niemanden, der nicht zeichnen kann. Kunst ist lernbar.

Gibt es nicht doch völlig talentlose Menschen?

Reisinger: Wenn es sie gibt, werden sie ohnehin nicht in ein Malseminar gehen. Einmal hatte ich sogar einen Farbenblinden im Seminar. Er wollte uns immer erklären, dass Rot Grün ist und hat sich nicht davon abbringen lassen. Aber sonst war er gar nicht so schlecht.

Und wie ist Ihr eigener künstlerischer Weg verlaufen?

Reisinger: Mit Zeichnungen und Karikaturen habe ich schon in der Schule begonnen. Dann ist die Farbe dazu gekommen. Zuerst Aquarelle, dann Acryl. Das hat sich mit viel Training so entwickelt. Nach fünfhundert kann man mehr als nach fünfzig.

Und wie spielt sich der künstlerische Prozess von der Idee zum Bild bei Ihnen ab?

Reisinger: Ich habe eine Vorstellung im Kopf, die ich verwirklichen will. Das heißt, ich sehe das fertige Bild vor mir und bin erst zufrieden, wenn es meinen Vorstellungen entspricht. Die ersten Versuche landen meistens in der Rundablage. Bis es so ist, wie ich will, muss ich mindestens drei bis vier Entwürfe wegwerfen.

Und bei den Karikaturen? Woher kommen da die Ideen?

Reisinger: Meistens sind es Auftragsarbeiten von anderen als Geschenke zu Geburtstagen oder Jubiläen. Und die Beschenkten freuen sich meistens, auch wenn die Zeichnungen sie nicht immer von der besten Seite zeigen. Nur einmal bin ich eingefahren. Da habe ich nach Jahren erfahren, dass sich der Betroffene ziemlich geärgert hat. Aber nicht wegen meiner Zeichnung, sondern weil die Auftraggeber beim vorgegebenen Motiv boshaft waren.

 „Talent allein reicht nicht. Talent wird überbewertet. Es braucht viel Übung. Malen ist erlernbar.“ Josef Reisinger, Maler und Zeichner aus Scheibbs

 Sie haben ja auch die Zeichnungen zu zwei Büchern beigesteuert?

Reisinger: Ich habe die Bücher mit meinem leider schon verstorbenen Freund Josef Kammerer herausgebracht. Er hat die satirischen Texte verfasst, ich die passenden Zeichnungen. Wir betrachten unsere geliebte Heimatstadt Scheibbs von einer etwas sarkastischen Seite, ähnlich wie Waldorf und Statler, die beiden alten Herren aus der Muppet Show. Auch die kritisieren alles und jeden, aber sie haben trotzdem noch keine einzige Show verpasst.

Wieviel Zeit verwenden Sie fürs Zeichnen und Malen?

Reisinger: Ich male jeden Tag. Wobei ich von den Zeichnungen dazwischen schon einmal weggehe und etwas anderes mache. Bei den Aquarellen muss man ja dranbleiben.

Können Sie sich vorstellen, einmal mit Malen aufzuhören?

Reisinger: Solange ich kann, werde ich malen. Wenn ich einmal nicht mehr male, bin ich alt. Das Alter tut nichts zur Sache. Ich kenne einige, viel Ältere als mich, die sehr gut sind. Und Jüngere, die besser schon aufgehört hätten.

Kann man also sagen, dass Malen jung hält?

Reisinger: Malen und Zeichnen halten das Gehirn in Bewegung. Bevor ich ein neues Bild anfange, gehe ich schon einen Tag oder länger mit der Vorstellung im Kopf herum. Damit ich es dann so hinbringe, wie ich es mir vorstelle, brauche ich viel Konzentration.

Sie wollen nicht als Künstler bezeichnet werden – stimmt das?

Reisinger: Ich benenne meinen Beruf nach dem, was ich tue: Zeichner und Maler. Die Begriffe Künstler und Kunstschaffende sind sowieso überstrapaziert. Damit kann ich mich nicht identifizieren.

Was soll die Nachwelt über Sie sagen?

Reisinger: Das ist mir egal. Ich höre es ja nicht mehr. Das meiste, was Menschen tun, wird nach ihrem Tod früher oder später vergessen. Was von meinem Erbe überbleibt, sollen Kinder und Enkelkinder verwalten.

Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

Reisinger: Einfach mit Familie und Freunden gemütlich feiern.

Offizielle Gratulationen wird es wohl geben?

Reisinger: Wenn, dann hoffentlich ohne Lobesreden. Huldigungen, besonders von Freunden, sind peinlich.