Caorle: Ein Sommer wie damals. Der klassische Badeurlaub an der Oberen Adria erlebt eine Renaissance. Und Caorle hat weitaus mehr als nur Strandleben zu bieten.

Von Beatrix Keckeis-Hiller. Erstellt am 09. September 2021 (13:35)

„Tre chili di triglie!“ – „Drei Kilo Meerbarben!“ – ruft der Auktionator in die Markthalle: Er steht inmitten eines vielfältigen Sortiments an Fischen und Meeresfrüchten. Da sind bekannte und weniger bekannte Arten dabei, neben den schmackhaften kleinen roten Barben, Branzini und Orate, Tintenfische und Oktopusse, Jakobs- und andere Muscheln, Scampi und Langusten – alles, was die Adria im Hochsommer hergibt, soeben angeliefert, von den örtlichen Fischern.

In einer wortlos choreographierten Reihenfolge treten Männer und Frauen an den Ausrufer heran. Es sind die Chefs der örtlichen Restaurants und deren Küchen. Sie flüstern dem Ausrufer etwas ins Ohr. So gibt jeder sein Kaufpreis-Offert ab. Das sich der Zeremonienmeister merkt. Ohne extra Notizen. Bis er, wenn alle ihr Angebot gestellt haben, nach kurzer – wortlos-stummer – Kalkulation jenen die ausgerufene Ware zuteilt, die den besten Preis genannt haben.

Zur Flüster-Auktion des frischen Fangs sind auf dem Fischmarkt von Caorle, dem Mercato Ittico Comunale, nur höchst selten auch Zaungäste von außerhalb anwesend. Sie müssen sich im Hintergrund halten. Doch auch aus der Distanz ist es spannend, wie die besagten Triglie & Co. an die zahlreichen Ristoranti und Trattorie gehen, um abends in Pfannen oder Töpfen oder auf dem Grill landen, um hernach, appetitlich angerichtet, den Gästen serviert zu werden.

„Hausmeisterstrand“ mit viel Geschichte

Caorle gilt vielfach als „Hausmeisterstrand“. Das ist in mehrfacher Hinsicht eine Gemeinheit. Denn wem steht es zu, einen Hausmeister verächtlich zu machen und auch noch die Tatsache, dass er an der OberenAdria Urlaub macht? Und überhaupt: Wie käme man darauf, anzunehmen, dass das kleine Städtchen an der Oberen Adria bloß aus Strand, vielmehr aus Stränden besteht?

Das vielleicht auf den ersten Blick klein wirkende Städtchen in der weitläufigen Lagunenwelt von Venedig hat viel Geschichte. Die ist mehr als 2.000 Jahre alt. Caorle gilt als kleine Version der großen Serenissima und war, bevor das Meer sich zurückgezogen und die Flussmündungs-Sedimente zur Verlandung geführt hatten, ein mariner Handels- und Wirtschaftsangelpunkt (im fünften Jahrhundert eine der größten Städte in Norditalien).

Dass man sich früher hier auf Canali statt durch Calli fortbewegt hat, das ist spürbar. Dafür muss man gar nicht erst die Augen schließen. Angesichts der verwinkelten schmalen Gässchen, die von bunt bemalten Häuschen gesäumt sind, und der kleinen Campi und größeren Piazze kann man fast glauben, man befände sich gerade mitten in der großen Lagunen-Metropole.

Es ist immer Leben hier. Auch wenn die Millionen an Touristen – in Hochzeiten waren es bis zu neun Millionen im Jahr – gerade einmal nicht da sind. Was selten der Fall ist. Denn auch in den Wintermonaten schätzen zahlreiche Nicht-Caorlesi die salzhaltige Luft, die Weite des Meeres und die vergleichsweise milden Temperaturen.

Dennoch: 18 Kilometer Strand, vielmehr Strände hat Caorle zu bieten. Die sind auf den ersten Blick dicht besät mit Schirmen. Doch sind die Ombrelloni und Lettini so gesetzt, dass man immer noch Privatsphäre hat. Darüber hinaus gibt es Umkleidekabinen. Und Duschen. Und Toiletten. Und jemanden, der darauf schaut. Inklusive Bademeister, der mit Argusaugen über seinen Strandabschnitt wacht.

Baden – plus Kultur & Kulinarik

Das Gros der Gäste, woher sie auch immer kommen (Österreich, Italien, Deutschland, Niederlande, Frankreich), heuer sind es hauptsächlich Festland-Europäer, kommt in der Mehrzahl mit ihren Familien. Sie erleben eine Art Renaissance des klassischen Strandurlaubs an der Oberen Adria, gewürzt mit sportlichen Aktivitäten – wenn das Meer zu aufgewühlt zum Schwimmen ist, kann man in einen der zahlreichen Hotel-Pools ausweichen, ebenso wie mit Kultur und vor allem örtlicher Kulinarik. Das gastronomische Angebot ist reichhaltig und vielfältig.

Es ist also alles da, was es braucht für einen Badeurlaub wie in einem Sommer von damals. Man kann am Strand liegen. Mit den Meereswellen tanzen. Durch die Altstadt spazieren. Sich in den historischen Gebäuden in die Geschichte von Caorle hineinversetzen. Am Meer entlang flanieren. Auf einen Sprung in den Hafen schauen. Zwischendurch einen Caffè konsumieren oder ein Eis oder eine Torte.

Sich überlegen, wo man abends speisen will, zum Beispiel im klassisch eingerichteten Antico Petronia im historischen Zentrum, das erste und älteste echte Restaurant der Stadt, wo die Fische und Meeresfrüchte ebenso innovativ wie traditionell zubereitet werden. Oder nachdenken, wohin man anderntags einen Ausflug machen möchte – vielleicht nach Venedig. Ebenso aber auch einfach nichts tun. Sich voll und ganz und erholsam dem Dolce far niente hingeben.

Verkehrschaos? Fehlanzeige!

Und doch hat sich einiges geändert: Das einst typische Verkehrschaos auf den Durchzugswegen ist nicht mehr. Wildes Parken ebenso. Gepäck ausladen, ja, aber dann muss das Reisevehikel auf einem zugewiesenen Parkplatz oder im Parkhaus deponiert werden.

Für Radfahrer gibt es etwa auf einer der Hauptdurchzugsstraßen, der Viale Santa Margherita, fast genauso viel Breite wie für die Auto-Fahrbahn, und abends gehört überhaupt ein Großteil den Fußgängern. Das hupende und knatternde Promenieren früherer Tage gehört somit der Vergangenheit an.

Auch kugeln oder fliegen keine Papierln und Plastiksackerl mehr umher. Es ist zwar traurig genug, dass noch immer nicht alle Gäste ihren Krempel von Gassen und Stränden mitnehmen, doch schaut die Stadtverwaltung penibel darauf, dass allüberall fast rund um die Uhr geputzt und gekehrt und weggeräumt wird. Dafür ist Caorle mit der Blauen Fahne ausgezeichnet, die ebenso für die ausgezeichnete Qualität des Meerwassers steht …