Der größte Urwald der Ostalpen. Auch damit 460 Hektar Urwald auf lange Sicht geschützt werden, wird in Lunz das Haus der Wildnis errichtet.

Von Christian Eplinger. Erstellt am 22. Juli 2020 (04:19)

„Der Urwald ist unwiderbringlich. Wenn wir einen Quadratmeter verlieren, ist er für immer verloren. Das muss uns immer bewusst sein, wenn wir diesen Wald betreten“, erklärt Ranger Reinhard Pekny von der Schutzgebietsverwaltung des Wildnisgebietes Dürrenstein beim Eintritt in den Urwald. Im Ostteil des Wildnisgebietes gelegen befindet sich der größte Urwaldrest der Ostalpen. 460 Hektar Wald, die noch nie forstwirtschaftlich genutzt wurden. Zum Vergleich dazu: Der zweitgrößte Urwaldrest in Österreich in Lahnsattel umfasst 25 Hektar.

„Hier im Urwald bestimmt alleine die Natur das Geschehen, die Faszination eines nicht durch den Menschen beeinträchtigten Lebensraumes wird dadurch erlebbar. Es ist daher weniger ein Gebietsschutz, sondern ein Prozessschutz. Es gibt keinen Plan, wie die Natur hier ausschauen muss“, gibt Pekny tiefe, emotionale Einblicke in die Aufgaben der Schutzgebietsverwaltung, für die er seit 1997 verantwortlich ist.

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Prägend für den Urwald ist auch das Totholz, das hier Jahrhunderte liegt, bis es gänzlich verrottet. Es ist Nährboden und Lebensraum für die Natur und der Schwamm, der den Regen aufsaugt. Die Fichten verjüngen sich zu 95 Prozent auf Totholz - und gedeihen prächtig – trotz einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von nur 3,9 Grad. „Werden normale Fichten in einem Wirtschaftswald rund 38 Meter hoch, so steht im Urwald mit 62 Metern die höchste vermessene Fichte im Alpenraum“, weiß Pekny.

„Hier bestimmt seit Jahrhunderten der Schnee, ob und wann gearbeitet wird.“Reinhard Pekny

Der Urwald ist auch Lebensraum für eine reichhaltige Fauna und Flora. Im gesamten 3.500 Hektar großen Wildnisgebiet findet man mehr als 600 Großpilzarten, darunter Besonderheiten wie den duftenden Feuerschwamm, den es nur elf Mal weltweit gibt. Auch in der Tierwelt ist praktisch das gesamte nordalpine Artenspektrum vertreten. Dass es den Urwald heute noch so gibt, hat mehrere Ursachen. Zum einen, den fast 400 Jahre lang andauernden Streit zweier Klöster über die Nutzung dieser Flächen.

Auf der einen Seite beanspruchten die Gaminger Kartäuser die Fläche als Teil ihrer 30.000 Hektar Grundbesitz. Auf der anderen Seite stand das Stift Admont, das das Nutzungsrecht für sich beanspruchte, weil der Rotwald über den Moderbach, die Lassing und Salza in die Enns entwässert. Und da das Gebiet ohnehin sehr schwer zu bewirtschaften war, verlor man in diesen 400 Jahren nur rund einen Hektar Urwald pro Jahr. „Hier bestimmt der Schnee, wann gearbeitet wird“, weiß Pekny.

Kaiser Josef II. beendete 1782 den Streit und verstaatlichte die Fläche. 1825 ging der Rotwald wieder in Privatbesitz über. Die Forstwirtschaft wird immer intensiver betrieben. Alles wird abgeholzt, einzig die schwierige Topographie rettet den Urwald. Und die Wirtschaftskrise 1872. Nach dem Zusammenbruch der Aktienmärkte ging das Gebiet 1875 an Albert Rothschild, der von dieser unberührten Natur begeistert war und diese Wälder vor forstlichem Zugriff und Zerstörung schützte. „Rothschild war sicher kein Ökologe, aber ein Naturromantiker. Den Urwald und das Wildnisgebiet haben wir zum Großteil ihm zu verdanken“, weiß Pekny.

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Und dem Land Niederösterreich, die 120 Jahre später gemeinsam mit den Grundeigentümern – der Forstverwaltung Langau (heute Neuhaus/Prinzhorn-Gruppe) und den Österreichischen Bundesforste AG – 1997 ein Life-Projekt ins Leben rief. 2003 folgte die Anerkennung zum ersten Wildnisgebiet Österreichs der Kategorie I durch die Weltnaturschutzorganisation IUCN. Seit 2017 ist das Wildnisgebiet eines von nur 210 weltweiten Naturwelterbe-Stätten der UNESCO.

Damit die Natur im Wildnisgebiet auch weiterhin möglichst unberührt bleibt und sie dennoch den Menschen näher gebracht werden kann, wird seit rund einem Jahr in Lunz das „Haus der Wildnis“ gebaut. Land und private Sponsoren finanzieren das 5,6 Millionen Euro teure Projekt, das künftig als Erlebnis- und Ausstellungsfläche und Zentrale für das Wildnisgebiet, aber auch Seminar- und Schulungsraum unter anderem auch für den WasserCluster genutzt werden soll. „Wir sind gut im Plan. Mit Jahresbeginn 2021 soll der Probebetrieb starten“, sagt der Lunzer Bürgermeister Josef Schachner.