Radinger: "Scheibbs wird immer mehr zur Lachnummer"

Erstellt am 08. Juni 2022 | 06:50
Lesezeit: 7 Min
Offener Brief - "Scheibbs wird immer mehr zur Lachnummer"
Ex-ÖVP-Wirtschaftsstadtrat Gerhard Radinger (li.) kritisiert Bürgermeister Franz Aigner in einem offenen Brief scharf. Aigner, ÖVP, sieht das als Privatmeinung und antwortet kurz und bündig.
Foto: Eplinger (Aigner) bzw. privat (Radinger)
Der ehemalige ÖVP-Wirtschaftsstadtrat Gerhard Radinger kritisiert in einem offenen Brief erneut ÖVP-Bürgermeister Franz Aigner scharf.
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Spätestens seit seiner offenen Rücktrittsaufforderung an Franz Aigner mittels offenem Brief in der NÖN im August 2021 gilt der ehemalige ÖVP-Wirtschaftsstadtrat Gerhard Radinger als bekennender scharfer Kritiker des amtierenden Scheibbser Stadtoberhauptes. Jetzt kritisiert er Aigner erneut in einem offenen Brief (siehe unten). Dieser nimmt dazu auch Stellung.

Der offene Brief von Gerhard Radinger in voller Länge:

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Ex-ÖVP-Wirtschaftsstadtrat Gerhard Radinger kritisiert Bürgermeister Franz Aigner in einem offenen Brief scharf.
Foto: privat

Herr Bürgermeister Franz Aigner!

Hier bin ich wieder, der Briefschreiber. In den vergangenen Tagen hat es in meinen Fingerspitzen mächtig gekribbelt, als ich in den NÖN und einem Gratisblatt über ihre neueste Idee lesen musste. Vorerst meinte ich es sei ein verspäteter Aprilscherz bis ich von einigen entsetzten Scheibbsern (ich gendere aus Prinzip nicht) erfuhr, dass dies von ihnen wirklich ernst gemeint ist.

Sie wissen schon Herr Bürgermeister Aigner, ich meine diese ihre Wahn-Idee unser Sportzentrum (Hallen- und Freibad, Trainings- und Fußballplatz, Stocksporthalle und Tennisplatz) niederzureißen, zu schleifen. Ja geht’s noch? Wie müssen sich dabei alle ehrenamtlichen und überaus engagierten „Wanne“-Mitarbeiter fühlen, die sich Jahre hindurch für den Fortbestand des Bades eingesetzt haben? Von ihnen bei Beginn der Initiative gelobt, gestreichelt und geehrt - jetzt einfach fallen gelassen. Gratulation!

Das Bewusstsein was das Eigentum der Gemeinde betrifft - also Eigentum aller Scheibbser Bürger - scheint ihnen völlig abhandengekommen zu sein. Vorerst verkaufen sie ein wunderschönes Gemeindehaus aus der Jahrhundertwende (1896) zu einem Diskontpreis (in meinem ersten Brief habe ich das ja ausführlich behandelt) und jetzt vernichten sie das 1972 entstandene Sportzentrum! Das ist ja unglaublich und das Entsetzen in der Bevölkerung ist verständlich. Allein die Ankündigung zeugt von ihrem Mangel an Gespür und Feinsinn für politische Prozesse und Entscheidungen. Ich möchte hier mit einer Anlehnung an ein legendäres Zitat von Bruno Kreisky formulieren: „Lernen sie Geschichte, Herr Bürgermeister“. Sie wissen es wahrscheinlich nicht; ich sag es ihnen: 1886 wurde in Scheibbs die erste Badeanstalt in Niederösterreich errichtet! Mit einem Freibad und vier Wannenbäder. Dazu wurde auch der „Sandsteg“ errichtet um dieses neue Bad fußläufig von der Bevölkerung erreichen zu können. Die Entscheidungsträger in der Gemeinde Scheibbs hatten damals dieses „Gespür“ und diesen „Feinsinn“ für ihre Bevölkerung.

Und dann kommen sie heute als Bürgermeister der Bezirksstadt(!) und befinden, dass mit einem Schwimmteich das Auslangen zu finden sei und überdies mit Purgstall über eine Kooperation zum Besuch der (dort auch in die Jahre gekommenen) Badeanstalt zu verhandeln! Eigentlich nicht zu glauben. Was ich aber glaube ist, dass sie als Franz Aigner in ihrer Rolle als Bürgermeister einer Bezirksstadt noch nicht angekommen sind.

Jetzt kommt‘s: auf dem riesigen Grundstück dieses „Aigner-Abrissprojektes“ sollen dann Alpenland-Wohnhäuser (warum eigentlich immer Alpenland…?) errichtet werden. Für wen denn, bei stagnierender bis abnehmender Einwohnerzahl? Zahlreiche Wohnungen bei erst kürzlich fertiggestellten und derzeit in Errichtung befindlichen Alpenland-Bauten sind nicht vergeben. Einige Objekte in der Scheibbser Innenstadt (z.B. Futterer-Haus, Seidl-Haus in der Hauptstraße) könnten für optimale Wohnungen in der Innenstadt genützt werden und dort die fehlende Frequenz bringen. Ideen sind gefragt, Herr Bürgermeister Aigner mit den Gemeinderäten.

Nicht schnell abreißen, mit einem Deal Grundstücke tauschen und dann als Trostpflaster einen Schwimmteich anbieten. Ja, und dann noch die die vernichteten Sportanlagen. Die Fußball- und Tennisplätze sollen - so der Deal (wahrscheinlich schon lange im Voraus besprochen und abgehandelt) - auf den lärmbehafteten Lehenhof-Grundstücken wiedererrichtet werden, inklusive des „romantischen“ und unter der Umfahrungsbrücke gelegenen Schwimmteiches. Da kann man ja gleich in die Erlauf baden gehen wie seinerzeit vor 1886, als die erste Badeanstalt noch nicht errichtet war. Und wer denkt bei dieser Diskussion an die leer ausgehenden Sauna-Enthusiasten? Wer soll denn das alles bezahlen, wenn ich immer höre und lese, dass das derzeitige Scheibbser Gemeindebudget keinerlei Spielraum lässt? Das ist und war jedenfalls immer das Mantra, als es um den Kauf des Lehenhofes gegangen ist, Herr Bürgermeister, und sie können sich jetzt fragen „ich oder ich?“. Oder zahlt’s vielleicht die Alpenland?

Interessant wäre auch die Meinung ihre VP-Gemeinderäte zu diesem Thema, die ja zurzeit in der Versenkung verschwunden zu sein scheinen.

Herr Bürgermeister Aigner, statt sich mit kruden Ideen zu beschäftigen empfehle ich ihnen, kommen sie ihren ach, die da wären:

  • Schaffen sie endlich den von ihnen persönlich verschuldeten Mangel an einem weiteren Praktischen Arzt ab. Jene Dr. Elke Müller, die in Scheibbs als Nachfolgerin von Dr. Exinger bleiben wollte, haben sie ja vertrieben. (Dieses Thema habe ich ausführlich in meinem ersten Brief an sie beschrieben.) Wo nehmen sie für die Scheibbser Bürger einen weiteren Arzt her?
  • Veranlassen sie, dass unsere Stadt wieder sauber und dadurch für Besucher attraktiv wird, denn so wie es die vergangenen Jahre (nicht)praktiziert wurde ist untragbar. Nehmen sie sich ein Beispiel an Orten wie Purgstall, Wieselburg oder auch Waidhofen/Y. Ich empfehle ihnen, machen sie dort einen Spaziergang.
  • Apropos Stadtbild: lassen sie - bitte - den Graswuchs in Promenaden, Uferböschungen usw. nicht einen Meter werden oder durch ihre Mitarbeiter nur einen Grasstreifen mähen und den Rest dann einen Meter hoch stehen. Das kann’s in einer Bezirksstadt wirklich nicht sein und bepflanzen sie attraktiv unseren Kreisverkehr an der Scheibbser Einfahrt, auch wenn es dem Künstler Schagerl der die Stehle schuf, nicht passt. Die Scheibbser haben die Stehle ja ordentlich bezahlt. Beispiele: siehe oben.
  • Lassen sie den Burgerhof-Wald, der zu einem Großteil als „Erholungswald“ gewidmet ist, nicht so verkommen. Die von ihnen beauftragten Schlägerungsunternehmen - die ja auch das Geschäft machen - müssen verpflichtet sein (oder werden), das liegengelassene Unterholz und die von diesen verursachten Bodenschäden zu beseitigen.

Nachdem wir beim Burgerhof-Wald sind, zum Schluss etwas Positives: das dort durch ihre Initiative errichtete private Heizwerk ist eine wirklich gute und zukunftsweisende Einrichtung für die Stadt – ein großes Bravo!

Aber - der Standort halt. Mitten im Wald das Heizwerk (Brandgefahr?), im Erholungswald der Scheibbser. Die Zulieferung der dort verwendeten Holzschnitzel mit vielen schweren Fahrzeugen über die steile Straße, eigentlich ursprünglich eine Forststraße der Gemeinde, wird in absehbarer Zeit erneuert und renoviert werden müssen. Und wer bezahlt das dann? Richtig: alle Scheibbser…!

Mit besten Grüßen

Gerhard Radinger, ScheibbsScheibbs, 2. Juni 2022

Die Antwort von Bürgermeister Franz Aigner:

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Bürgermeister Franz Aigner, ÖVP, sieht das als Privatmeinung und antwortet kurz und bündig.
Foto: Christian Eplinger

Gott sei Dank sind diese Vorwürfe völlig falsch und entbehren jeder sachlichen Grundlage. Ich vermute, dass sehr viel Informationsdefizit aus mangelnder Quellenforschung kommt. Ich bin jederzeit gern bereit, ein Gespräch mit allen zu führen.

Unser überparteilicher Zugang im Gemeinderat zum Stadterneuerungsprozess ist ein ganz anderer, nach außen gerichteter. Wir wollen alle Beteiligten in einen Dialog einbinden, um so die Meinung der meisten Bürgerinnen und Bürger in den nächsten Jahren umzusetzen. Uns ist klar, das wird viel Zeit und auch Geld kosten. Ich lade alle ein, sich über all die Themen im Leserbrief konstruktive Gedanken zu machen und sich in den Arbeitsgruppen einzubringen. Dazu sind wir bereit.

Ich persönlich bitte um Verständnis, wenn laufende Prozesse durch eine Eingabe von außen in Gefahr geraten, schon beim Start zu scheitern.

Sehr erfreut darf ich die positive Stelle über die Fernwärmegenossenschaft Scheibbs und die Mühen, erneuerbare Energien zu verwenden wahrnehmen.

Bin überzeugt, dass beim nächsten Leserbrief die Textzeilen mit Lob überwiegen.

Beste Grüße 

Bürgermeister Franz Aigner

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