Die Geschichte einer Drag Queen. Travestiekünstler André Cartier, alias Jochen Hablecker, stammt aus Purgstall. In neuem Buch erzählt er aus seinem Leben.

Von Karin Katona. Erstellt am 24. Juli 2020 (04:39)
Bewegend und mitreißend schildert Travestiekünstler André Cartier in „Ich bin noch da“ sein Leben.
Manne-Quins

NÖN: Der Titel Ihres Buches lautet ‚Ich bin noch da‘ – was wollten Sie damit sagen?

Jochen Hablecker: Ich war 2018 schwer krank, in einer OP haben die Ärzte sieben Stunden um mein Leben gekämpft. Also: Ich bin noch da.

War das der Anlass zum Buch?

Hablecker: Ich wollte schon immer ein Buch schreiben, schon als Kind. Und nach meiner Krankheit habe ich mir gedacht, jetzt oder nie.

Sie schildern schonungslos auch die Tiefpunkte Ihres Lebens – war das schwer?

Hablecker: Ich sage die Wahrheit, so bin ich, das habe ich erlebt. Ich wollte ehrlich sein. Ich habe es eher als eine Befreiung empfunden. Ich konnte mit vielem abschließen, besonders mit meiner Kindheit.

Wie waren die Rückmeldungen zum Buch bisher?

Hablecker: Ich war überwältigt, das Buch war drei Tage nach Erscheinen ausverkauft. Seit Mittwoch gibt es die zweite Auflage, zu bestellen auf mqshop.at.

Sie sind mit Ihrer Travestie-Gruppe berühmt geworden, es gab aber auch viele Tiefs. Wie haben Sie es immer wieder geschafft?

Hablecker: Ich gebe nie auf. Nach jedem Rückschlag stehe ich auf und fange wieder neu an. Immer weitermachen, auch wenn es schwer ist, das habe ich in meiner Kindheit gelernt.

Was macht den Erfolg der Manne-quins aus?

Hablecker: Mein Kompagnon Markus Aschauer und ich stehen seit 25 Jahren gemeinsam auf der Bühne. Wir haben immer zusammengehalten, vertrauen uns blind. Stimmt, wir kommen von ganz unten, ich bin anfangs mit zwei Kostümen in Discos aufgetreten. Aber dadurch haben wir keine Starallüren. Wir sind für die Leute ganz nahe.

Sie haben als Kind in Purgstall Gewalt und Mobbing erlebt, spielen jetzt hier Shows – warum?

Hablecker: Ich bin trotz allem stolz, hier aufgewachsen zu sein. Die Beziehungen zu meiner Familie sind sehr eng. Als ich später berühmt war, waren es genau diese Leute, die getan haben, als wären wir beste Freunde. Aber mit denen setze ich mich nicht an einen Tisch.

Ist Ihre ‚Revolverschnauze‘ eine Art Retourkutsche für damals?

Hablecker: André Cartier ist eine Kunstfigur. Da bin ich laut und schrill, traue mich mehr, sage Dinge ganz offen, die ich als Privatperson nicht sagen würde. Ich bin schüchtern und ruhig.

Am Ende Ihrer Shows sagen Sie: ‚Wir sind normale Männer‘.

Hablecker: Stimmt. Im Alltag sind die Manne-quins nicht geschminkt. Wir gehen im ganz normalen Outfit einkaufen und ins Kaffeehaus.

Haben es junge Schwule leichter als Sie zu Ihrer Zeit?

Hablecker: Sicher viel leichter, aber Intoleranz stirbt nie aus. Es gibt noch immer keine hundertprozentige Offenheit. Schwul, Hetero, Mann, Frau, Transgender, das sollte gar kein Thema sein. Wir sind alle Menschen.

Ihre Auftritte in der ATV-Show ‚Tausche Familie‘ waren legendär. Kommt wieder etwas im TV?

Hablecker: Es wird eine neue Fernsehreihe geben, bei der wir auch dabei sind. Und ein Weihnachts-Special ‚Die Manne-quins feiern Weihnachten‘.