Scheibbser Facharzt-Praxis zu verschenken!. Ende Juni geht Hautärztin Eva Mühlbacher in Pension. Nachfolger nicht in Sicht. „Kassenordinationen sind am Aussterben.“

Von Christian Eplinger. Erstellt am 17. März 2021 (04:33)
Doktor Eva Mühlbacher betreibt seit 28 Jahren eine Kassenstelle als Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Scheibbs. Mit Ende Juni geht die 62-Jährige in Pension. Ein Nachfolger für ihre Praxis ist nicht in Sicht. Foto: Eplinger
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Über zu wenig Auslastung kann Eva Mühlbacher nicht klagen. Die 62-jährige Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten hat in ihrer Computerdatei sicher mehr als 30.000 Patienten gelistet. Die Patienten kommen von Mariazell bis Yspertal, von Ardagger bis Kilb nach Scheibbs.

Die Terminvergabe gestaltet sich oft schwierig – Ausnahmen sind akute Krankheitsbilder. Neben Abklärung und Behandlung von Hautkrankheiten führt die Ärztin zusätzlich rund 360 Operationen pro Jahr durch. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Tumorchirurgie. Für kosmetische Wunschentfernungen und -behandlungen bleibt keine Zeit.

„Ich mache das, was notwendig ist und helfe damit als Kassenarzt dem Gesundheitssystem. Wir entlasten die Spitäler und sparen viele Kosten, wenn wir Tumore rechtzeitig entfernen können“, schildert Eva Mühlbacher, die bis vor zwei Jahren auch als Konsiliarärztin in den Landeskliniken Scheibbs und Waidhofen tätig war.

„Eine Kassenpraxis, geführt von einem Arzt allein, scheint ein Auslaufmodell zu sein. Nur ob man mit den neuen Modellen und Wahlärzten den Patientenandrang bewerkstelligen kann, bezweifle ich.“ Eva Mühlbacher

Doch auch wenn sie aus Leidenschaft Ärztin ist und sie es für ihre Patienten sehr bedauert, fühlt sie sich der immer größer werdenden Arbeitslast als Einzelkämpferin altersbedingt nicht mehr gewachsen. Den Kassenvertrag hat sie daher mit Ende Juni gekündigt.

Einen Nachfolger für ihre Kassen-Facharzt-Praxis hat sie bisher noch nicht gefunden. Die Kassen-Ordination ist seit 15. März auch offiziell ausgeschrieben. „Noch besteht etwas Hoffnung, dass sich ein Kollege oder eine Kollegin für eine nahtlose Übergabe meldet“, sagt Mühlbacher, die ihre gut eingeführte Praxis samt Einrichtung ohne finanzielle Ablöse anbietet. Aber ihr ist bewusst, dass sich „unser Gesundheitssystem extrem gewandelt hat.

Die Kassenarztpraxis, geführt von einem Arzt alleine, scheint ein Auslaufmodell zu sein. Die Tendenz geht eindeutig zur Wahlarzt- oder Gruppenpraxis. Ein Modell, das besonders für den ländlichen Raum nicht immer geeignet ist. Wahlärzte werden durch das private Zeitmodell den Patientenandrang nicht bewerkstelligen und somit den Versorgungsauftrag nicht erfüllen können“, fürchtet Eva Mühlbacher.

Der Bedarf an Dermatologen mit Kassenvertrag in der Region ist groß. Neben Eva Mühlbacher geht mit Ende September auch der Amstettner Hautarzt mit Kassenvertrag, Fritz Gruber, in Pension. Auch dort ist noch kein Nachfolger in Sicht. Damit gibt es ab Herbst in den Bezirken Amstetten, Melk, Scheibbs und Waidhofen/Ybbs voraussichtlich nur mehr zwei Hautärzte mit Kassenstelle in St. Valentin beziehungsweise in Melk. Dazu kommen fünf Wahlärzte für Haut- und Geschlechtskrankheiten in den drei Bezirken beziehungsweise der Statutarstadt Waidhofen.

Doktor Mühlbacher fürchtet, dass man sich immer mehr vom Modell Wohlfahrtsstaat entfernt. „Hohe Steuern und Abgaben sollten ein Bildungssystem, Infrastruktur, Altenversorgung und eben auch ein Gesundheitssystem für alle garantieren. Immer mehr Menschen müssen sich aber zusätzlich privat versichern. Ein Problem besonders für Ältere, chronisch Kranke und sozial Schwache. Dabei leistet die Solidaritätsversicherung, das Modell Gesundheitskasse, besonders bei sehr teuren Behandlungen und Operationen sehr viel“, sagt Mühlbacher.
Die erste und letzte Hautärztin in Scheibbs?

Wieso es soweit gekommen ist, könne sie nicht sagen. Sie erinnert sich aber an ihre Anfänge zurück. Damals Ende der 80er-Jahre ist ihre Facharztausbildungsstelle vom Land Niederösterreich gefördert worden. Mit der Auflage, nach absolvierter Ausbildung eine Facharztordination in Niederösterreich zu eröffnen. „Ich wollte damals eigentlich auch noch länger im Spital arbeiten, aber ich hatte den Vertrag unterschrieben und damit war klar, dass ich das auch einhalten werde“, betont Mühlbacher.

1993 hat sie ihre Praxis in Scheibbs eröffnet. Vorher gab es keinen Hautarzt in Scheibbs – „und wie es scheint, nach mir auch wieder nicht. Ich hätte mich damals auch für andere Orte entscheiden können wie Mistelbach, Horn oder das Wiener Umland, aber ich entschied mich für Scheibbs. Als Steinakirchnerin hatte ich einen Bezug zu Scheibbs und wollte einfach in einer schönen Region leben und arbeiten“, sagt Eva Mühlbacher, die 2002 ihre Ordinationsräumlichkeiten von der Rathausstiege 1 in die Rathausgasse 3 verlegte. Die größeren Räumlichkeiten in dem von der Alpenland renovierten Gebäude „Schwarzen Elefant“ sind nun auch barrierefrei zugänglich.

Dass andere Zeiten auch andere Strukturen benötigen, sei eine Tatsache. Dennoch „die Medizin sollte nicht nur ein Geschäft sein. Es geht um den Versorgungsauftrag und die sozialen Aufgaben der Ärzte. Und da haben wir jetzt akute Versorgungsknappheit der Patienten“, sagt Eva Mühlbacher.

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