Erinnerungen gesucht: Jüdisches Leben im NÖ-Zentralraum. Fotos, Briefe, Dokumente und Erlebtes zu Juden in St. Pölten sollen Workshops zutage fördern. Start: 2. Februar.

Von Daniel Lohninger. Erstellt am 31. Januar 2017 (05:00)
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St. Pöltner Juden beim Kartenspielen. Eines derFotos, die es bereits im Fundus des Injoest gibt.
privat

Sie spielten Karten, gingen ins Wirtshaus, ins Sommerbad oder in die Arbeit, sie waren Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder. Die etwa 900 Juden der Israelitischen Kultusgemeinde St. Pölten waren Mitglieder der Gesellschaft, ehe sie ab 1938 vertrieben und ermordet wurden.

Viele Fakten zum jüdischen Leben in St. Pölten wurden vom Institut der Jüdischen Geschichte Österreichs (Injoest) in den vergangenen Jahren bereits erarbeitet. Vieles liegt aber noch verborgen auf Dachböden, in Kellern und Hinterlassenschaften. Zugleich gibt es noch Menschen, die sich an jene Zeit erinnern, als die Juden vertrieben wurden.

Gemeinsame Recherche bei sechs Workshops

Aus diesem Grund startet das Injoest ein Bürgerbeteiligungsprojekt zur Erforschung der Geschichte vertriebener Juden aus dem NÖ-Zentralraum. „Wir wollen die Familien erreichen, die in Kontakt mit den jüdischen Menschen standen“, erklärt Injoest-Leiterin Martha Keil das Ziel. Fotos, Briefe, Dokumente sind gesucht, aber auch ältere Verwandte, die von jüdischen Bekannten und Freunden erzählen können.

In insgesamt sechs Workshops sollen die mitgebrachten Quellen erfasst, eingescannt, analysiert und diskutiert werden. Kommen könne jeder, der sich mit diesen lang verdrängten Dingen auseinandersetzen wolle, sagt Keil. Wer bereits in seinem „Familienarchiv“ fündig geworden sei, solle seine Schätze mitbringen und ältere Verwandte zur Hintergrundgeschichte befragen.

Ergebnisse werden im November präsentiert

In den Workshops gehe es darum, gemeinsam zu recherchieren, die Erinnerungsstücke in einen Kontext zu setzen und zu diskutieren, wie man mit dem Wahrheitsgehalt von persönlichen Erinnerungen umgehen könne. „Ich erwarte mir viel gegenseitige Information und Diskussion“, ist Keil schon gespannt.

Ziel der Workshops ist es, ein besseres Bild vom jüdischen Leben im NÖ-Zentralraum zu bekommen. Die Ergebnisse werden im November präsentiert. Unter Beachtung des Datenschutzes werden sie danach im „Memorbuch“ online gestellt. Auf www.juden-in-st-poelten.at sind die Namen der vertriebenen und ermordeten St. Pöltner Juden sowie Fotos und Informationen zu deren Schicksal bereits abrufbar.