Göstling pendelt zwischen Ärger und Mitleid. In Göstling, Heimatgemeinde von Johannes Dürr, herrscht Entsetzen und Kopfschütteln über tiefen Fall des einstigen Vorbilds.

Von Christian Eplinger, Armin Grasberger und Bernhard Schiesser. Erstellt am 12. März 2019 (05:01)
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Bürgermeister Fritz Fahrnberger vor der „Wall of Fame“ vor dem Göstlinger Sitzungssaal, wo das Bild von Johannes Dürr mitten unter jenen der Göstlinger Bürgermeistern und Sportgrößen hängt. „Das ist ein Bild aus 2012. Da war noch alles in Ordnung. Daher lassen wir dieses hängen“, sagt Fahrnberger.

Verärgerung und Mitgefühl. Zwischen diesen zwei emotionalen Polen pendeln viele Göstlinger aktuell. Verärgerung einerseits über das erneute Dopingvergehen von Johannes Dürr, der gestand, in den vergangenen Monaten weiter Eigenblutdoping betrieben zu haben. Mitgefühl andererseits mit dem Menschen Johannes Dürr, den viele Göstlinger noch immer als den lieben, hilfsbereiten Burschen und Vorzeigeathleten kennen, dem sie so gerne eine zweite Chance willig gewesen wären.

Die durch Dürrs Beichte mitausgelöste Operation „Aderlass“, die zur Zerschlagung eines aus Erfurt aus agierenden Dopingnetzwerks führte, riss schließlich auch ihn mit. Nach seinem Ausschluss von den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 hatte sich Dürr weiter Blut abnehmen lassen.

Ein Reservoir sollte das sein, das ihm bei seiner Rückkehr in den Weltcupzirkus entscheidende Vorteile bringen sollte. Den Sprung zurück auf die große Bühne schaffte er nicht, trotz erneuten Dopings im heurigen Winter. Am vergangenen Dienstag folgten schließlich die neuerliche kurzfristige Festnahme des 31-Jährigen an seinem Arbeitsplatz in Innsbruck und Dürrs zweites Doping-Geständnis.

„Auch wenn der Ärger jetzt noch so groß ist, menschlich werden wir ihn nie fallen lassen.“Göstlings Bürgermeister Fritz Fahrnberger

„Die Enttäuschung ist groß. Das ist niederschmetternd. War Sotschi schon eine riesige Ohrfeige für uns, so ist jetzt der Ärger noch größer. Joe hat uns und all jene, die ihm vertraut haben, zum zweiten Mal hinters Licht geführt“, schildert Göstlings Bürgermeister Fritz Fahrnberger die aktuelle Stimmung in Dürrs Heimatgemeinde.

Die neuerliche Doping-Lüge war dort das Gesprächsthema der letzten Tage. Auch beim Finale des Eisenstraße-Langlaufcups am Sonntag in Hochreit – jenem Rennen, bei dem sich Johannes Dürr im Vorjahr bei seinem Comeback überlegen den Tagessieg geholt hatte.

„Alle im Verein und in der regionalen Langlaufszene sind schockiert und auch ziemlich verärgert über das, was sich da neuerlich aufgetan hat. Viele von uns hätten Joe so sehr diese zweite Chance gegönnt. Dass es jetzt so endet, das können wir alle gar nicht richtig fassen“, schildert Eisenstraße-Laufcup-Organisator Berthold Schrefel, selbst viele Jahre Langlauftrainer beim SC Göstling-Hochkar, dem Heimatclub von Joe Dürr.

Dort sei die „Vorbildfunktion von Dürr“ auf alle Fälle verloren gegangen, wie auch Skiclub-Obmann Robert Fahrnberger bestätigt. Dennoch sehen seine langjährigen Vereinskollegen — ebenso wie viele andere Göstlinger auch — nicht nur den Leistungssportler und Dopingsünder, sondern auch den Menschen Johannes Dürr. Und für den gibt es durchaus Mitleid. „Wir hoffen für ihn als Mensch, dass er aus diesem ganzen Sumpf wieder herauskommt“, sagt Berthold Schrefel.

„Menschlich werden wir Göstlinger ihn nicht fallen lassen. Auch wenn der Ärger jetzt noch so groß ist. Sportlich ist er ohnehin ganz tief gefallen“, ergänzt Bürgermeister Fritz Fahrnberger.

Dieser hat sich übrigens wie 183 weitere Unterstützer auch an der Crowdfunding-Kampagne zur Finanzierung von Dürrs Comeback beteiligt. 38.985 Euro sind da zusammengekommen. „Ich habe so wie viele anderen auch an ihn geglaubt. Joe war immer Sportler mit Leib und Seele. Jetzt sind wir eines Besseren belehrt worden“, schüttelt Fritz Fahrnberger enttäuscht den Kopf.

Persönliches Gespräch via Skype

Von der „Wall of Fame“ vor dem Göstlinger Rathaussitzungssaal, wo das Bild von Dürr neben jenen von Herbert Mandl, Rainer Herb, Thomas Sykora, Andreas Buder, Kathrin Zettel oder Katharina Gallhuber hängt, wird Fahrnberger das 2012 aufgenommene Foto von Dürr nicht entfernen lassen.

Johannes Dürr steht seinen Unterstützern diese Woche übrigens für ein persönliches Gespräch via Skype zur Verfügung.

„Es tut mir von Herzen leid, dass ich unseren Traum torpediert und Dich enttäuscht habe. Für meine Fehler möchte ich mich persönlich bei Dir entschuldigen. Es ist mir wichtig, einen persönlichen Austausch zu schaffen, damit Du es möglicherweise zwar nicht verstehen, aber zumindest annehmen kannst“, schrieb Dürr in einem Mail am Freitag.