Umfahrung Wieselburg: Nach sechs Jahren Bauzeit fertig. Am Donnerstag wird die 8,4 Kilometer lange Umfahrung Wieselburg für den Verkehr freigegeben. Damit findet ein über 20 Jahre dauerndes Projekt seinen vorläufigen Abschluss.

Von Christian Eplinger. Erstellt am 09. Juni 2021 (05:55)

Montagmorgen in Wieselburg. Durch die Stadt staut es sich wieder einmal. Ich komme bei meiner Fahrt ins Wieselburger Rathaus bei gleich drei von fünf Ampeln in die Rotphase – vor und hinter mir ein Lkw. Montagmorgen Frühverkehr, die Belastung ist groß. Sowohl für Pendler als auch vor allem für die Anrainer und Wieselburger Bevölkerung, die innerstädtisch unterwegs ist.

Kommenden Montag sollte sich das schon wesentlich verbessert haben. Denn am Donnerstagnachmittag wird Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) die 8,4 Kilometer lange Ortsumfahrung persönlich für den Verkehr freigeben. Ab Donnerstagabend dürfen die Autos über die Umfahrungstrasse rollen. Ein vor allem von den Wieselburgern lange herbeigesehnter Moment. Ich treffe drei Tage vor der Freigabe den Wieselburger Bürgermeister Josef Leitner und seinen Vorgänger Günther Leichtfried (beide SPÖ) zum Interview.

Die Vorfreude auf Donnerstag ist bei beiden groß. Jahrelang hatten sie den Prozess von der Planung bis zur Verwirklichung entscheidend begleitet – mit all den Hindernissen und Klippen, die es zu überwinden galt. Günther Leichtfried als Bürgermeister (von 1997 bis 2019), Josef Leitner zunächst als Gemeinde- und Stadtrat (1996 bis 2008 bzw. 2015 bis 2019) und zuletzt als Bürgermeister und InRegion-Sprecher der vier beteiligten Gemeinden.

NÖN: Wie geht es Ihnen drei Tage vor der Verkehrsfreigabe der Ortsumfahrung Wieselburg. Welche Gefühle verspüren Sie?

Günther Leichtfried: Ein sehr gutes, freudiges Gefühl. Immerhin hat mich die Umfahrung praktisch mein ganzes politisches Leben begleitet. Mit allen Höhen und Tiefen.

Josef Leitner: Auch ich freue mich sehr, dass es nun so weit ist. Ich war 1996, als die Stadt Wieselburg die Machbarkeitsstudie in Auftrag gab, schon als Gemeinderat dabei und darf jetzt das Projekt abschließen, bei dem aber Günther Leichtfried der Hauptdarsteller war. Er hat unglaublich viel Energie und Kraft in die Realisierung dieses Großvorhabens gesteckt.

Ich durfte mich jetzt als Bürgermeister schon auf die Ausschöpfung der Potenziale, die die Umfahrung mit sich bringt, konzentrieren. Da geht es um Leitung des Verkehrs um Wieselburg herum aber auch direkt nach und in Wieselburg, vor allem wenn es größere Veranstaltungen und Messen gibt. Ebenso ist die Ansiedelung neuer Firmen im Betriebsgebiet Zeiselgraben sehr wichtig.

Herr Leichtfried, wenn Sie sich an die Anfänge zurückerinnern. Haben Sie geglaubt, dass es bis zur Verwirklichung so lange dauern wird?

Leichtfried: Nein, auch wenn mir bewusst war, dass es ein langer Weg sein wird. Aber seit dem Auftrag zur Erstellung der Machbarkeitsstudie, wo der Wieselburger Gemeinderat erstmals Geld für dieses Zukunftsprojekt in die Hand genommen hat, bis heute sind 25 Jahre vergangenen. Selbst von dem Zeitpunkt, als der Oberste Gerichtshof im Dezember 2014 alle Beschwerden abgelehnt und damit grünes Licht für die Umfahrung gegeben hatte, bis zur Fertigstellung hat es weitere sieben Jahre gedauert. Da war Durchhaltevermögen angesagt.

Der Gegenwind durch die Bürgerinitiative und kein zustandegekommener Konsens mit der Gemeinde Petzenkirchen machten die Angelegenheit nicht leichter. Gab es Momente, wo Sie an einer Verwirklichung gezweifelt haben?

Leichtfried: Ich war immer überzeugt von dem Projekt und wusste, das ist die letzte Chance, dass Wieselburg eine Umfahrung erhält. Daher habe ich immer daran geglaubt. Aber natürlich habe ich manche – durchaus auch politisch motivierte – Schläge einstecken oder negieren müssen, wobei ich für die Anliegen der Anrainer und Bürgerinitiative durchaus Verständnis aufgebracht habe. Mir ist klar, dass keiner eine Freude hat, wenn in der Nähe seines Wohnhauses eine übergeordnete Straße vorbeigeht.

Was mich viel mehr aufgeregt hat, war die extrem lange Dauer des Instanzenzuges. Da habe ich hin und wieder deutlicher aufgedreht, ansonsten war meine Taktik immer, nicht zu aggressiv vorzugehen. Vor allem habe ich immer auch den Konsens mit dem Land gesucht. Das Land war ja der eigentliche Auftraggeber. Mit Landeshauptmann Erwin Pröll hatte ich da zum Glück immer eine sehr gute Gesprächsbasis. Und als Landespolitiker hatte ich damals zudem zahlreiche Auftritte, wo ich die Gelegenheit nutzte, die Wichtigkeit der Umfahrung ins Spiel zu bringen.

Wie zufrieden sind Sie jetzt im Nachhinein betrachtet mit der Ost-Variante. Ist es die optimale Umfahrung?

Leichtfried: Ich glaube ja. Grundsätzlich bin ich mit meinem ökologischen Verständnis kein Freund von Straßen, denn diese bedeuten zusätzlichen Verkehr und einen zusätzlichen Flächenverbrauch. Ganz persönlich finde ich, dass die Umfahrung sehr schön in die Landschaft implementiert worden ist. Die Lärmschutzwände sind natürlich kein Hingucker, aber sie sind wichtig, um die Emissionen für die Anrainer erträglich zu machen. Die anderen Varianten, die allesamt ebenfalls überprüft worden waren, wären noch schwieriger umzusetzen gewesen.

Leitner: Ich schließe mich Günther voll an. Sie ist gut gelungen. Außerdem wurden die vier betroffenen InRegionsgemeinden – Bergland, Petzenkirchen und die beiden Wieselburger Gemeinden – bei der Umsetzung intensiv eingebunden. Wir haben bei allen Diskussionen immer wieder gemeinsam versucht, das Beste herauszuholen.

Es gibt ja schon Gedanken, die ursprünglich geplante, aber dann vom Land gestrichene Abfahrt in Mühling doch noch zu verwirklichen. Wie stehen Sie dazu?

Leichtfried: Die Abfahrt Mühling zu streichen war damals ein Zugeständnis an die Bürgerinitiative. Natürlich wäre sie gerade im Hinblick auf die Firma ZKW sinnvoll, wenngleich sie jetzt vermutlich anders ausgeführt werden würde als damals geplant. Aber da muss man wieder viele ins Boot holen.

Leitner: Wir sollten einen Schritt nach dem anderen setzen. Sinnvoll wäre eine eigene Abfahrt für ZKW auf alle Fälle. Jetzt geht es darum, dass die Umfahrung alle Auflagen erfüllt. Dann ist die Zeit reif, an das Land für die nächsten Entwicklungsschritte heranzutreten.

Als man Mitte der 70er-Jahre die Ortsumfahrung erstmals ins Auge gefasst hatte, scheiterte sie am Widerstand der Wieselburger Wirtschaftstreibenden. In diesem Prozess gab es kaum negative Stimmen aus der Wirtschaft?

Leichtfried: Mir ist die ganzen Jahre hindurch keine negative Stimme aus der Wirtschaft bekannt. Natürlich gab es im privaten Gespräch so manche Befürchtung und Skepsis, dass man Gelegenheitskunden verlieren könnte. Aber ich glaube, dass für alle Seiten die Vorteile überwiegen.

Leitner: Jetzt sind Gemeinde und Stadtmarketing gefordert, gezielte Maßnahmen zu setzen, um Kunden und Gäste nach Wieselburg einzuladen. Einkaufen und genießen in Wieselburg – von der Gastronomie über die Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten bis hin zu den grünen Inseln. Das ist unser Leitspruch. Mit dem neuen Stadtquartier inklusive Gesundheitszentrum bekommen wir einen zusätzlichen Frequenzbringer. Gleichzeitig gilt es auch, Verbesserungen im innerstädtischen Verkehr zu erzielen – vor allem auch in puncto Plätzen, Kreuzungen und dem Radwegenetz.

Aber da bitte ich noch um etwas Geduld. Wir müssen jetzt zunächst die Entwicklungen genau beobachten, um gezielt Maßnahmen setzen zu können. Ich bin fest davon überzeugt: Insgesamt bringt die Umfahrung eine klare Verbesserung der Lebensqualität für Wieselburg – für die Bewohner genauso wie für alle Gäste und Kunden.

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