Scheibbs: Übergriffe in Pflegeheim. Patient des Landespflegeheimes Scheibbs wegen versuchtem sexuellen Missbrauch von dementen Frauen verurteilt. Anzeige erst nach vier Vorfällen. Jetzt soll er verlegt werden.

Von Stefanie Marek und Anita Peham. Erstellt am 28. Juli 2021 (05:24)
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Von Zolnierek, Shutterstock.com

Mit leicht abwesendem Blick wird der Mann im Rollstuhl von seiner Sachwalterin in den Gerichtssaal geschoben. Der 65-jährige Scheibbser ist in diesem Prozess nicht das Opfer, sondern Angeklagter.

Es geht um viel: In der Verhandlung wird sich entscheiden, ob er in eine Anstalt für „geistig abnorme“ Rechtsbrecher eingewiesen wird. Der Mann ist seit einigen Jahren an den Rollstuhl gefesselt, seit 2018 lebt er im Landespflegeheim Scheibbs. Der Vorwurf: sexueller Missbrauch in vier Fällen und zwar von zwei schwer dementen Frauen, die wie auch der Mann im Landespflegeheim betreut werden.

Personal beobachtete mehrere Übergriffe

September 2019: Eine Pflegeassistentin sieht im Vorbeigehen, wie der Angeklagte beim Essen die Hand auf der Brust einer 99-Jährigen hat. Als die Assistentin ihn darauf anspricht, behauptet er, nur einen Essensrest weggewischt zu haben. Sie glaubt ihm.

Doch wenige Wochen später, im Oktober, sieht sie ihn erneut: Seine Hand liegt im Schrittbereich derselben Frau. Die Pflegeassistentin bringt diese schnell außer Reichweite. Als die Betreuerin den Mann später darauf anspricht, soll er nichts gesagt und nur gegrinst haben. Wieder ein paar Wochen später, im November, sieht ihn die Assistentin im Zimmer der Frau. Wieder hat er seine Hand auf ihr, diesmal Hautkontakt. „Sie braucht das auch“, soll er gesagt haben. Die Frau ist wegen ihrer Demenzerkrankung aber nicht in der Lage, sexuellen Handlungen zuzustimmen.

Im März 2020 ist der 65-Jährige allein mit einer anderen Frau, einer 80-Jährigen, im Aufenthaltsraum – seine Hand in ihrem Schoß unter ihrer Decke. Als er eine Pflegerin näherkommen sieht, zieht er die Hand schnell weg. Die Pflegerin bringt ihn aus dem Raum. „Sie wollte es so“, soll er zur Pflegerin gesagt haben. Das kann nicht sein, weil auch diese Frau dement ist und nicht mitbekommt, was um sie herum passiert, antwortet die Pflegerin.

Vorfälle an Heimleitung gemeldet

Die Pflegerin und die Assistentinnen meldeten die Vorfälle der Heimleitung. Laut einer Sprecherin der Landesgesundheitsagentur gab es daraufhin Anweisung an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Heims, besonders aufmerksam im Hinblick auf das Verhalten des Mannes zu sein.

Auch mit einer Neurologin soll es laufend Gespräche gegeben haben. Das Heim habe dem Mann nach den ersten Übergriffen angeboten, ihm anderweitig Abhilfe verschaffen zu können, etwa durch Filme oder Zeitschriften. Der Mann habe aber abgelehnt. Die Staatsanwaltschaft hält mehr Übergriffe als die angeklagten vier für wahrscheinlich.

„Ich würde nicht wollen, dass meine Mutter auf derselben Station ist. Ich sehe nicht ein, warum die Damen das aushalten müssen“, sagt Heimdirektor Norbert Loschko vor Gericht.

Anzeige erst nacheinem halben Jahr

Im Prozess und auf NÖN-Nachfrage geht jedoch hervor: Erst Ende März, nach dem vierten Vorfall (also nach über einem halben Jahr seit dem ersten Vorfall) zeigte das Landespflegeheim die Vorfälle an. Davor habe man auf Mahnungen und Gespräche gesetzt, in denen dem Mann „eindringlich die Konsequenzen seines Handelns dargelegt wurden“, erklärt die Sprecherin der Landesgesundheitsagentur. Erst dann sei man einen Schritt weiter gegangen. Seit der Anzeige sei nichts mehr passiert und er verhalte sich ruhig, heißt es vonseiten des Heims. Der Mann ist nach wie vor dort.

Die Sachwalterin des Angeklagten äußerte sich gegenüber der NÖN mit Unverständnis: Das Heim habe sie über keinen der Übergriffe informiert. Erst im März habe sie durch Zufall vom Angeklagten selbst davon erfahren.

„Wenn ich das gemacht habe, tut es mir leid.“  Angeklagter vor Gericht

Der Mann kann sich vor Gericht weder an die Frauen erinnern, noch an die Übergriffe: „Wenn ich das gemacht habe, tut es mir leid.“ Er war während der Taten nicht zurechnungsfähig, ergibt das Gutachten des Gerichtspsychiaters. Und: Er wird Ähnliches mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder tun. Durch eine Hirnschädigung kann er sein Handeln nicht kontrollieren und versteht nicht, dass es verwerflich ist.

Das Beweisverfahren vor Gericht ergibt: Der Mann versuchte in den vier angeklagten Fällen zumindest sexuelle Übergriffe. Im Jahr 2006 wurde der Mann bereits wegen Vergewaltigung verurteilt, die Haftstrafe dazu hat er abgesessen.

In eine Anstalt wird er durch das Urteil zur jetzigen Causa zwar eingewiesen, weil er durch den Rollstuhl aber begrenzt gefährlich ist, wird ihm das auf fünf Jahre bedingt nachgesehen. Er muss jetzt binnen eines Monats in eine betreute Pflegeeinrichtung verlegt werden, die eine bessere Möglichkeit zu seiner Überwachung hat. Die Plätze in solchen Einrichtungen sind rar, ob er schon in einem Monat verlegt wird, ist fraglich. Das Urteil ist rechtskräftig.