Eva Hottenroth: "Stoppt dieses Unrecht". Heute, Dienstag, sollen wieder Menschen aus Österreich nach Afghanistan abgeschoben werden. Für die Scheibbser Aktivistin Eva Hottenroth vom Verein "Willkommen - Verein zum Finden einer neuen Heimat" ein absolutes No-Go. Gemeinsam mit Doro Blancke (Flüchtlingshilfe-doro blancke), die aktuell Flüchtlingshilfe auf der griechischen Insel Lesbos organisiert, fordert sie die Regierung auf, "endlich die Abschiebungen ins gefährlichste Land der Welt zu stoppen."

Von Christian Eplinger und Red. Erlauftal. Erstellt am 30. März 2021 (11:03)
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Aktivistin Eva Hottenroth vom Scheibbser Verein "Willkommen. Verein zum Finden einer neuen Heimat".
Usercontent, privat

„Afghanistan ist ein Kriegsland. Die Weltgemeinschaft muss vermehrt mithelfen das Land zu befrieden.“ sagt Buchautor Ali Heidari.

Ali Heidari weiß wovon er spricht. Er ist 31 Jahre alt, und zweimal aus seinem Heimatland Afghanistan geflohen. In seinem Buch „Die Erde hart, der Himmel so weit“ (https://www.noen.at/erlauftal/ali-heidari-afghanischer-fluechtling-zwischen-den-welten-bezirk-scheibbs-ali-heidari-interview-nofb-223995625) beschreibt er, wie es nach seiner (damals freiwilligen) Rückkehr 2013 für ihn im Dorf seiner Kindheit war: Der Mullah ließ sich noch immer auf Kosten seiner Gläubigen aushalten und bestimmte sowohl das gesellschaftliche als auch das religiöse Alltagsleben, was Ali kritisierte.

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Buchautor Ali Heidari ist zwei Mal aus Afghanistan geflüchtet.
Usercontent, Eplinger

Alis gleichberechtigter Umgang mit seiner Ehefrau machte Schule, wurde aber deshalb auch argwöhnisch beäugt und vom Mullah verurteilt. Es dauerte nicht lange, und Ali wurde mit einer Fatwa belegt (Tod durch Erschießen) und aus dem Dorf verstoßen, weil er es verlernt hatte, sich an die strengen Gebote der örtlichen Instanzen zu halten. Am Sterbebett erklärte ihm sein Vater später, als Ali wieder in Österreich lebte, dass er nur sein Überleben im Sinn hatte und ihn aus dieser Gefahrenzone durch den Bann herausbringen wollte.

Massive Diskriminierung

So wie Ali ergeht es vielen jungen Männern, die – freiwillig, halb freiwillig (z.B. nach langer Schubhaft mürbe geworden) oder unfreiwillig als Schubhäftling – nach Afghanistan zurückkehren (müssen). Sie können sich nicht mehr unterordnen und werden auf Grund Ihres Rückkehrer-Daseins massiv diskriminiert, wie in der erst vor kurzem erschienenen Studie „Von Österreich nach Afghanistan“ des VIDC (Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation) konstatiert wird.

Besonders betroffen: die Volksgruppe der Hazara, aber auch Konvertiten. Es gibt in Afghanistan weder Arbeit noch adäquate medizinische Versorgung und beinahe alle rückgeführten jungen Männer machen die Erfahrung von körperlicher Gewalt, was die Sozialwissenschafterin Friderike Stahlmann 2019 feststellte. „Teilweise haben die Rückgeführten überhaupt nie in ihrem Leben in Afghanistan gelebt und sind dort ohne Familienverband völlig schutzlos,“ erläutert Eva Hottenroth, die ehrenamtlich Geflüchtete begleitet.

Negative Asylbescheide nehmen zu

Die negativen Asylbescheide hätten sich laut Hottenroth zudem stark gemehrt, seit es den „joint way forward deal“ (abgeschlossen 2016 zwischen der EU und Afghanistan und 2020 erneuert) gibt - ein Rücknahmeabkommen, bei dem es weniger "um die grausame Realität im Land geht, als um die wirtschaftlichen Vorteile für die afghanische Regierung. Es gibt jedoch keines der in der EU viel gepriesenen Re-Integrationsprogramme", sagt Hottenroth.

Ali Heidari kann das aus erster Hand bestätigen: Seine Frau und seine Tochter leben nach wie vor in Herat, wo es vor einigen Wochen einen blutigen Raketenangriff auf die Stadt gegeben hat - es war nicht der Erste und wird leider auch nicht der Letzte gewesen sein. Die Furcht um das Leben seiner Familie, die er noch 2021 nachholen möchte, kann man sich gar nicht groß genug vorstellen. „In Afghanistan ist die Situation schlimmer als unsicher“, sagt Ali Heidari. „Afghanistan ist eine so genannte Demokratie, aber das ist das Land nur auf dem Papier. Man kann sich z.B. nicht einfach einen Ort zum Leben in diesem Land aussuchen. Das Aussehen und die Herkunft bestimmen, wo du wohnen musst und wie sicher du leben kannst. So hast du als Paschtu weniger Probleme als wenn du ein Hazara oder ein Tatschike bist. Die Lage ist sehr kompliziert.“

Alis doppelte Flucht

Alis Geschichte in „Die Erde hart, der Himmel so weit.“ lässt  erahnen, was es bedeutet, in einem Land aufzuwachsen, in dem das Leben der Menschen nichts wert ist und in dem seit Jahrzehnten ein grausamer und unsinniger Krieg geführt wird: Mit elf Jahren flüchtet Ali mit seiner Familie in den Iran – wobei der kleine Ali von seinen Eltern und seinen Geschwistern auf der Flucht getrennt wird. Er muss von elf bis vierzehn Jahre in einem Steinbruch schuften um zu Überleben. Mit fünfzehn Jahren gelingt ihm die Flucht und er setzt über das Mittelmeer nach Griechenland (Lesbos) über. Dort erwartet ihn im Lager Moria schon 2005 eine Art Vorhölle. Es gab schon damals keine Duschen für viele tausend Menschen und die Versorgung mit Essen war katastrophal. Ali hat es geschafft sich nach Österreich durchzuschlagen.

Seine Geschichte ist eine Geschichte des Durchhaltens, der Selbstliebe, der Hoffnung. Sie ist ein spannender Page-Turner und sie legt Zeugnis ab von der Kraft eines unbändigen Überlebenswillens – selbst unter widrigsten Bedingungen.

2007 gelingt es dem Roten Kreuz, die Eltern Alis ausfindig zu machen: sie sind ins Ursprungsdorf zurückgekehrt – der Vater bittet Ali immer wieder inständig um seine Rückkehr. Dieser kehrt 2013 tatsächlich zurück, nur um zu erkennen, dass er wieder gehen muss. 2015 gelingt ihm abermals die Flucht über das Mittelmeer, er kommt wieder auf Lesbos an und schlägt sich nach Österreich durch. Diesmal ist es anders, besser. Er kann arbeiten und hat Unterstützung durch eine Gruppe Österreicher.

Was Ali Heidari sich am meisten wünscht? „Dass der Krieg in Afghanistan endlich gestoppt wird. Dass keine Eurojets mehr dort fliegen, sondern dass die Menschen in Ruhe und Frieden ihre Felder bestellen können, dass die Kinder in die Schule gehen dürfen und dass die medizinische Versorgung flächendeckend für alle Menschen da ist". Dafür müssten alle Waffenlieferungen an die Taliban gestoppt werden und die Millionen Euro, die die Europäische Union an „Kopfgeld“ an den afghanischen Staat für die Rücknahme Geflüchteter mit negativem Asylbescheid zahlt, dürften nicht in undurchsichtigen staatlichen Kanälen versickern, sondern müssen dringend den Menschen direkt zugute kommen.