Ärztenachfolge: „Eine Chance verspielt“. Elke Müller übernimmt nicht Exinger-Praxis, sondern geht nach St. Leonhard.

Von Christian Eplinger. Erstellt am 09. Dezember 2020 (10:00)

Seit der Vorwoche ist der Zug abgefahren. Dr. Elke Müller, 38-jährige praktische Ärztin und zweifache Mutter aus Wieselburg, die seit fünf Jahren die Vertretung von Dr. Karl Heinrich Exinger in Scheibbs gemacht hat, wird nicht dessen Nachfolgerin in der Scheibbser Ordination. Sie wechselt stattdessen nach St. Leonhard/Forst. Am Donnerstag hat sie dort den Mietvertrag für die Ordination mit VP-Bürgermeister Hans-Jürgen Resel unterzeichnet. „Ich werde noch bis zur Pensionierung von Karl Exinger in Scheibbs tätig sein und möchte dann mit April nach St. Leonhard wechseln. Ich hoffe, dass bis dahin die Adaptierungsarbeiten der Ordinationsräumlichkeiten soweit abgeschlossen sind“, erklärt Elke Müller der NÖN.

Für Scheibbs ergibt sich damit das Problem, dass man gleich zwei Allgemeinmediziner 2021 nachbesetzen muss, da ja auch Dr. Paul Kupelwieser mit Jahreswechsel in Pension gehen wird. Anders als bei Paul Kupelwieser schien es aber lange Zeit so, als sei die Übergabe der Ordination von Karl Exinger auf Elke Müller nur Formsache. „Ich hätte mir einen nahtlosen Übergang eigentlich gut vorstellen können. Doch schon beim ersten Gespräch mit der Gemeinde kam Sand ins Getriebe. Ich glaube, Bürgermeister Franz Aigner war nicht bewusst, welche Chance er da auslässt. Denn Gemeinden, die händeringend nach praktische Ärzten suchen und auch mit entsprechenden Angeboten locken, gibt es alleine in der Region einige“, weiß Elke Müller.

St. Leonhard schüttet Füllhorn aus

So etwa St. Leonhard. Hans-Jürgen Resel hatte sich schon im Sommer intensiv um die junge Ärztin bemüht. Die Gemeinde St. Leonhard bietet einem Allgemeinmediziner eine Investitionsunterstützung von 50.000 Euro, freie Miet- und Betriebskosten für die vorhandenen Ordinationsräumlichkeiten in den ersten drei Jahren und monatliche finanzielle Zuwendungen. Dennoch hatte Elke Müller im Sommer noch abgesagt. Auch ein Angebot in Wieselburg schlug sie aus, da sie ihre berufliche Zukunft in Scheibbs gesehen hat.

Jetzt kam alles ganz anders. Dabei wäre laut Müller nicht die finanzielle Zuwendung der Gemeinde im Vordergrund gestanden. „Da ging es um die gesamte Wertschätzung. Ich hatte bei den Gesprächen mit Bürgermeister Franz Aigner nie das Gefühl, dass ihm dieses Anliegen, eine nahtlose Übergabe der Ordination zu gewährleisten, besonders wichtig ist“, betont Müller. Finanziell hätte sie sich von der Gemeinde Scheibbs 30.000 Euro als Startunterstützung erwartet – „ein Bruchteil dessen, was andere Gemeinden bieten“. Das Angebot von Bürgermeister Aigner lag aber nur bei einem Drittel des Betrags.

Enttäuscht, wie die Sache gelaufen sei, ist auch Karl Exinger. „Scheibbs hat damit eine Langzeitlösung in der Gesundheitsversorgung verspielt“, sagt Exinger. Aigner hätte zu wenig Sensibilität bei den Gesprächen gezeigt. Er selbst hätte Elke Müller die Ordinationseinrichtung samt Geräten kostenlos überlassen. „Elke und eine sichere weitere medizinische Versorgung der Bevölkerung wären mir das wert gewesen“, sagt Exinger, der seit 1995 seine Ordination in Scheibbs und seit 2003 diese im „Portal“ in der Hauptstraße hat. Die Ordinationsmitarbeiterin und die Putzfrau hätte Müller ebenfalls übernommen.

Auch seitens der Vermieter, Marion und Martin Potzmader, hätte es ein Entgegenkommen gegeben. „Wir hätten Elke Müller ein Jahr die Mietkosten erlassen. Sicher keine Selbstverständlichkeit für private Vermieter“, erklärt Martin Potzmader, der nun – wie viele in Scheibbs – auch um einen „Frequenzbringer“ in der Innenstadt fürchtet.

Ab Jänner erste Lücken bei Wochenenddiensten

Exingers Posten als Allgemeinmediziner wird mit 15. Dezember erstmals offiziell ausgeschrieben. Finden sich weder für Kupelwieser noch Exinger Nachfolger, so bleibt in Scheibbs nur mehr Dr. Martin Egger als Allgemeinmediziner übrig. Dazu kommt im Sanitätssprengel Scheibbs-St. Anton-Puchenstuben noch Dr. Thomas Schwarzenberger in St. Anton. Für die freiwilligen Wochenenddienste heißt das, dass ab Jänner jedes vierte Wochenende im Sprengel unbesetzt bleibt und ab April sogar jedes zweite Wochenende.