Duo: „Rotes Kreuz ist mehr als der Rettungsdienst“

Wenige Tage nach offiziellem Führungswechsel an der Spitze des Roten Kreuzes Scheibbs traf die NÖN Kurt Schlögl und Christine Dünwald-Specht zum Doppelinterview.

Erstellt am 03. April 2021 | 06:03
Übergabe in Scheibbs - Duo: „Rotes Kreuz ist mehr als der Rettungsdienst“
Die NÖN traf Kurt Schlögl (links) und Christine Dünwald-Specht zum Doppelinterview. Fotos: Christian Eplinger
Foto: Eplinger

Nach 15 Jahren an der Spitze des Roten Kreuzes im Bezirk Scheibbs übergab Primar Kurt Schlögl (63) bei der Bezirksstellenversammlung sein Amt als Bezirksstellenleiter an Bürgermeisterin außer Dienst Christine Dünwald-Specht (61). Eine Übergabe zwischen Freunden – „Wir sind gemeinsam aufgewachsen und kennen uns seit über 60 Jahren“.

NÖN: Herr Schlögl, Sie waren 15 Jahre Bezirksstellenleiter beim Roten Kreuz Scheibbs. Gleich in ihrem ersten Jahr gab es große Aufregung um die Erhöhung der Rettungsbeiträge der Gemeinden. Damals von 2,30 Euro pro Einwohner auf 6,80 Euro. Am Schluss lag man bei 13 Euro. Ein Thema, das ihre Amtszeit prägte?

Kurt Schlögl: Ja, das war gleich eine Mammutaufgabe im ersten Jahr. Da hab ich mich schon gefragt, warum hast du dir das angetan? Das Problem lag in der Verkürzung des Zivildienstes von zwölf auf neun Monate. Dadurch benötigten wir mehr Personal. Dazu kamen in Folge das neue Arbeitszeitgesetz und die aufgrund der Unterteilung in Schwerpunktkrankenhäuser auch immer höher werdenden Transportkosten bei einer annähernd gleichen Anzahl an Krankentransporten. Das ist der Nachteil eines eher dünn besiedelten, aber weitläufigen Bezirks. Die weiteren Wege binden länger Kapazitäten, sowohl beim Personal als auch bei den Autos. Wir fahren mittlerweile im Jahr über eine Million Kilometer. Diesen finanziellen Mehraufwand mussten wir auffangen, ohne dass die Leistungen leiden sollten. Unsere vier Rettungsdienststellen sind nach wie vor 24 Stunden, sieben Tage die Woche besetzt. Das bedeutete für mich, ständig bei den Gemeinden betteln zu gehen. Keine angenehme Sache. Noch dazu kannte und verstand ich als langjähriger Gemeinderat auch die andere Seite.

Kurt Schlögl Rotes Kreuz Scheibbs Symbolbild Porträtbild
Kurt Schlögl. Foto: Christian Eplinger
Christian Eplinger

Frau Dünwald-Specht – Sie waren damals in der gegenüberliegenden Position als Bürgermeisterin. Wie haben Sie diese Diskussionen empfunden?

Christine Dünwald-Specht: Ich stand zwar als Bürgermeisterin auf der anderen Seite, aber ich habe immer versucht, das Rote Kreuz in der Diskussion zu unterstützen. Und insofern waren sich die Bürgermeister immer einig, die Qualität des Rettungsdienstes aufrechterhalten zu wollen. Aber Qualität kostet Geld. Es war nicht einfach und ich gratuliere Kurt, wie er diese Verhandlungen geführt hat.

Sind Sie froh, diese Diskussionen durch das neue landesweit einheitliche Finanzierungssystem nicht mehr führen zu müssen?

Dünwald-Specht: Grundsätzlich ja, wobei ich eigentlich gerne Verhandlungen führe. Man wird sehen, wie sich die neue Landeslösung auf Fahrzeuge und Ausstattung auswirkt. Noch ist es zu früh, darüber ein Urteil abzugeben. Grundsätzlich ist es das neue Modell aber sicher fairer.

„Das Rote Kreuz verbinde ich mit den Begriffen engagierte junge Mitarbeiter, Gemeinschaft und Freude am Helfen.“ Kurt Schlögl auf die Frage nach drei Begriffen, die er mit dem Roten Kreuz verbindet

Neben den Finanzen war Ihre Amtszeit auch von anderen Veränderungen stark geprägt, von der Verkürzung des Zivildienstes, der Einführung des Freiwilligen Sozialen Jahres bis hin zur Umstellung des Notarztsystems und die Einführung neuer Aufgaben für das Rote Kreuz – vor allem im Sozialbereich. Woran denken Sie mit Freude zurück, woran mit einiger Skepsis?

Schlögl: Viele dieser Schritte waren von oben vorgegeben und wir mussten sie umsetzen. Vor allem die NEF-Umstellung oder die Arbeitszeitregelung waren eine große Herausforderung, weil es da auch Ängste und Sorgen bei den Mitarbeitern gab, die davon persönlich betroffen waren. Und auch wenn ich als Bezirksstellenleiter vielleicht nicht immer die große Freude mit der einen oder anderen Veränderung hatte, als Leiter muss man die Vorgaben und Gesetzte umsetzen. Man trägt die Verantwortung und ist in der Haftung.

Das Rote Kreuz ist heute auch breiter aufgestellt?

Schlögl: Ja, wir haben heute auf den vier Dienststellen 30 hauptberufliche und 480 aktive, ehrenamtliche Mitarbeiter und 35 Zivildiener oder Absolventen des Freiwilligen Sozialjahres. Das Rote Kreuz ist nicht nur mehr Rettungsdienst. In den letzten zehn Jahren ist vor allem der Bereich Gesundheit und Soziale Dienste (GSD) stark angewachsen, vom Essen-Zuhause über die Tafel Österreich, dem Henry Laden, der Rufhilfe bis zum Bettenverleih. Generell ist der GSD ein Teil beim Roten Kreuz, bei denen auch ältere Mitarbeiter beim Roten Kreuz gehalten werden können. Und das ist für beide Seiten gut so.

Sie waren in Scheibbs der erste Bezirksstellenleiter, der nicht Bezirkshauptmann war, sondern von der medizinischen Seite kam. War das von Vorteil?

Schlögl: Ich glaube schon, weil ich einerseits die Strukturen des Roten Kreuzes kannte und andererseits die Akzeptanz von Beginn an größer war. Da kam wer vom Fach, der die Materie verstand. Dafür war ich nicht der Mann, der gerne ganz vorne stand, wenngleich natürlich Repräsentationsaufgaben und die Vertretung nach außen hin zum Amt dazugehören. Das musste ich erst lernen. Da tut sich meine Nachfolgerin leichter (lacht).

Christine Dünwald-Specht, das In-der-Ersten-Reihe-Stehen wird kein Problem. Wie sehr involviert und firm ist die neue Bezirksstellenleiterin ansonsten bereits im Roten Kreuz?

Dünwald-Specht: Ich kenne die Strukturen schon ganz gut, war schon in den vergangenen Wochen bei vielen Gesprächen und Verhandlungen dabei und bin ja in den letzten Jahren bereits intensiver im Bereich Gesundheit und Soziale Dienste engagiert. Bezüglich fachlicher Expertise habe ich aber genau aus diesem Grund mit Sepp Musil und Herbert Haslinger zwei echte Experten des Roten Kreuzes als Stellvertreter an meiner Seite. Sie haben die Erfahrung, ich das Mundwerk (lacht). Ich bin ein Kümmerer und werde neben den Repräsentationsaufgaben sicher versuchen, das Team, die Gemeinschaft und den Zusammenhalt zu stärken. Teamarbeit heißt für mich auch, sich auf Augenhöhe zu begegnen.

Christine Dünwald-Specht Rotes Kreuz Scheibbs Symbolbild Porträtbild
Christine Dünwald-Specht. Foto: Christian Eplinger
Christian Eplinger

Nochmals zurück zu Ihrer Amtszeit. Gibt es Momente, an die Sie besonders gerne zurückdenken?

Schlögl: Schöne Erinnerungen habe ich an die Flüchtlingshilfe 2015, wo wir beim Transitlager Wieselburg mit der Unterstützung zahlreicher Freiwilligen tagtäglich hunderte Menschen auf der Flucht versorgt haben. Das war eine eindrucksvolle Leistung. Da kam enorme Dankbarkeit zurück. Genauso beeindruckt war ich aber immer von den vielen außertourlichen Sachen, bei denen unsere Leute mit enormen Engagement und Spaß dabei waren. Egal, ob bei den Ballvorbereitungen in Gaming, den Weihnachtsständen, den Rotkreuz-Heurigen oder Flohmärkten, Übungsszenarien oder Filmaktionen. Hier zeigt sich, wie wichtig die Gemeinschaft ist.

Sie haben bei ihrem Antrittsinterview vor 15 Jahren gesagt, eine Ihrer Stärken ist ihre ausgleichende Art. Würden Sie das heute auch noch sagen und welche andere Stärke hat Ihnen in den vergangenen 15 Jahren vielleicht noch geholfen?

Schlögl: Die ausgleichende Art war sicher in vielerlei Hinsicht ein Vorteil. Es gibt auch beim Roten Kreuz unterschiedliche Interessen. Die muss man zusammenführen und -halten. Eine zweite Stärke von mir war sicher meine Geduld. Die braucht man mitunter auch – zumindest nach außen hin.

Frau Dünwald-Specht. Schon bei Ihrem Amtsabschied 2019 hatten Sie gemeint, sie werden nicht gleich in zig Ämter „reinlaufen“, aber das eine oder andere Amt mit Sicherheit übernehmen. Wieso haben Sie sich gerade für die Rotkreuz-Bezirksstellenleitung entschieden? Ist Ihnen in der Bürgermeisterpension fad geworden?

Dünwald-Specht: Nein, das nicht. Aber mich hat meine Tätigkeit im Bereich Gesundheit und Soziale Dienste im Vorjahr sehr berührt. Da habe ich gemerkt, wie viel G’spür die Leute vom Roten Kreuz bei ihren Einsätzen aber auch bei den Hilfsdiensten aufbringen und welche Dankbarkeit von den Menschen entgegenkommt. Außerdem, wenn einen ein Sandkistenfreund um etwas bittet, kann man nur schwer Nein sagen. Kurt hat mir schon am Schluss meiner Bürgermeisterzeit gesagt, dass er nicht mehr kandidieren wird und er sich mich als Nachfolgerin wünschen würde. Und er hat schon auch gemeint, dir wird sonst eh fad zu Hause (lacht).

Sie beide sind Verfechter des Freiwilligenwesens. Wie wichtig ist dieses für das Rote Kreuz?

Schlögl: Ohne die Freiwilligen wäre das Rettungswesen nicht in dieser Qualität aufrechtzuerhalten. Gerade die Nacht- und Wochenenddienste werden immer noch zu einem Großteil von Freiwilligen abgedeckt. Darum ist es wichtig, ihnen ein entsprechendes Umfeld zu bieten. Das haben wir immer versucht.

Dünwald: Darin sehe ich auch eine meiner Hauptaufgaben. Im Teamgefüge zu arbeiten und das G‘spür für Menschen beziehungsweise die soziale Kompetenz zu haben, sind wesentliche Eigenschaften, um beim Roten Kreuz mitzuarbeiten – gerade auch im Freiwilligenwesen. Die muss man stärken und fördern.

Aktuell gibt es vier Dienststellen im Bezirk. Wird sich daran etwas ändern?

Dünwald: Nein, an den vier Dienststellen soll sich nichts ändern. In Wieselburg steht heuer ein Umbau des Gebäudes, in dem unsere Dienststelle ist, am Plan. Da gab es schon sehr gute Gespräche mit den Herren Nemecek und Bicker. Auch Bürgermeister Leitner hat uns seine Unterstützung zugesagt. Wir werden die Anliegen und Wünsche der Wieselburger Mitarbeiter auch beim Umbau berücksichtigen können.

Beim Rettungsdienst wird sich in den nächsten Jahren dennoch viel ändern. Im Land redet man auch von einem Rettungsdienst neu, der in den nächsten fünf Jahren umgesetzt werden soll? Was hat es damit auf sich?

Dünwald: Es wird sich viel ändern, da gibt es gewisse Vorgaben des Landes, die umzusetzen sind, weil sonst das System insgesamt nicht mehr zu finanzieren ist. Wir werden dadurch vielleicht ein wenig Eigenständigkeit verlieren. Das wird eine Herausforderung auch für die Mitarbeiter. Aber es ist ein Gebot der Stunde, wenn wir die Qualität im Rettungswesen halten wollen.