Reinhard Grubhofer: Der Berg hat ihn wieder gesehen ...

Der Wolfpassinger Reinhard Grubhofer (47) erzählt von seinem „Langen Weg auf das Dach der Welt“. 2019 war er am Mount Everest (8.848 Meter).

Erstellt am 08. September 2021 | 05:14
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Reinhard Grubhofer
Foto: privat

„Der Berg sieht mich nie wieder“, sagte Reinhard Grubhofer nach seinem ersten Versuch, den Mount Everest zu besteigen, vor einigen Jahren. Ein Erdbeben, das 19 Todesopfer forderte, machte ihm den Aufstieg damals unmöglich. Doch 2019 wollte der gebürtige Wolfpassinger es noch einmal wissen. Mit Erfolg. Bevor Grubhofer am Donnerstag um 19 Uhr im Schloss Wolfpassing einen Vortrag über die siebenwöchige Expedition hält, hat ihm die NÖN viele Fragen gestellt.

NÖN: Woher kam die Motivation, den Mount Everest zu besteigen?
Reinhard Grubhofer:
Das war nie mein erklärtes Ziel. Erst mit 30 hat mich das Bergsteiger-Fieber gepackt. Ich habe Fünf- bis Siebentausender bestiegen und dann stellt sich irgendwann automatisch die Frage, ob man nicht den höchsten Berg der Welt besteigen kann und will. Diese Frage habe ich anhand meiner Erfahrung und meines Egos mit ‚Ja‘ beantwortet. Wenn schon ein Achttausender, dann der Everest. Man ist mit den Füßen dort unterwegs, wo sonst Flugzeuge fliegen. Das hat eine unglaubliche Anziehungskraft. Das kann einem niemand mehr nehmen, das man zu den wenigen gehört, die da oben waren.

Wie lange haben Sie diese Reise geplant und vorbereitet?
Grubhofer:
Es ist ein persönliches Projekt, mit dem ich mich mindestens ein- bis eineinhalb Jahre beschäftigt habe. Wenn man wirklich eine Chance haben will, das zu schaffen, braucht man diese Vorbereitungszeit. Da geht es um das Körperliche. Es ist eine sportliche Höchstleistung, die man da erbringen muss. Und ganz viel Logistik. Welche Ausrüstung braucht man, was packt man ein? Da geht es um jedes Gramm. Und das wichtigste Element ist der Kopf, die Psyche. Wenn es Richtung Abreise geht, bekommt man schon Stress. Man kennt die Todesraten. Es gibt eine Wahrscheinlichkeit, dass man nicht mehr nach Hause kommt. Wenn man noch junger Familienvater mit einer vierjährigen Tochter ist, ist das nicht so ohne. Aber der Berg war definitiv zuerst. Meine Frau wusste immer, auf was sie sich da einlässt.

Beim ersten Versuch haben Sie es auf 6.500 Meter geschafft und miterlebt, wie 19 Bergsteiger ums Leben gekommen sind ...
Grubhofer:
Da hatte ich ein riesen Glück. Ich bin ein wahnsinniger Egoist und kann Dinge ausblenden. Nach dieser Erfahrung mit dem Tod habe ich mich schon gefragt, wie ich das durchziehen konnte. Aber wenn ich mir ein Ziel vorgenommen habe, bin ich hartnäckig. Es ist gut gegangen, aber es hätte genauso gut anders sein können.

Wie läuft die Expedition ab? 
Grubhofer:
Ich war mit einer organisierten Gruppe eines Schweizer Unternehmens unterwegs. Ich kannte den Expeditionsleiter und einige Sherpas von früheren Touren. Da wusste ich, dass ich in guten Händen bin. Bevor es ganz hinauf geht, geht es sehr oft rauf und wieder runter. Man muss sich an die Höhe akklimatisieren, dem Körper Zeit geben, sich an den permanenten Sauerstoffmangel zu gewöhnen.

Was sind die größten Herausforderungen am Berg?
Grubhofer:
Kälte, Wind, Sauerstoffmangel und das Ausgeliefertsein an die Natur. Es gibt keine Komfortzone. Man fragt sich eine Million Mal: Was mache ich eigentlich hier? Jedes Jahr sterben viele Menschen, weil sie erfrieren, sich überfordern oder abstürzen. Ich habe das selbst miterlebt. Mein Zeltkollege ist hinter mir abgestürzt und liegt heute noch da oben.

Waren Sie selbst einmal in einer lebensbedrohenden Situation?
Grubhofer:
Zwei Mal. Der Sauerstoff ist mir ausgegangen, ich habe angefangen zu taumeln und zu fantasieren. Aber ich habe es zum Zelt geschafft. Und: Ich stand eine Stunde im Schneesturm, weil sich die Kollegin vor mir nicht getraut hat, sich abzuseilen. Man kann nicht in Worten beschreiben, wie man sich da fühlt. Ich habe wirklich alles gebraucht, um da wieder runterzukommen.

Das Raufkommen ist einfacher?
Grubhofer:
Die meisten Tragödien passieren beim Abstieg. Logisch: Man will unbedingt rauf. Danach ist man erschöpft und unkonzentriert. Und in der Regel wird das Wetter am Nachmittag schlechter. Und vielen geht der Sauerstoff aus. Ich bin die letzten Meter ins Camp auch auf allen Vieren gekrochen.

Wie konnten Sie damit umgehen, Kollegen sterben zu sehen?
Grubhofer:
Wenn du da oben bist und ohnmächtig wirst, da kann dir keiner helfen. Es klingt unbarmherzig, wenn du an jemandem vorbeigehst, der im Sterben liegt. Aber du kannst ihm nicht helfen, weil du selbst am Limit bist. Es ist gnadenlos. Aber gleichzeitig auch der Reiz und die Faszination. Ich habe fünf bis sechs Tote am Weg gesehen. Man weiß das und muss sich darauf einstellen.

Wollen Sie in Zukunft noch weitere Achttausender besteigen?
Grubhofer:
Das Karakorum-Gebirge ist eine Gegend, die mich fasziniert. Heuer sicher nicht mehr. Aber vielleicht in ein, zwei Jahren. Ich bin da schon entspannter geworden und muss mir nichts mehr beweisen.