Paul Nemecek: „Freihandel geht so nicht weiter“. Am 12. April war Paul Nemecek 100 Tage als Direktor des NÖ Bauernbundes im Amt. Die NÖN bat den Wieselburger zum Gespräch.

Von Christian Eplinger. Erstellt am 30. April 2020 (04:56)
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Seit 3. Jänner ist der 33-jährige Wieselburger Paul Nemecek (links) Direktor des NÖ Bauernbundes. Im Gespräch mit NÖN-Redakteur Christian Eplinger in der Berglandhalle – in Coronazeiten natürlich mit Sicherheitsabstand und Schutzmaske – nimmt er zur aktuellen Situation der Landwirtschaft Stellung. Übrigens: In der Berglandhalle wird am 13. Mai der erste Rindermarkt seit Ausbruch der Coronakrise stattfinden. 
Kostiha

NÖN: Wie schnell sind für Sie die ersten 100 Tage in Ihrer neuen Funktion vergangen?
Paul Nemecek: Normalerweise heißt es, dass man sich in den 100 Tagen einmal einen Überblick verschaffen kann. Diese „Schonfrist“ gab es nicht. Das war mir jedoch klar und auch kein Problem, da ich das Umfeld kannte. Nach sieben Jahren im NÖ Bauernbund, zuletzt als Direktor-Stellvertreter, wusste ich, was auf mich zukommt. Die Ernennung zum Bauernbunddirektor kam zwar unerwartet, aber nicht unvorbereitet. Ball, Pressekonferenzen, Gemeinderats- und Kammerwahlen, oder auch die Spar-Demo waren insofern kein absolutes Neuland. Außerdem hat meine Vorgängerin Klaudia Tanner sehr gute Vorarbeit geleistet und mit unserem Obmann Stephan Pernkopf gibt es ein sehr enges Vertrauensverhältnis. Das erleichtert vieles. Dennoch hat die Coronakrise uns alle unvorbereitet, quasi über Nacht, getroffen.

Was war für Sie persönlich die größte Umstellung?
Nemecek: Der Schritt von der zweiten in die erste Reihe war eine Umstellung. Diese Position bringt eine enorme Verantwortung für über 100.000 Mitglieder und 15.000 Funktionäre mit sich, die man tagtäglich spürt. Eine Verantwortung, die ich gerne übernehme. Für mich war es dennoch am Anfang gleich wichtig, sofort rauszukommen zu unseren Bäuerinnen und Bauern. Das gefällt mir an diesem Job am besten – direkt mit vielen Mitgliedern im Gespräch zu sein. Handschlag und Augenkontakt gehen mir in der Coronazeit aktuell extrem ab.

Gab es in dieser sehr intensiven Startphase den einen oder anderen Tag zum Durchschnaufen?
Nemecek: Bis zu den Kammerwahlen im Prinzip nicht, auch wenn da Klaudia Tanner und das gesamte Team schon perfekte Vorarbeit geleistet haben. Dann kam Corona – und auch wenn die Mobilität jetzt eingeschränkt war, zum Durchschnaufen blieb selten Zeit.

Wie tankt man da Kraft?
Nemecek: Man muss sich bestimmte Momente bewusst als Kraftquellen nehmen. Für mich war zum Beispiel die Fahrt mit meiner Verlobten in der Osterwoche nach Mariazell, wo ich mit Superior Michael Staberl eine Video-Osterbotschaft für unsere Mitglieder aufgenommen habe, so ein Moment. Auch das Osterwochenende selbst, das wir heuer ganz bewusst absolut terminfrei gestaltet haben.

„Spätestens nun muss jedem klar sein, wie hoch der Wert der Selbstversorgung mit Lebensmitteln ist.“Paul Nemecek

Wie geht es der Landwirtschaft aktuell – was beschäftigt die heimischen Bauern am meisten?
Nemecek: Für die Wirtschaft und Landwirtschaft ist die Coronakrise ein herber Rückschlag. Verglichen wird sie immer mit dem 2. Weltkrieg oder der Weltwirtschaftskrise in den 1920er-Jahren. Im Unterschied zu damals herrscht aber jetzt in Österreich kein Hunger. Die Agrarpolitik der letzten Jahrzehnte hat es jedoch geschafft, dass unsere Bauern Österreicher jederzeit mit ausreichend Lebensmittel versorgen können. Egal wie lange diese Krise noch dauern würde. Diese Leistung ist nicht selbstverständlich, nicht zuletzt deswegen ist die Landwirtschaft auch systemrelevant. Unsere Bäuerinnen und Bauern leisten Großartiges. Unabhängig von EU- und Weltpolitik ist aber derzeit der fehlende Regen ein großes Thema. Die Bauern sind die ersten und Hauptbetroffenen des Klimawandels und nicht die Verursacher. Wenn es nicht regnet, wächst nichts – kein Futter für die Milchkühe und kein Getreide zum Ernten. Dazu kommt die Gefährdung von Wald und Forst durch den Borkenkäfer. Alleine im Waldviertel hat der Käfer im letzten Jahr die Hälfte der Landesfläche von Wien vernichtet. Die schlechten Holzpreise sind auch besonders für einen waldreichen Bezirk wie den unseren ein großes Problem.

Wo setzen Sie gezielt als Bauernbunddirektor Schwerpunkte?
Nemecek: Da gibt es fünf Punkte: 1) Selbstversorgung mit Lebensmittel – zu jeder Zeit. Das hat seinen Wert. Das muss unser Ziel sein. Alles, was dieses Ziel gefährdet, wird von uns gnadenlos in Frage gestellt. 2) Maßnahmen zum Klimawandel: Hier erarbeiten wir für unseren Wald wirksame Sofortmaßnahmen. 3) Ein Umdenken in der EU-Politik, gerade was das Freihandelsabkommen Mercosur betrifft. Wir haben in Österreich und in Europa ausreichend Rindfleisch und trotzdem wird dieses aus Übersee importiert. Das ist der falsche Weg. 4) Die klare und eindeutige Herkunftskennzeichnung – sowohl im Einzelverkauf als auch in Großküchen. Herkunftskennzeichnung ist eine Notwendigkeit und auch Konsumentenschutz. Den Täuschungsversuchen mit der rot-weiß-roten Fahnderlwirtschaft ist seit 1. April zum Glück ein Riegel vorgeschoben. Wir werden dahingehend dem Handel genau auf die Finger schauen. 5) Öffentlichkeitsarbeit: Wir werden die Leistungen unserer Bauern vor den Vorhang bringen.

Ist die Coronakrise für die heimische Landwirtschaft mitunter auch eine Chance – sprich die regionale Produktion rückt stärker in den Mittelpunkt?
Nemecek: Man sieht in der Krise, was wichtig ist. Wir spüren ein größeres Interesse an Lebensmitteln und ein größeres Bedürfnis der Konsumenten nach Informationen über die Produktion und Herkunft. Der Run auf Direktvermarkter und Bauernläden zeigt das eindrucksvoll. Dennoch sind die Bauern keine Gewinner der Krise, denn der fehlende Absatz in Gastronomie, Hotelerie oder Großküchen ist nicht wettzumachen.

Woher beziehen Sie privat Ihre Lebensmittel?
Nemecek: Unser Kühlschrank hält jedem Regionalitätscheck stand (lacht). Für meine Verlobte, die den Großteil des Einkaufes erledigt, und mich kommen nur regionale Lebensmittel, die Produkte der lokalen Fleischhacker und Direktvermarkter, auf den Tisch. Natürlich kaufen wir auch im Supermarkt ein. Hier versuche ich, mir selbst oft ein Bild von der Umsetzung der Herkunftskennzeichnung, der Preisgestaltung sowie von der Sortimentgestaltung zu machen. AMA-Gütesiegelprodukte sind für uns dabei Pflicht.

Wenn Sie in Wieselburg unterwegs sind – auch wenn zu Coronazeiten nur sehr schaumgebremst -, wurden Sie als Paul angesprochen oder als Herr Direktor?
Nemecek: Ich bin in Wieselburg zu Hause, hier ist meine Heimat. Hier befindet sich auch mein familiäres Umfeld, zu dem ich glücklicherweise auch viele echte, langjährige Freunde und Bekannte zählen darf. Hier bin und bleibe ich natürlich Paul.