Kammerstätter: Das Wichtigste ist die Erinnerung. Für seine vierteilige Buchreihe „Tragbares Vaterland“ bekam der Wieselburger Johannes Kammerstätter Anerkennungspreis.

Von Anna Faltner. Erstellt am 12. November 2020 (04:58)
Johannes Kammerstätter beschäftigte sich in seiner Buchreihe mit der jüdischen Bevölkerung im Mostviertel.
privat

Zwar gibt es in diesem Jahr keine Preisverleihung des NÖ Kulturpreises, 24 Preisträger wurden dennoch auserkoren. Einer davon ist der Wieselburger Lokalhistoriker Johannes Kammerstätter. In der Kategorie „Erwachsenenbildung“ bekommt er den Anerkennungspreis verliehen.

NÖN: Herr Kammerstätter, haben Sie solch eine Auszeichnung erwartet?

Johannes Kammerstätter: Nie im Leben hätte ich damit gerechnet. Aber ich muss sagen, ich freue mich besonders, weil sich eine ganze Reihe an Leuten mit mir freuen kann. Und zwar die Leute, die im Laufe der Zeit bei meinen Projekten mitgewirkt haben. Viel wichtiger ist mir aber, dass diese Themen in der öffentlichen Debatte stärker verankert werden. Bei der geschichtlichen Aufarbeitung sind wir hier in der Provinz. Die Wiener Historiker kümmern sich um unsere noch so tollen Geschichten eher wenig.

Mir war es wichtig, dass man nicht immer die Namen der Verbrecher wiederholt. Ich denke, man sollte eher die Mutigen und die Aufrichtigen erwähnen.

Sie haben den Anerkennungspreis für Ihre Buchreihe „Tragbares Vaterland“ bekommen. Wie kam es zu dem Projekt?

Bevor ich 2005 in Pension gegangenen bin, habe ich mit meiner letzten Klasse ein Projekt auf dem jüdischen Friedhof in Ybbs gestartet. Wir haben die Grabsteine gereinigt und die Inschriften erneuert. In der Pension habe ich das Projekt fortgeführt. Ich habe zu dieser Arbeit viele Kontakte gebraucht. Die jüdischen Landsleute waren verteilt über das ganze Mostviertel, in vielen dieser Gemeinden habe ich die Meldedaten der Personen recherchiert. Zuerst wollte ich mir einen Überblick über die jüdische Bevölkerung verschaffen, über ihre Verwandtschaftsbeziehungen und ihre wirtschaftlichen Unternehmungen. Überlebende gibt es nicht viele, die habe ich erst im Laufe der Zeit kennengelernt.

Was bedeutet der Titel „Tragbares Vaterland“?

Das hat eine ganz besondere Bewandtnis mit doppelter Bedeutung. Für uns heißt es, etwas ist ertragbar. Für jüdische Ohren hat es eine andere Bedeutung: Welche Erfahrungen und Lebensregeln man mitnehmen kann, wenn man wo anders hinmuss. Ich habe das mit jüdischen Bekannten besprochen, die fanden, dass der Titel ziemlich treffend ist.

Worum geht es in den Büchern?

Die ersten drei Bände sind 2012 erschienen. Eines handelt von der jüdischen, Gemeinde, ihren Freunden und Gegnern; der zweite Band ist eine Sammlung von Familiengeschichten; der dritte ist ein Datenband über schriftliche Quellen, die es in den Familien gab – Gedichte, Fluchtberichte und Opferlisten. Eher etwas zum Nachschauen. Und der vierte Band ist 2019 erschienen. Der ist zum Teil eine Ergänzung der Familiengeschichten, und es gibt viel Material über den politischen Widerstand im Mostviertel. Mir war es wichtig, dass man nicht immer die Namen der Verbrecher wiederholt. Ich denke, man sollte eher die Mutigen und die Aufrichtigen erwähnen. Das bringt im Unterricht und auch in der Erwachsenenbildung mehr, denke ich.

„Wenn es Erinnerungsorte gibt, sollte man sich regelmäßig dort treffen. Damit der Faden nicht abreißt.“ Johannes Kammerstätter, Preisträger NÖ Kulturpreis

Was fasziniert und was schockiert Sie an der Geschichte Ihrer Heimat am meisten?

Das Faszinierende für mich waren von Anfang an die politischen Spannungen innerhalb von Familien. Ich bin ein Kind aus einer politisch-gemischten Verwandtschaft. Das heißt, wir haben in der Familie immer eine politische Debatte gehabt. Alle männlichen Familienmitglieder waren Metallarbeiter, sie hatten ein großes politisches Interesse. In den großen Firmen war man früher anders organisiert, da gab es sozialdemokratische und christliche Gewerkschafter. Früher fanden die politischen Debatten im Betrieb statt, jetzt außerhalb. Der parteipolitische Streit ist herausgenommen worden. Aber mich interessiert auch der christlich-jüdische Dialog. Und zwar die Personen, die miteinander reden konnten, sich unterstützt und verstanden haben. Aber das Traurige ist hier: Eine Zeit lang ist das Thema präsent, aber dann versickert das auch wieder.

Sie haben Ihre Erkenntnisse aus Recherchen auch an Ihre Schüler weitergegeben. Wie wichtig ist es für die Gesellschaft, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen?

In der Soziologie gibt es heute den Begriff der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Es gibt gewisse Strömungen, abseits von politischen Parteien, die auf Gruppen in der Gesellschaft losgehen. Da geht es nicht um physische Gewalt, sondern um das Denken und Reden. So wie über manche Gruppen geschimpft wird, da muss man sich dagegen wehren. Das Wissen von früheren Konflikten muss für die gegenwärtige Situation genutzt werden. Manche identitäre Bewegungen sind der Meinung, dass nicht alle Menschen die gleichen Rechte haben. Das ist eine furchtbare Ideologie. Diese Probleme sollte man mit Erinnerungsarbeit verbinden. Das ist meine Motivation.

Wo besteht noch Handlungsbedarf in der Erinnerungskultur?

Wenn es irgendwo Erinnerungsorte gibt, sollte man sich in regelmäßigen Abständen dort treffen. Das muss regelmäßig sein, damit der Faden nicht abreißt. Es muss einen bestimmten Anlass geben, damit man sich dann wirklich erinnert. Damit die früher gesammelten Erinnerungen wieder auftauchen.