Erstellt am 19. Mai 2014, 13:39

von Christian Eplinger und Karin Maria Heigl

Matura war Garantie für einen guten Job. Wieselburg | Im Vorfeld der 50-Jahr-Jubiläumsfeierlichkeiten des BG/BRG Wieselburg bat die NÖN drei (ehemalige) Direktoren zum runden Tisch.

Knapp zwei Stunden diskutierten die drei (ehemaligen) Direktoren des BG/BRG Wieselburg mit NÖN-Redakteur Christian Eplinger und NÖN-Mitarbeiterin Karin Maria Heigl. Foto: Heigl  |  NOEN, Heigl

Am Freitag, 23. Mai, feiert das BG/BRG Wieselburg sein 50-jähriges Bestandsjubiläum. Eine Woche davor bat die Erlauftaler NÖN Direktorin Sigrid Freinberger gemeinsam mit ihren beiden Vorgängern Gottfried Müllschitzky und Herwig Birklbauer zum Gespräch über ihre Schulerinnerungen, den Wandel von Schule, neue Entwicklungen im Bildungswesen und die Zukunft der Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS) im Wettbewerb mit HTL, HAK & Co.

NÖN: Wenn Sie an Ihre eigene Schulzeit zurückdenken. Wie war Schule damals? Welche Unterrichtsformen gab es, welche Schwerpunkte? Und wie war das Lehrer-Schüler-Verhältnis?

Birklbauer: Ich bin 1953 in die erste Klasse des Gymnasiums Gmünd eingetreten. Damals unter russischer Besatzung, mit großen sozialen Barrieren. Das Gymnasium wurde eher von Kindern der „Oberschicht“ besucht. Meine Zieheltern haben daher nie daran gedacht, mich ins Gymnasium zu schicken. Ich verdanke das meiner Volksschullehrerin. Mein Ziehvater war zum Glück so aufgeschlossen, dass er die Mühen wie Schulgeld auf sich nahm. Es hat keine Gratis-Schulbücher gegeben. Man musste während des Jahres auf die Bücher aufpassen, diese nach unten verkaufen und um den Erlös die Bücher der oberen Schulstufe ankaufen. So war das soziale Umfeld, aber unglücklich waren wir nicht. Wir waren stolz, ins Gymnasium gehen zu dürfen. Das Verhältnis Lehrer-Schüler war natürlich von Parieren geprägt. Man ist gar nicht auf die Idee gekommen, sich gegen einen Lehrer aufzulehnen. Im Unterricht war es mucksmäuschen still. Der Lehrer hatte immer recht, auch zu Hause. Aber es gab auch schon damals gute Lehrer und ein paar schwarze Schafe.
Müllschitzky: Das war auch bei uns so. Ich bin 1958 ins Gymnasium gekommen, wobei es bei uns nie ein Thema war, dass ich nicht ins Gymnasium gehen würde. Ich komme aus einer Akademikerfamilie und besuchte die Gymnasien in Kalksburg und Melk. Der Unterricht war von strenger Erziehung und Angstpädagogik geprägt. Die Lehrer waren ausgesprochene Fachleute, nur Pädagogik war eher ein Fremdwort. Manche waren aber sehr lebensprägend – sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Inhaltlich war die Schule total reguliert. Es gab ungeschriebene Gesetze, an die man sich zu halten hatte. Der Unterricht war im Wesentlichen der heute zu Unrecht oft verdammte Frontalunterricht, der auf Reproduktion ausgelegt war. Selbsttätigkeit war nicht gefragt. Prägend waren für mich mein Griechisch-Lehrer und der Alt-Abt im Stift Melk. Die haben eine Kehrtwendung hin zum Jugendlichen gemacht. Plötzlich wurden wir zum eigenständigen Denken ermutigt.

Machen wir einen Sprung zu Ihnen Frau Direktor. Wie sind Ihre Erinnerungen an Ihre Schulzeit?

Freinberger: Ich ging 1978 in die erste Klasse im Gymnasium Lilienfeld. Ich stamme auch eher aus ärmlicheren Verhältnissen, damals war es aber kein Problem mehr, ein Gymnasium zu besuchen. Der Wohlfahrtsstaat hatte schon um sich gegriffen. Trotzdem war es nicht selbstverständlich, das so viele Kinder ins Gymnasium gehen wie heute. Nur die zwei, drei Besten jedes Ortes gingen in ein Gymnasium. Die lauten und von oben herab agierenden Lehrer zählten zu den Relikten. Die meisten Lehrer sahen die Jugendlichen als Persönlichkeit und nicht nur als Person. Die Lehrer versuchten auf die Jugendlichen einzugehen, aber wenn eine Entscheidung gefallen war, dann standen auch die Eltern hinter der Entscheidung des Lehrers. Das war ganz anders, als es heute ist. Von der Unterrichtsform hat der Frontalunterricht dominiert, wobei schon erste eigenständige Leistungen gefragt waren in Form von Projekten oder Referaten – aber nicht vergleichbar mit heute. Die Matura hatte noch einen besonderen Stellenwert und war die Eintrittskarte für die Universität oder einen sicheren Job.

Müllschitzky: Ja, auf die Uni zu gehen, war etwas Besonderes.

Birklbauer: In unserer 3.500 Einwohner-Gemeinde Weitra konnte man die Zahl der Maturanten fast an beiden Händen abzählen. Und als Akademiker war man sowieso ein angesehner Mensch. Denn ein Uni-Abschluss war die Garantie für einen ordentlichen und gut bezahlten Arbeitsplatz.

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„AHS-Leute sind anderes und breiteres Lernen gewohnt“

Nur heute ist der Stellenwert der Matura gesunken. Sie ist nicht mehr automatisch die Eintrittskarte in eine bestimmte Uni- oder Berufsausbildung. Ist das nicht gerade für die AHS ein Nachteil?

Müllschitzky: Zum Teil, vor allem weil viele Kinder schon mit einer gewissen Zielstrebigkeit das Gymnasium beginnen. Sie wissen von der ersten Klasse an, was sie später machen wollen und dass sie nach der vierten Klasse in eine HAK oder HTL gehen wollen, weil sie diese Ausbildung für ihren Wunschberuf brauchen. Das tut uns als AHS-Oberstufe mitunter weh.

Freinberger: Wobei ich gerade in Gesprächen mit Absolventen eines technischen Uni-Studiums immer höre, dass eine HTL nur anfangs ein Vorteil sei. Das relativiert sich schnell, weil die AHS-Leute ein anderes und breiteres Lernen gewohnt sind. Das kommt wieder bei den Betrieben besser an, weil sie vielfältiger einsetzbar sind.

Müllschitzky: Ja, da stimme ich zu. Ich glaube, das Gymnasium ist die Zukunft des Lernens, weil die zukünftige Welt komplex und global ist. Da muss man Sprachen können und vernetzt denken – all das lernt man im Gymnasium. Ansonsten bleibt oft eine gute Fachkraft oder toller Experte, der aber in seinen beruflichen Bewegungsfreiheiten eingeschränkt ist und sich Nischen suchen muss.

Sie brechen naturgemäß eine Lanze für die AHS. Kann sie aber vor allem im Oberstufenbereich wirklich gegen die Berufsbildenden Höheren Schulen bestehen? Vor allem imagemäßig haben die BHS derzeit einen Vorteil.

Müllschitzky: Konkurrenz zwischen den Schulen ist durchaus gut und kann belebend wirken. Das Gymnasium kann bestehen. Wir haben einerseits den Sprachenschwerpunkt und andererseits einen sehr guten und renommierten naturwissenschaftlichen Bereich. Nur das muss man als Schule immer wieder ins Bewusstsein rücken.

Freinberger: Es muss eine Aufklärung schon in der Unterstufe passieren über den Stellenwert der AHS. Die BHS sind wichtig, aber wir dürfen die AHS-Matura nicht immer abwertend hinstellen. Im Gegenteil. In den Betrieben sind AHS-Abgänger immer wieder gefragt, weil sie eben umfassendere Denkansätze verfolgen. Nur das ist auch bei den Eltern noch nicht angekommen. Immer mehr Maturanten steigen direkt in den Beruf ein.

Birklbauer: Ich möchte es optimistisch sehen. Die Schule kann selber ein Schulprofil entwickeln und sollte dieses dann auch leben. Mit einem guten Schulprofil lassen sich 20 Prozent mehr Schüler in der Oberstufe halten. Davon bin ich überzeugt. Gleichzeitig muss ich Eltern und Schüler dafür gewinnen und vor allem schauen, dass sich die Gymnasiasten bei uns besonders wohl fühlen, was ja auch jetzt schon der Fall ist. Auf eine Reform von oben dürfen wir nicht warten.

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„Werden weiter wursteln“

Apropos Reform. Wie sehen Sie die aktuellen Schuldebatten und -reformvorschläge?
Müllschitzky: Ich glaube, es braucht einen Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik. Es geht um Individualisierung und Differenzierung. Ich muss den Schwachen stützen und den Guten fördern, dort wo er sich wohl fühlt. Schule kann nicht für alle das Gleiche machen und bedeuten. Daher bin ich auch ein Kritiker der Zentralmatura, die alles über einen Kamm schert und eine Nivellierung nach unten bedeutet. Denn der durchschnittliche Lehrer wird künftig Learning for Testing machen.
Freinberger: Das passiert schon.
Müllschitzky: Nur gerade da muss das Gymnasium dagegenwirken. Wir produzieren nicht für die Wirtschaft, sondern haben immer noch das Wohl und die Entwicklung des Kindes in den Mittelpunkt zu rücken. Da kann das Gymnasium sehr viel für das Persönliche, die sogenannten Soft Skills, beitragen.
Birklbauer: Die beste Schulreform sind nach wie vor gut ausgebildete Lehrer, die für den Beruf geeignet sind und den Beruf gerne machen. Dazu braucht es passende Rahmenbedingungen, wie möglichst niedrige Klassenzahlen, ein ordentliches Raumangebot und eine gesunde Teilautonomie für die Schule.
Müllschitzky: Ich fürchte nur, dass wir in Zukunft genauso weiterwursteln werden, weil es uns nicht gelingt, dass wir uns gesellschaftlich einigen, was Bildung ist. Es fehlt uns eine wirkliche Schul- und Bildungsstrategie von oben her. Aber das wäre Aufgabe der Politik. Wir Lehrer wissen, wo es Defizite gibt, aber wir sind in dem System viel zu wenig eingebunden. Jetzt ist es zu spät. Jetzt müssen wir pflastern, daher wird es nicht besser. Zu viel – wie etwa die Zentralmatura – wird am Rücken der Kinder ausgetragen. Das darf es nicht sein.
Freinberger: Ich glaube, beides ist wichtig. Es braucht einen engagierten Schulleiter, der das Beste für seine Schule herausholt. Aber es gehört auch das System entsprechend angepasst.
Müllschitzky: Früher ging man ruhiger an Reformen heran. Langfristige Vorbereitung oder Testphasen gibt es nicht mehr.
Freinberger: Heute kommt ganz vieles unausgegoren auf den Tisch, nur um der Reform willen. Ob es passt oder nicht, ist zweitrangig. Die Leidtragenden sind die Lehrer und die Schüler.

Wir haben öfters angesprochen, dass vieles von den Lehrkräften abhängt. Wäre es nicht wünschenswert, wenn man sich als Direktor seinen Lehrkörper selbst zusammenstellen kann? In einer Firma sucht sich auch der Chef seine Mitarbeiter aus. Und ganz ehrlich – nicht jeder Lehrer ist für diesen Beruf auch geeignet.
Freinberger: Da gehört sicher in der Lehrerausbildung angesetzt. Es wäre vernünftig, gleich zu Beginn zu schauen, ob ein Lehrer wirklich die Fähigkeiten zum Unterrichten besitzt. Als Direktor habe ich jetzt nicht die Möglichkeiten, auf mein Personal einzugreifen. Daher kann man jetzt auch nicht aufs System schimpfen.
Birklbauer: Aber genau diese Entscheidungsfreiheit wollen wir. Daher kann man das System sehr wohl kritisieren. Ich plädiere daher dafür, dass dem Direktor das Recht eingeräumt wird, sich unter Umständen von einer Lehrkraft zu trennen. Denn einige wenige nicht so begabte Lehrer können das Schulklima negativ beeinflussen und viele leiden dann darunter. Ich wäre daher für eine Teilautonomie der Schulen, bei der der Direktor ein verbrieftes Mitspracherecht bei der Auswahl der Mitglieder seines Lehrkörpers hat.
Müllschitzky: Das Problem ist, man kennt als Direktor den Markt der Lehrer nicht. Daher ist es schon gut, wenn man einen Vorschlag bekommt, aus dem man sich dann sein Personal aussuchen kann. Aber die Direktoren spielen im modernen Schulsystem eine entscheidende Rolle. Sie sind die Alpha-Tierchen. Man muss ein Kommunikator sein zwischen Lehrern, Eltern und Schülern.

Frontalunterricht ist derzeit total verpönt – zu Unrecht? Was macht heute einen guten Lehrer aus?
Müllschitzky:
Der gute Frontalunterricht ist nicht zu ersetzen.
Freinberger: Die Schüler wünschen sich diesen Unterricht auch wieder. Der gute Lehrer muss heute seinen Stoff beherrschen und eine Persönlichkeit sein, der rhetorisch gut ist, gut präsentieren kann und eine Klasse führt mit einem guten Verhältnis zu den Schülern, aber die Grenzen klar absteckt.
Müllschitzky: Genau hier liegt das Problem der neuen Ansätze in der Lehrerausbildung, wo das akademische Fachwissen in den Hintergrund gedrängt wird. Aber dieses Wissen macht einen guten Lehrer aus. Ein guter Lehrer fördert zudem die Kreativität und individuellen Talente der Kinder.
Birklbauer: Fachwissen ist die eine unabdingbare Komponente. Aber ein guter Lehrer hat sich schon immer auch darin ausgezeichnet, dass er seine Schüler zum logischen und selbstständigen Denken und Argumentieren anminiert. Zum Glück hat es diese Lehrer immer am Gymnasium Wieselburg gegeben.
Freinberger: ... und gibt es immer noch.