Scheibbs: Dankesrede sorgt für Polit-Wirbel

Erstellt am 09. März 2020 | 18:50
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Foto: NOEN
Preis für Verein „Willkommen“. Dessen Obmann Johann Pöcksteiner äußerte bei Dankesrede heftige Kritik an der Politik.
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Teilweise betretene Gesichter und verhaltener bis gar kein Applaus in den ersten beiden Reihen. Umso stärkere Zustimmung, desto weiter man in den dicht besetzten Festsaal zurückblickte. Die Dankesrede von Johann Pöcksteiner bei der Scheibbser Kulturpreisverleihung am Freitagabend war mehr als eine bloße Dankesrede. Sie war ein politisches Statement.

Pöcksteiner ging mit der Politik und auch den anwesenden VP-Politikern, Landtagsabgeordneten Anton Erber sowie der Zweite Landtagspräsident Gerhard Karner, der als Bürgermeister der Gemeinde Texing zu Gast war, hart ins Gericht. Auch wenn er sie im Unterschied zu Bundeskanzler Kurz und Landeshauptfrau Mikl-Leitner nicht persönlich nannte, die Anreden Herr Abgeordneter und Herr Präsident verbunden mit Blicken in Richtung der beiden waren eindeutig.

„So viele politische Statements und noch viel mehr Fragen. Wir spüren diese Politik tagtäglich. Denn sie spricht den Flüchtlingen immer mehr das Menschliche ab. Was antworten wir, wenn wir gefragt werden: Wo ist mein Bruder? Wo meine Schwester, die plötzlich verschwunden sind, obwohl sie vielen von uns schon zu sehr vertrauten Gesichtern wurden?“ fragte ein zwischen Dankbarkeit, Stolz und Kritik sichtlich emotional aufgewühlter Pöcksteiner in seiner Rede. Der seit März 2014 in Scheibbs und der Region agierende Verein „Willkommen – Verein zum Finden einer neuen Heimat“, sei ein Verein, der aneckt. „Ich weiß, ich bin unangenehm. Aber ich will auch unangenehm sein. Weil vieles einfach gesagt werden muss“, betonte Pöcksteiner.

Die Reaktionen auf seine Rede blieben nicht aus. Erber, der zuvor noch in Vertretung von Landeshauptfrau Mikl-Leitner die Bedeutung der Dialogfähigkeit und Toleranz hervorstrich und dem Verein dankte, dass „ihr tut, was ihr tut“, und Karner verließen sofort nach Ende des offiziellen Teils die Veranstaltung.

„Ich bin unangenehm. Aber ich will auch unangenehm sein.“ Vereinsobmann Johann Pöcksteiner in seiner Rede

Doch zurück zur Kulturpreisverleihung selbst. Da erhielten sowohl die Stadtgemeinde Scheibbs, die Kulturjury unter Vorsitz von Judith McGregor und natürlich der Verein „Willkommen – Verein zum Finden einer neuen Heimat“ großes Lob von allen Seiten.

„Gerade in der heutigen Zeit ist die Arbeit des Vereins in der Gesellschaft wichtig. Wenn uns das Coronavirus dazu verleitet, Abstand zu halten, dann fördert dieser Verein das menschliche Zusammenrücken“, unterstrich VP-Vizebürgermeister Martin Luger in seiner Begrüßung. „Ich bin stolz, dass meine Heimatstadt mit der Vergabe des Kulturpreises an den Verein „Willkommen“ so ein Signal setzt. Denn der Verein setzt durch seine Tätigkeiten ein Zeichen, was christliche Kultur ist“, betonte auch Pater Jeremia Eisenbauer vom Stift Melk, das dem Verein heuer einen Teil des Sozialbudgets für die weitere Abhaltung der Deutschkurse zur Verfügung stellt. Denn die deutsche Sprache sei „der Türöffner in der Gesellschaft“, sagte Eisenbauer. Bereits der Benediktiner-Pater äußerte in seiner Rede Kritik an der Politik und forderte mit dem Bibelzitat „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ manche Politiker zu Nachhilfestunden im Religions- oder Ethikunterricht auf.

Die ausführliche Laudatio auf die neuen Kulturpreisträger 2019 hielten Gabriele und Franz Hofmarcher. Zuerst gab es Lob für die Kulturjury. „Ihr habt den Kulturbegriff im Sinne der Kultur des Miteinanders viel weiter gefasst, als viele in unserer Gesellschaft.“ Die Hofmarchers hoben auch die vielen wunderbaren Gesichter des Vereins in den Vordergrund, wodurch Türen für eine vielfältige Welt geöffnet würden.

Seit 1995 wird der Kulturpreis der Stadtgemeinde Scheibbs verliehen. Dennoch sei die 20. Verleihung (seit 2009 erfolgt sie nur mehr im Zwei-Jahresrhythmus) etwas ganz Besonderes, erklärte VP- Bürgermeister Franz Aigner: „Ich möchte dem gesamten Team rund um Obmann Johann Pöcksteiner für die vielen Initiativen in den unterschiedlichen Bereichen danken, die eine Integration der Menschen, die in ein fremdes Land kommen, erleichtern. Ich hoffe, die Arbeit wird auch in Zukunft so engagiert weitergeführt und der Verein bleibt das so wichtige verbindende Element zwischen den Kulturen in unserer Stadt und darüber hinaus.“

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