Trauer um Lily Claire Reitlinger: „Eine Grande Dame“. Lily Claire Reitlinger verstarb am Freitag im 86. Lebensjahr. Sie prägte Heiser-Firmengeschichte mit.

Von Christian Eplinger. Erstellt am 28. Mai 2019 (05:52)
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Lily Claire Reitlinger, im Bild bei den 200-Jahr-Feierlichkeiten des Heiser-Werks 2017, war bis zuletzt eine Grande Dame.
Eplinger/Archiv

Lily Claire Reitlinger ist tot. Diese traurige Nachricht verbreitete sich am Wochenende schnell in der Gemeinde Gaming. Die 85-jährige Witwe des Heiser-Eigentümers Carl Theodor Reitlinger starb am Freitag im Urlaub auf Mallorca. Wann die Begräbnis-Feierlichkeiten stattfinden, werden stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Lily Claire Reitlinger stammte aus der Wiener Unternehmerfamilie Brach. Sie lernte ihren späteren Ehemann nach dem Krieg in Kienberg kennen. Ihr Vater und Carl Theodors Onkel waren Schulfreunde. Nach der Arisierung des Werks unter Hitler, der sowjetischen Besatzung in der Nachkriegszeit und der Rückstellung nach Unterzeichnung des Staatsvertrages übernahm Carl Theodor Reitlinger im Alter von 32 Jahren das Heiser-Werk (heute Worthington Cylinders). Die Familie Reitlinger war seit 1911 Eigentümer des 1817 gegründeten Industrieunternehmens.

 „Lily Claire Reitlinger war im Business die perfekte Ergänzung ihres Mannes.“ Josef Kirchberger, langjähriger Mitarbeiter von Heiser, in der 2017 veröffentlichten Chronik

 Carl Theodor Reitlinger schaffte es in kurzer Zeit, das in der Sowjet-Ära herabgewirtschaftete und verschuldete Werk wieder in der Branche zu verankern. Bereits 1958 bewerkstelligte Heiser mit 450 Mitarbeitern, die bei der Rückstellung der Familie Reitlinger nicht nur positiv gegenübergestanden waren, einen Ausstoß von 4.000 Stahlflaschen im Monat. Dank Innovationen und steter Erweiterung der Produktpalette spielte das Unternehmen eine immer wichtigere Rolle am nationalen und internationalen Markt.

1963 heiratete Carl Theodor Reitlinger Lily Claire. Sie stand ihrem Mann tatkräftig zur Seite. In den ersten Jahren kümmerte sie sich vor allem um die Modernisierung der Werkswohnungen, deren Instandsetzung und Vergabe an neue Mieter. Anfang der 70er-Jahre trat Lily Claire Reitlinger immer mehr aus dem Schatten ihrer Schwiegermutter Rose und engagierte sich im Unternehmen.

Gewisses „Vorbild“ war Waltraud Welser. In der Wahrnehmung des langjährigen Mitarbeiters Josef Kirchberger haben die beiden Eheleute kongenial zusammengearbeitet. „Herr Reitlinger war ungemein geschult und gebildet. Allerdings hatte er wenig Geduld. Hier kam seine Frau ins Spiel. Sie brachte Hausverstand und Pragmatismus ein, hatte technisches Verständnis und war im Business die perfekte Ergänzung ihres Mannes“, schilderte Kirchberger in der 2017 veröffentlichten Firmenchronik.

"Sie kannte die Anliegen und Bedürfnisse der Mitarbeiter"

Lily Reitlinger war vor allem für die Investitionen im Unternehmen zuständig. Zwar fällte das Ehepaar Reitlinger Entscheidungen stets gemeinsam, doch Lily Claire Reitlinger war maßgeblich für deren zügige Umsetzung zuständig. „Sie suchte das Gespräch mit allen Mitarbeitern im Werk und kannte die Anliegen und Bedürfnisse“, fasste der ehemalige Verkaufsdirektor Timm Friedel-Klarenberg die Rolle von Lily Claire-Reitlinger zusammen.

Unter dem Ehepaar Reitlinger stieg Heiser zum international führenden Stahlflaschenproduzenten auf. 1998 verkauften die Reitlingers das Unternehmen mit damals 300 Mitarbeitern an den amerikanischen Konzern Worthington Industries.

Lily Claire und Carl Theodor erhielten bei der Übergabefeier beide den Ehrenring der Gemeinde Gaming. Am 9. Jänner 2002 verstarb Carl Theodor. Lily Claire Reitlinger blieb im Herrenhaus in Kienberg wohnhaft. Dieses war für die beiden Lebensmittelpunkt und diente als repräsentatives Gästehaus für Kunden aus aller Welt. Die Gastfreundschaft war legendär, auch ein Verdienst von Lily Claire.

„Lily Claire Reitlinger war eine Grande Dame, die gemeinsam mit ihrem Mann sehr viel für die Region bewegt hat und bis zuletzt eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen ist“, betont Gamings Bürgermeisterin Renate Gruber.