Paul Nemecek: „Lebensmittel sind zu billig“. Bauernbunddirektor Paul Nemecek über Lebensmittel-Versorgungssicherheit, Kennzeichnungspflicht, Abgabenbremse und den Wiener Bürgermeister.

Von Christian Eplinger. Erstellt am 16. Juni 2021 (11:12)

NÖN: Sie sind seit fast exakt 500 Tagen Bauernbunddirektor. Eine Zeit, die vor allem von der Corona-Krise geprägt war. Hat die heimische Landwirtschaft von der Krise profitiert?

Paul Nemecek: Wirtschaftlich hat es Sparten gegeben, die unter der Krise und vor allem den zugesperrten Gastronomiebetrieben Einbußen hinnehmen mussten. Rein von der gesellschaftlichen Stelle hat die Landwirtschaft an Image und Bedeutung durchaus gewonnen. Die Versorgungssicherheit mit Lebensmittel aus dem eigenen Land ist Frau und Herrn Österreicher wieder wichtiger geworden.

Es gibt auch einen regelrechten Boom bei den Direktvermarktern oder Bauernmärkten. Landauf und landab sind neue Selbstabholungsläden und/oder Geschäfte entstanden. Begrüßen Sie das oder besteht schon die Gefahr einer Übersättigung?

Von einer Übersättigung sind wir weit entfernt. Aber das regelt ohnehin der Konsument. Prinzipiell ist es gut, wenn die Menschen direkt beim Bauern kaufen, weil dadurch den Landwirten natürlich mehr an Wertschöpfung übrig bleibt.

Apropos Wertschöpfung. Immer wieder wird über die „Kampfpreise“ diskutiert, mit der bäuerliche Produkte teilweise im Lebensmittelhandel verschleudert werden. Vom Handel hieß es zuletzt, die Aktionen werden von den Bauern selbst begrüßt und diese bekommen dadurch auch nicht weniger, weil die Aktion zulasten der Spanne der Handelsbetriebe fällt. Wie stehen Sie dazu?

Also wenn zwei österreichische Hühner weniger kosten als eine Packung Zigaretten, dann stimmt etwas nicht. Ich habe Verständnis für diverse Aktionen, um den Umsatz anzukurbeln, aber man muss trotz allem auf realistische Preisgestaltung achten. Die Lebensmittel sind mir da oft einfach zu billig. Fleisch darf nicht verramscht werden.

Wie wichtig ist da die Herkunftskennzeichnung?

Sehr wichtig. Corona hat den Trend Richtung Regionalität und lokaler Produktion verstärkt. Um den Konsumenten transparente Kaufentscheidungen zu ermöglichen, braucht es eine rasche Umsetzung der im Regierungsprogramm verankerten Herkunftskennzeichnung bei Gemeinschaftsverpflegung und in verarbeiteten Produkten auch im Handel, wie etwa bei Nudeln. Ich hoffe und fordere von der Politik, dass dieser Punkt des Regierungsprogrammes noch 2021 umgesetzt wird.

Die Gastronomie ist davon noch ausgeschlossen. Sollte diese auch bald folgen?

Ich glaube, da braucht es ein positives Anreizsystem, wie etwa einen Steuerbonus. Etliche Gastronomen weisen ja bereits jetzt die Herkunft ihrer Lebensmittel auf der Speisekarte aus und bekommen dafür überwiegen positives Feedback. Hunderte Gastrobetriebe machen auch schon freiwillig beim AMA-Genussregion-Gütesiegel mit. Mit Anreizen könnte man das vielleicht weiter ausbauen.

Als Bauernbunddirektor fordern Sie auch eine Abgabenbremse. Vor allem die automatische Beitragssteigerung in der Sozialversicherung stößt Ihnen sauer auf. Warum?

Wir haben in der Landwirtschaft im Durchschnitt Preise und Einkommen wie vor zehn Jahren. Nur die Abgaben steigen. Gerade im Sozialversicherungsbereich spüren es die Landwirte durch die automatische Beitragserhöhung und die Erhöhung des Einheitswertes doppelt in der Geldbörse. Das soll daher ersatzlos gestrichen oder wesentlich adaptiert werden.

Noch einmal zurück zu Corona. Ihnen ist der direkte Kontakt mit den Landwirten sehr wichtig. Corona hat da viel unterbunden. Laufen die persönlichen Treffen mittlerweile schon wieder verstärkt an und gibt es schon konkrete Pläne für den Sommer?

Ja, man merkt seit Mitte Mai eine gewisse Aufbruchsstimmung. Es gibt wieder mehr Termine und persönliche Treffen. Einzig Großveranstaltungen sind derzeit noch kein Thema. Für den Sommer haben wir aber wieder unsere Hofgespräche geplant. Die sind bereits im Vorjahr sehr gut angekommen. Da wird in kleineren Gruppen über gewisse Thematiken diskutiert.

Zuletzt waren Sie mit NÖ Bauernbundobmann LH-Stellvertreter Stephan Pernkopf ja auch zu Gast beim Wiener Bürgermeister Michael Ludwig. Was war der Grund?

Die Partnerschaft zwischen Wien und Niederösterreich ist historisch und die Zusammenarbeit beider Länder funktioniert. Mit der Einführung der Marke „Stadternte Wien“ hat Michael Ludwig auch ein starkes Zeichen gesetzt, dass die bäuerlichen Betriebe für ihn ein wichtiges Zukunftsthema sind. Das hat er in diesem Arbeitsgespräch auch mehrfach unterstrichen.