Jugendliche vor Gericht: „Wie man halt so blöd redet“. Zwei junge Männer standen wegen gegenseitiger Körperverletzung vor dem Richter.

Von Karin Katona. Erstellt am 29. Oktober 2020 (12:07)
APA (Symbolbild)

Sie wurden herbeigerufen, um einen Streit zu schlichten und landeten selbst im Spital sowie in der Folge auf dem Landesgericht St. Pölten. Ein 19-jähriger Scheibbser und ein 17-Jähriger aus Wieselburg standen wegen gegenseitiger schwerer Körperverletzung vor Richter Markus Grünberger.

Begonnen hatte alles mit einem Aufeinandertreffen von zwei kleinen Gruppen von Jugendlichen – Durchschnittsalter 17 Jahre – vor dem Bahnhof Wieselburg. Es kam zur Pöbelei, Beleidigungen wurden ausgetauscht. Per Handy wurden von beiden Seiten die älteren Freunde zu Hilfe gerufen.

Statt den jüngeren Streithähnen den Wind aus den Segeln zu nehmen, fingen aber auch die beiden älteren wieder Streit an. Besonders erbosten den gebürtigen Syrer die abfälligen Bemerkungen des Scheibbsers über seinen Style. Trainingsanzug, Bauchtascherl und Frisur des Erstangeklagten wurden der Lächerlichkeit preisgegeben, dann kam es – so der junge Mann – zu schwerwiegenderen Beleidigungen. „Er hat Hurensohn zu mir gesagt und damit meine Familie beleidigt.“

„Sie sollen andere Strategien zur Konfliktlösung erlernen.“ Richter Markus Grünberger zu beiden Angeklagten

Dass er die darauf folgende körperliche Auseinandersetzung begonnen hat, gibt der Erstangeklagte zu: „Ich habe ihm einen Stoß gegeben. Da hat er meine Hand gepackt und sie verdreht. Er ist zu mir hergekommen, hat mich umfasst und wollte mich hochheben, aber ich habe es geschafft, ihn hochzuheben und auf den Boden zu legen.“ Auch dafür, dass er dem auf dem Boden Liegenden noch ein paar Faustschläge ins Gesicht verpasst hatte, hat er eine gute Begründung: „Ich musste ihn schlagen, sonst hätte er mich geschlagen.“ Am Abend habe er starke Schmerzen im Handgelenk bemerkt: „Ich bin ins Spital gefahren und habe dann für eine Woche einen Gips bekommen.“

Der Zweitangeklagte schildert den Vorfall ähnlich, auch seine Provokationen gesteht er ein: „Es war so, wie man halt so blöd redet.“ Auch das Wort „Tschusch“ könne gefallen sein. „Ich habe ihn nie angegriffen und auch nicht geschlagen“, rechtfertigt sich der 19-Jährige, der bei der Rauferei Prellungen im Gesicht, eine blutige Nase und eine Beule auf dem Hinterkopf davontrug.

Den 19-jährigen Scheibbser spricht Richter Markus Grünberger nach dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ frei, der Grund für die Verletzung seines Kontrahenten könne nicht hundertprozentig auf den Raufhandel zurückgeführt werden. Der Zweitangeklagte wird wegen schwerer Körperverletzung schuldig gesprochen und erhält eine bedingte Haftstrafe von fünf Monaten.

„Ich setze eine dreijährige Probezeit aus, in der nichts passieren darf, sonst gibt es eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren“, mahnt der Richter und verordnet noch zehn Einheiten Anti-Aggressionstraining: „Sie sollen andere Strategien zur Konfliktlösung lernen.“ Das legt er auch dem Zweitangeklagten ans Herz, denn: „Verbales Beschwichtigen schaut anders aus.“