Vor 75 Jahren: Leben zwischen Angst und Beschützen. Zu Kriegsende waren es die Mütter, die die Geschicke zu Hause auf den Höfen lenkten. Nicht selten unter schwierigsten Umständen.

Von Hans Karner. Erstellt am 01. Mai 2020 (04:34)
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8. Mai 1945 – vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Während in diesen Tagen viele Männer noch auf den letzten Kriegsschauplätzen kämpften oder bereits in Gefangenschaft auf eine Heimkehr hofften, hielten zu Hause die Mütter die Familien zusammen. So auch am Hof „Mieselmais“ in Scheibbsbach.

Dort musste die 26-jährige Bäuerin Christine Karner, Mutter von fünf Kleinkindern, seit der plötzlichen Einberufung ihres 32-jährigen Mannes zur deutschen Wehrmacht im September 1944 die Geschicke für Haus und Hof schultern. Ihr zur Seite standen die Schwiegermutter und der 20-jährige Bruder Konrad, der im Kaukasusgebirge schwere Kopfverletzungen erlitten hatte und abrüsten durfte. Später teilte ihr die Kreisbauernschaft den Kriegsgefangenen Ivan Jakuwentschuk, einen 19-jährigen gebürtigen Ukrainer, als Helfer zu.

Die fünf Kinder vom Hof „Großreit“, von links: Engelbert und Anton, Mama Piber mit Kleinkind August, Maria, Johann und die damals 16-jährige Erntehelferin Anna.
privat

Es war an einem Wochentag Ende April 1945, als die junge Bäuerin und ihr ältester Sohn zu Fuß in die vier Kilometer entfernte Stadt Scheibbs unterwegs waren, um vor den unsicheren Zeiten eine Schultasche, einige Hefte, eine Schiefertafel mit Griffeln für den Schulanfang im Herbst und allerlei Notwendiges für dem Hausgebrauch nach Hause zu schleppen. Der Rückzug der deutschen Wehrmacht war voll im Gang. Hunderte Menschen, Zivilpersonen und KZ-Häftlinge, viele Rösser und Reiter, schwere Wägen mit großen Rädern, allerlei Kriegsgeräte und auch einige Panzer verstopften die engen Straßen der Bezirkshauptstadt zwischen dem Kapuzinerplatz und dem Felsenkeller. Da gab es kaum ein Weiterkommen.

So verging eine Ewigkeit, bis die Mutter mit dem angehenden Schüler die Engstelle vom Papiergeschäft Schöllkopf (heute Ebner), Eisenhandlung Schwarz (Weinmesser) und Fleischhauerei Grubmayr (Blunzenkönig) queren konnten.

Aber auch zu Hause war man kaum sicher. Bei einem Spaziergang musste die Großmutter mit den drei älteren Buben unter Obstbäumen Schutz suchen, als plötzlich Tieflieger auftauchten.

Der Tag der Befreiung ging auch in die Geschichte des Mieselmais-Hofes ein. Schon am 7. Mai spannten Bruder Konrad und Ivan im Morgengrauen die beiden Ochsen ein, um einige Fässer Treibstoff zum Schneiden von Heu und Stroh von einem Waggon am Bahnhof Neustift in Sicherheit zu bringen. Als Konrad am frühen Nachmittag das dritte Fass mit einem Schubkarren zum Ochsenanhänger karren wollte, empfingen ihn russische MP-Salven. So wartete er in der Nähe des Schlosses Lehenhof Schutz suchend im Gebüsch, bis die Nacht zum 8. Mai hereinbrach. Erst nach 16 Stunden kehrten sie mit dem Ochsengespann sowie zwei Treibstofffässern wohlbehalten auf den Hof zurück.

In den folgenden Tagen kam es durch russische Fußtruppen in der Region zu Plünderungen, Vergewaltigungen, Erschießungen. Dabei gingen auch zwei Anwesen der Region in Flammen auf. Das Haus Kotbauer in Scheibbsbach und der Hof Großreit in Ginning.

Übrigens: Der Bauer des Hauses Mieselmais kehrte er im Februar 1946 von seiner Kriegsgefangenschaft und seinem Arbeitseinsatz beim Kaprun-Kraftwerk heim zu seiner Familie.