Mit Lippenlesen durch den Alltag. Die Randeggerin Carina Hofmarcher erzählt, wie man Schule, Weiterbildung und Alltag meistert, obwohl man niemanden hören kann.

Von Anna Faltner. Erstellt am 08. November 2019 (04:36)
Anna Faltner
Carina Hofmarcher (links) und Ute Stipsits erzählen, wie Kommunikation funktionieren kann.

In der Schule sitzen und den Sitznachbarn nicht verstehen. Für die Randeggerin Carina Hofmarcher war das völlig normal. Denn schon seit ihrer Geburt ist die 25-Jährige gehörlos. „Mit zweieinhalb Jahren habe ich zwar ein Hörgerät bekommen, kommuniziert habe ich aber hauptsächlich über das Lippenlesen. Freundschaften zu knüpfen war schwierig, weil ich mich in der Schule einzig auf den Lehrer konzentrieren und die Kinder bitten musste, (bitte) lauter zu sprechen“, erzählt sie.

Die Gebärdensprache, die übrigens erst seit 2005 eine anerkannte Sprache ist, lernte sie erst viel später – und zwar in der dreijährigen Fachschule für visuelle und alternative Kommunikation in Linz. „Seitdem ist die Kommunikation für mich viel einfacher geworden. Und ich bin jetzt auch selbstbewusster. Früher war ich sehr schüchtern.“

„Inklusion wird immer so schön gesagt. Aber ein gehörloses Kind allein in einer Klasse hat niemanden.“Carina Hofmarcher, Gebärdenlehrerin aus Randegg

Nach der Fachschule, in der ausnahmslos gehörlose Jugendliche unterrichtet werden, stand die Arbeitssuche an. Zwar sah sich die Randeggerin zuerst im Büro, nach einem Praktikum stand aber fest: „Das ist nicht meins“, lacht sie. Also beschloss sie, mit Gleichgesinnten zu arbeiten – und zwar in der Lebenswelt Wallsee. Dort ist sie nicht nur Fachsozialbetreuerin und Behindertenbegleitung, sondern bald auch Gebärdenlehrerin. „Generell ist es sehr schwierig, Weiterbildungen und auch überhaupt Ausbildungen zu finden, wenn man nichts hört. Das Angebot ist sehr überschaubar. Ich bilde mich aber gerne weiter. Deswegen war ich froh, als ich eine Schule in Wien fand, die mich zur Gebärdenlehrerin ausbildet. Denn diese Kompetenz wird auch bei uns in Wallsee gebraucht“, erklärt sie.

Ab November können Mitarbeiter der Lebenswelt Kurse bei Hofmarcher besuchen, ab dem Frühjahr ist das auch externen Personen erlaubt. „In Österreich wird Gebärdensprache viel zu wenig gefördert. Inklusion wird immer so schön gesagt. Schön und gut. Aber ein gehörloses Kind allein in einer Klasse hat niemanden. Es wäre toll, wenn man sich da auch auf dem Schulsektor weiterentwickeln könnte“, spricht die 25-Jährige spezielle Schulen für gehörlose Kinder an.

Sie selbst nutzt jedenfalls jede Möglichkeit zur Weiterbildung. Daher besuchte sie auch den ersten „Inklusiven Gesundheitstag“ ihrer Arbeitskollegin Ute Stipsits. Themen, von denen sie besonders profitieren konnte, waren die Vorträge zur Aromapflege und zur Hausapotheke. „Die Kommunikation war wirklich barrierefrei, alles wurde von Dolmetschern übersetzt. Das war super“, lobt Hofmarcher. Denn auch das Thema Dolmetscher ist ein Problem. Erstens gibt es kaum Dolmetscher für Gebärdensprache, zweitens sind diese kaum leistbar.

Carina Hofmarcher steht aber über diesen Hürden. Ihr Ziel war es, im Sozialbereich zu arbeiten und sich weiterzubildet. Auch privat sieht sie keine Einschränkungen durch ihre Gehörlosigkeit. „Ich bin oft mit Freunden unterwegs, die ich über Gehörlosen-Stammtische oder die Schule kennengelernt habe“, sagt sie. In ihrer Freizeit malt, zeichnet, liest und schwimmt sie auch gerne.