Johann Luger: Ein „uriger“ Wirt, ohne Sperrstund‘. 30 Jahre lang war Johann Luger Kultwirt. Mit der NÖN sprach er über 100-Stunden-Wochen und Würstel in der Nacht.

Von Anna Faltner. Erstellt am 13. Dezember 2020 (05:58)

Wer erfolgreich ein Wirtshaus führen will, der muss tüchtig sein. Für den ehemaligen Steinakirchner Wirt Johann Luger aus Ferschnitz war das mehr als 30 Jahre lang selbstverständlich. Genauso wie Wochen, in denen er 100 Stunden auf den Beinen stand. Zuerst im Steinakirchner Lagerhaus-Saal, später im Gasthaus Enengl. Mit der NÖN blickte er wenige Tage nach seinem 85. Geburtstag auf das Wirtshausleben „damals“ zurück und erzählt, wie sich die Branche verändert hat.

Wie sind Sie denn eigentlich in die Gastronomie gekommen?

Luger: Das war ein Zufall. Mein Onkel war Obmann vom Raiffeisen-Lagerhaus und Altbürgermeister in Wang. Und der hat mir erzählt, dass der Wirt zugesperrt hat. Ich hab‘ gaudihalber gesagt, wie wäre es, wenn ich das Lokal pachten würde? Da hat er gesagt: Mehr wie nix kann es nicht sein, probier‘s halt. Daheim hab‘ ich meine Frau gefragt, was sie davon hält. Keine einzige Stunde helfe ich dir, hat sie gesagt. Aber wir haben es trotzdem gepachtet, ab Februar 1970. Und sie hat es gerne gemacht. Im 1988er-Jahr wollten wir es sogar kaufen.

Warum wurde daraus nichts?

Luger: Das Lagerhaus wollte es nicht verkaufen, so ein uriges altes Gasthaus könne man nicht verkaufen, aus Tradition. Wir haben es nicht bekommen. Eine fatale Entscheidung, mit der die Gemeinde heute noch zu kämpfen hat. Deshalb haben wir das nächste Wirtshaus gekauft und haben mit 1. Jänner dann dort angefangen. Unser Sohn hat es dann übernommen und ein paar Jahre weitergeführt. Heute ist da die Volksbank in Steinakirchen drin.

Noch einmal zurück zu Ihrer Zeit als Wirt. Wie wird man vom Fuhrwerker zum Wirt? Das ist ja auch nicht jedermanns Sache, zu servieren und zu bewirten?

Luger: Wir hatten ja auch Angestellte, eine Köchin, und wir haben Lehrlinge ausgebildet. Ich war weiterhin Fuhrwerker und habe in meiner Freizeit und am Wochenende immer im Wirtshaus gearbeitet. Wir haben Tag und Nacht gearbeitet. Und das hat mir, und auch meiner Frau, große Freude gemacht. Wir hatten wirklich lauter gute Gäste, also die große Schar waren gute Gäste. Dafür bin ich heute noch dankbar.

Hat man da auch noch Zeit für Familie oder Freizeit? Sie haben ja auch drei Kinder.

Luger: Naja, das war so. Meine Frau war immer mit dabei. Das hat es nicht gegeben, dass sie einmal nicht dabei war. Sie hat das, so wie ich, mit Leidenschaft gemacht. Und die Kinder haben am Sonntag immer mitkommen und aushelfen müssen. Manchmal hat es ihnen gefallen, manchmal nicht (lacht). Würstelteller vorbereiten für die Kirchengänger und solche Sachen.

Und wie hält man so ein Wirtshaus 30 Jahre lang am Leben? Wir bemerken es ja in der Berichterstattung, dass viele Wirte nach kurzer Zeit aufgeben müssen.

Luger: Ja, da hat sich viel geändert. Mit dieser Moral, die die heutigen Wirte zum Teil haben, hätten wir überhaupt nicht existieren können. Wir waren von sieben Uhr früh da bis zum Schluss. Früher war es noch anders, da haben wir viele Versammlungen gehabt und Sitzungen. Wenn die danach gekommen sind um zehn Uhr bei der Nacht, da hab‘ ich Freude damit gehabt, weil ich wusste, die haben Hunger und einen Durst. Selbstverständlich haben die um die Uhrzeit noch etwas zu essen bekommen. Und da hat niemand gefragt, ob bald Sperrstunde ist oder nicht. Weil da haben sie einen Liter angeschafft und noch einen Liter. So haben wir uns die Kundschaft geholt. Natürlich sind dann die anderen Feierlichkeiten auch gekommen. Das braucht der Wirt. Die moderne Zeit heute ist so, dass die Wirte um elf Uhr aufsperren, um zwei Nachmittag zusperren, um fünf wieder aufsperren und um neun schon nix mehr kochen. Also da kann man nicht existieren. So bekommt man keine Stammgäste.

„Einmal hab‘ ich um eins gesagt: Sperrstunde wäre. Da habens zu mir gesagt: Wärst halt kein Wirt geworden.“ Johann Luger, ehemaliger Wirt in Steinakirchen

Das heißt, bei Ihnen gab es keine Pause?

Luger: Nein, von sieben Uhr in der Früh bis elf, zwölf oder eins in der Nacht war ich da. Einmal hab ich um eins gesagt, Sperrstunde wäre. Da habens gesagt: Wärst kein Wirt geworden. Wenn grad weniger los war, hab‘ ich mich kurz hingelegt.

Und ein Ruhetag oder Freizeit?

Luger: Dienstagnachmittag. Da waren wir meistens eh hundemüde. Aber sonst hat es nichts anderes gegeben. Das Wirtshaus war meine Freizeit.

Woher kam diese Motivation?

Luger: Die Arbeit muss einem schon Freude machen, sonst geht es nicht. Wenn wir Hochzeiten gehabt haben, das war so eine schöne Sache. Für mich war jedes Hochzeitspaar ein Erlebnis.

Wie viele Hochzeiten waren das?

Luger: Naja, über zweihundert. Sechs bis sieben haben wir gehabt durchschnittlich im Jahr. Aber ich habe es sehr gerne gemacht, das muss ich dazu sagen. Wenn man glaubt, eine Hochzeit ist eh eine übliche Sache, kann man sich groß täuschen. Jede Hochzeit hat andere Raffinessen gehabt, jede Hochzeit war anders. Ich bin auch in die Kirche mitgegangen, das macht ja heute fast kein Wirt mehr.

Im Festsaal konnten Sie bis zu 1.000 Personen verköstigen. War es damals auch schon schwierig, Personal zu finden?

Luger: Ja auch, aber wir haben trotzdem noch Leute bekommen, weil wir sie entsprechend gut bezahlt haben.

Woran liegt es, dass die Gäste so gerne gekommen sind?

Luger: Wir hatten den schönsten Saal. Das wäre heute auch noch der schönste Saal in Steinakirchen, würde der Wirt Tag und Nacht drinstehen, würde das auch funktionieren. Und wir hatten wegen dem schönen Saal tolle Unterhaltungen, auch mit bekannten Persönlichkeiten.

Sie haben es mit ihrem Betrieb damals bis an den dritten Platz im Bierverbrauch im Bezirk Scheibbs geschafft – wie war das möglich?

Luger: Ja durch die großen Veranstaltungen. Und wir hatten nur ein Bier, das Wieselburger. Wenn ich schon eine tolle Brauerei in der Region habe, brauch ich mir kein Bier von wo anders holen. Und ich muss nicht mehrere Fässer anschlagen. Das ist alles schon übertrieben heute. Und kostet zusätzlich einen Haufen Geld.

Was fällt Ihnen jetzt auf, wenn Sie in ein Wirtshaus gehen?

Luger: Das Persönliche von den Wirtsleuten hat sich geändert. Die sagen dir ins Gesicht: Jetzt sperren wir zu und aus fertig. Früher hat man noch auf jeden Gast Wert gelegt. Aber das ist halt die moderne Zeit.