Flüchtlingshilfe in Scheibbs: „Geht nur zusammen“

Erstellt am 27. April 2022 | 05:12
Lesezeit: 4 Min
67 Vertriebene aus der Ukraine haben mittlerweile im Schloss Lehenhof ihre neue Bleibe gefunden und fühlen sich wohl hier, auch wenn alle wieder in ihre Heimat zurückkehren wollen.
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Die Kinder spielen im Hof, Frauen und Mütter sitzen zusammen und unterhalten sich, einige blicken gespannt auf ihr Handy oder telefonieren. Neuigkeiten von zu Hause?

67 vom Krieg in der Ukraine vertriebene Menschen leben aktuell in ihrem „Refugium“. Zu dem ist der Lehenhof in Scheibbs für sie geworden. Von diesen 67 sind 35 Kinder und Jugendliche – von elf Monaten bis 18 Jahre – und nur fünf Männer. Die Kinder besuchen mittlerweile schon die Kindergärten und Schulen und werden auf diese Weise auch ins Vereinsleben integriert.

Bis zu 90 Personen kann Scheibbs im Lehenhof aufnehmen. „Das hängt immer ein wenig damit zusammen, wie die Familienkonstellationen sind. Sind es größere Familien, können mehr in einem Raum schlafen. Ansonsten müssen wir es anders aufteilen. Allerdings sind wir keine Erstaufnahmestelle. Die Menschen werden uns von den Flüchtlingskoordinatoren des Landes zugewiesen“, weiß Alena Fallmann, Scheibbser Stadträtin und Obmann-Stellvertreterin vom Verein „Brücke Scheibbs“. Sie ist der „Fels in der Brandung“ im Lehenhof. Über sie läuft der Großteil der Organisation vor Ort.

Der Verein hat zu Beginn die Trägerschaft übernommen, seit April diese aber an die Stadtgemeinde Scheibbs abgegeben. Mittlerweile dient der Verein als Plattform für die Koordination der Freiwilligenarbeit, unabhängige Sammelstelle für Sach-, Zeit- und Geldspenden sowie gemeinsam mit dem Verein „Willkommen“ als Initiator von Deutschkursen.

„Der Verein hätte die gesamte Organisation, Verwaltung sowie die finanziellen Vorleistungen unmöglich alleine stemmen können. Daher haben wir als Stadtgemeinde mit 1. April die Trägerschaft übernommen und inzwischen auch sechs Personen angestellt – zwei Dolmetscherinnen, zwei in der Verwaltung und zwei in der Küche. Dazu kommen rund 75 Freiwillige, die hier mithelfen, und die Stadtverwaltung im Hintergrund. Alleine wäre das nicht zu schaffen. Das geht nur zusammen – und ohne jegliche Parteipolitik“, betont Bürgermeister Franz Aigner.

24-Stunden-Betreuung ist die große Herausforderung

Das unterstreichen auch die beiden Fraktionsführer von SPÖ und BUGS. „Es ist eine große Herausforderung auch für uns als Stadt und die Gesellschaft. Wir wollen diesen Menschen eine Perspektive geben. Dazu gehören menschenwürdige Unterkünfte. Die können wir hier im Lehenhof bieten“, betonten Hans Huber und Joseph Hofmarcher.

Ein ganz wichtige Rolle spielen aber nach wie vor die Freiwilligen. Denn es muss eine 24-Stunden-Betreuung gewährleistet werden. „Tagsüber sind immer zwei Freiwillige gleichzeitig anwesend. Wir haben einen Vormittags- und Nachmittagsdienst, von 7 bis 14 Uhr beziehungsweise 14 bis 19 Uhr. Den Nachtdienst von 19 bis 7 Uhr übernimmt dann immer eine Person“, erklärt Tina Exinger, die als ehemalige Ordinationsassistentin ihres Mannes gewohnt ist, Dienstpläne zu handeln. „Allerdings ist das eine besondere Herausforderung. Daher sind wir über jede Hilfe dankbar – und wenn es auch nur ein paar Stunden sind“, sagt Tina Exinger (Kontakt: ukrainehilfe@scheibbs.gv.at).

Auch ihr Mann Karl Exinger ist fast täglich vor Ort. Der pensionierte Hausarzt sorgt für die medizinische Betreuung der Vertriebenen. „Die Menschen kommen in einem besseren Gesundheitszustand als erwartet. Dennoch ist die Problempalette kunterbunt. Es geht dabei um physische und psychische Gesundheit, wobei wir bei psychischen Problemen auch von der Diakonie unterstützt werden“, schildert Karl Exinger.

Finanziell weiterhin auf Spenden angewiesen

Eines wissen alle Beteiligten: Die Betreuung dieser größten Vertriebenen-Unterkunft im Mostviertel ist nicht nur menschlich eine große Herausforderung, sondern auch finanziell. Im Lehenhof zahlt das Land für die Vollversorgung 21 Euro pro Person pro Tag sowie 40 Euro „Taschengeld“ für jede geflüchtete Person pro Monat. Daher ist man in Scheibbs weiterhin auch auf Spenden angewiesen: „Jeder Spenden-Cent fließt eins zu eins in dieses Projekt“, verspricht Stadtamtsleiter Gerhard Nenning.

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