Alter Isolator: Vom Bahnhof Gösing ins Schaukraftwerk

Erstellt am 20. Februar 2022 | 06:50
Lesezeit: 4 Min
Ein Stück Zeitgeschichte: 111 Jahre alter Isolator der Mariazeller Bahn findet neues Zuhause im EVN Schaukraftwerk Wienerbruck.
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Im EVN Kraftwerk Wienerbruck laufen derzeit die Vorbereitungen für die neue Ausstellung „Menschen, Natur, Technik“, die ab Juni zu sehen sein wird. Im Mittelpunkt dieser Ausstellung wird sowohl die Geschichte als auch die Gegenwart des Kraftwerkausbaus stehen, beide unzertrennbar mit dem Dasein der Mariazeller Bahn verbunden. Vor Kurzem konnte Kuratorin Iva Hattinger ein besonderes Sammlerstück für die Ausstellung gewinnen.

Als die Mariazeller Bahn im Jahr 1911 vom Dampf- in den elektrifizierten Betrieb überging, wurde am Bahnhof Gösing ein weißer Isolator in jene Industrieleitung eingebaut, welche den Strom für die Bahn, die Gemeinden und die Industriekunden bis nach St. Pölten übertrug. Insgesamt 93 Jahre lang blieben die Leitungen und Isolatoren größtenteils unverändert, bis sie durch die Entkopplung der allgemeinen Stromversorgung vom Bahngestänge im Jahr 2004 ihren Aufgabenzweck für die EVN verloren.

Manfred Karner, ein ehemaliger Mitarbeiter des Hochspannungstrupps der NEWAG/NIOGAS beziehungsweise der EVN, baute den weißen Isolator schließlich im Jahr 2009 eigenhändig ab, rettete ihn vor der Entsorgung und nahm das Originalstück aus dem Jahr 1911 in seine persönliche Sammlung auf. Eine Besonderheit der Mariazellerbahn war nämlich, dass bis zu ihrer Übernahme durch die NÖVOG (Niederösterreich Bahnen) im Jahr 2010 die EVN für die Erhaltung der Bahn- und Industriestromversorgung zuständig war. „Mir geht es darum, dass die Geschichte der Mariazeller Bahn und der Wandel der elektrischen Anlagen gezeigt werden“, sagt Karner.

Aus diesem Grund hat sich der Pensionist, welcher 40 Jahre lang im Hochspannungstrupp tätig war, dazu entschlossen, das historische Stück an das Schaukraftwerk Wienerbruck zu übergeben. Dort wird der Isolator in der neuen Ausstellung nun einen Ehrenplatz einnehmen.

Seit seinem Pensionsantritt beschäftigt sich Manfred Karner noch intensiver mit seiner Sammlung an alten Fotos, Dokumenten und Isolatoren. Er steht außerdem im internationalen Austausch mit Sammlerinnen und Sammlern und ist gerade dabei, seine Sammlungsstücke zu digitalisieren.

Das Speicherkraftwerk Wienerbruck

Das Speicherkraftwerk Wienerbruck erzeugt seit 111 Jahren inmitten der Ötschergräben fortwährend erneuerbare Energie für die Region. Baubeginn war zu Kaisers Zeiten im Jahre 1907 durch das NÖ Landes-Elektrizitätswerk, das 1922 in die NEWAG – heute EVN - eingebracht wurde.

Die Nutzung der Wasserkraft für die Energiegewinnung war für diese Region nichts Ungewöhnliches. Hier wurde ursprünglich mithilfe der Wasserwege Brennholz für Haushalte und aufstrebende Industrie bis nach Wien geschwemmt. Mit dem Kraftwerksbau war die gefährliche Holztrift nicht mehr notwendig und die Wasserkraft konnte für die Erzeugung elektrischer Energie genutzt werden. „Der Bau des Kraftwerks war eine Höchstleistung der damaligen Ingenieure, die von hier aus für die Elektrifizierung der Haushalte, Betriebe und des Verkehrs in der Region sorgten“, sagt Stefan Zach, der sowohl als Unternehmenssprecher der EVN als auch als gelernter Historiker sichtlich Freude an historischen Kleinwasserkraftwerken hat.

Gespeist wird das Wasserkraftwerk durch die beiden Stauseen Erlaufklause und Wienerbruck, die ebenfalls im Naturpark Ötscher-Tormäuer eingebettet sind. Durch Druckrohrleitungen wird das Stauseewasser ins Krafthaus geleitet und überwindet dabei eine Fallhöhe von 165 Metern.

„Als Speicherkraftwerk dient es vor allem der Spitzenlast-Abdeckung. Wenn kurzfristig – etwa mittags – mehr Strom benötigt wird, kann dieser in Speicherkraftwerken wie Wienerbruck bedarfsgerecht produziert werden. Insgesamt erzeugt die Anlage umweltfreundlichen und sauberen Strom für rund 7.000 Haushalte in der Region“, betont Zach abschließend.

Wie genau das alles funktioniert, darüber können sich Interessierte bei einem Ausflug in den Naturpark selbst ein Bild machen. Das Kraftwerksgebäude ist für Besucher während der Saison des Naturparks Ötscher-Tormäuer geöffnet.

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