Der Baum als Kulturgut. Zwar ist Streuobst bei Landwirten aufgrund der schwankenden Erträge und teils geringen Preisen oft unbeliebt, mit der richtigen Pflege und Hingabe funktioniert es aber.

Von Anna Faltner. Erstellt am 22. März 2020 (05:44)
Jedes Jahr – kurz bevor der Frühling kommt – sind Karl und Reinhard Kern (von links) mit dem Schneiden ihrer rund 250 Hochstammbäume beschäftigt.
Anna Faltner

Wenn Reinhard Kern aus dem Fenster blickt, sieht er stolz auf seine 250 Hochstammbäume, die er und seine Frau Karin vor 15 Jahren gepflanzt haben. Der große Unterschied zu allen anderen Sparten der Landwirtschaft: Das Ergebnis seiner Arbeit wird erst nach mehreren Jahren intensiver Pflege und Geduld sichtbar. „Man setzt einen Baum und pflegt den erst einmal 15 Jahre bis er Früchte trägt. Man investiert viel Zeit und Geld“, erzählt der Landwirt.

Vielen Besitzern von Streuobstwiesen ist der schwankende (und teils sehr geringe) Preis die Mühe nicht wert. Sie roden ihre Obstbäume oder lassen sie verkommen. Höheren Wert hat das Obst für Bauern, die es weiter zu Produkten veredeln oder biologisch produzieren. Denn hier sind die Preise besser. Man weiß nie, wie viel Obst und Geld die Saison bringt. „Von dieser Situation wollen wir wegkommen. Streuobst ist ein Kulturgut, das man pflegen und erhalten muss. Leider haben wir niemanden, der uns dabei unterstützt“, betont Engelbert Wieser, Ansprechpartner des Vereins „Streuobsterhaltung Mostviertel“. Sein Ziel: (Alt-)Bäume stehen lassen, Schädlinge mit natürlichen Gegenspielern bekämpfen und – natürlich – das Kulturgut Streuobst wieder verstärkt als solches in den Köpfen der Menschen zu verankern.

Schneiden ist wichtiger Teil der Baumpflege

Bei Reinhard Kern und seiner Familie bestimmt das Obst den Jahresablauf. Denn nur mit Äpfel- und Birnenklauben während der Erntezeit im Spätsommer ist es nicht getan. Zwar ist das Schneiden der Hochstammbäume regulär nur für alle fünf Jahre vorgesehen. Familie Kern hat sich aber dazu entschieden, die Bäume jedes Jahr zu schneiden – so auch in der Vorwoche. „Je öfter man schneidet, umso kleiner sind die Schnittverletzungen.

Und die Früchte werden größer und haben dadurch einen höheren Zuckergehalt“, erklärt der 38-Jährige. Außerdem bietet eine „luftige Krone“ weniger Angriffsfläche für Pilzerkrankungen, die durch Feuchtigkeit angezogen werden. Ein bis zwei Wochen dauert dieses Prozedere, gearbeitet wird meist in der Zeit von Ende Februar bis Ende März. „Es ist schon aufwendig. Man braucht gutes Werkzeug, Akku-Scheren und Sägen sowie eine Hebebühne, die wir zum Glück über die Hebebühnengemeinschaft teilen“, erzählt Kern.

Darüber hinaus spielt auch die Wiesenpflege (beweiden und mulchen) eine wichtige Rolle, da sie gegen Wühlmäuse hilft. „Wühlmäuse sind eigentlich die größte Gefahr für die Bäume. Wenn die Beweidung nicht hilft, muss man Fallen aufstellen“, informiert der Landwirt. Nistkästen für Vögel, die an den Bäumen angebracht sind, sollen gegen den Apfelwickler (den Hauptschädling im Obst) helfen. Von chemischem Pflanzenschutz hält Kern Abstand.

Weiter im Jahreskalender: Im Spätsommer wird dann geerntet. Danach wird sofort gepresst und produziert. „Das dauert eigentlich dann wieder bis zum Schneiden“, lacht Kern. Also ein Ganzjahresjob für die ganze Familie – zusätzlich zur Milchwirtschaft. Nebenbei werden die produzierten Produkte – Säfte, Most, Cider, Edelbrände oder Liköre – im eigenen Hofladen jeden Samstagvormittag verkauft.