Livigno: Höhenwege & Hochgefühle. Livigno liegt auf 1.816 Metern auf einem Gebirgsplateau, hat Zollfreiheitsstatus und ist auf allen Ebenen bodenständig geblieben.

Von Beatrix Keckeis-Hiller. Erstellt am 11. August 2021 (05:38)

Tibet – das klingt nach schwindelerregenden Höhen. Klein-Tibet, wie Livigno auch genannt wird, das mutet milder an. Und tatsächlich: Während das Hochplateau im fernen Asien auf rund 4.500 Metern über dem Meeresspiegel liegt, sind es auf dem flächenmäßig größten Pendant Europas, hart an der Grenze zur Schweiz (unweit von Österreich), nicht einmal die halben Höhenmeter.

Nämlich „nur“ 1.800 und ein bissl was. Klar, die angrenzenden hiesigen Gebirge reichen nicht an die dortigen Achttausender heran. Doch auch Viertausender gruppieren sich zu einer eindrucksvollen Kulisse. Besonders für Flachländler, die im täglichen Leben kaum einmal über die 500-Meter-Marke hinauskommen.

Atmung & Bewegung

Was solchereinen beeindruckt, abgesehen von der nahen Baumgrenze, das ist die klare, zum Greifen durchsichtige Luft. Die zum tiefen Durchatmen einlädt. Und zu Bewegung. Das kann sein, je nach Charakter und Laune, das Flanieren entlang der verkehrsberuhigten Einkaufsmeilen von Livigno – hier ist zollfreie Zone – oder das Erwandern der nächstgelegenen Almen auf einem der zahlreichen Höhenwege oder das Erstürmen anspruchsvoller Mountainbike-Trails.

Man kann sich aber genausogut in eins nach dem anderen der zahlreichen Cafés und Gelaterie setzen oder ins Alpinmuseum gehen oder mit einem Sessellift bergan fahren oder sich vom Shuttlebus zum nächsten offenen Schwimm-, Ruder- Paddel- und Segelgewässer bringen lassen.

Wandern & Flanieren

Was beeindruckt dabei: die Bodenständigkeit. Obwohl in manchen Shops durchaus Hochpreisiges angeboten wird, ist das Flair alles andere als überkandidelt. Auch ragen die Gebäude – häufig alleinstehende Häuschen und kaum dicht zugebaute Komplexe – nicht mehr als vier, maximal fünf Stockwerke in die Höhe.

Zudem sind sie in der Regel aus Steinen und Holz gebaut, großflächige Glasarchitektur ist hier so gut wie nicht angesagt. Dafür schmuckes Blumendekor an fast allen Fenstern und Balkonen. Dazu kommen, zwischen den Anwesen, Gemüse- und Kräutergärten, oft scharren und picken auch Hühner im freien Auslauf auf den Wiesen.

Genießen & Schwelgen

Das ist ein Vorgeschmack darauf, was hier auf die Tische kommt. In erster Linie Regionales. Es stammt der Hirsch zum Beispiel bestimmt nicht aus einem längst vergangenen Jahr, und was italienische Bäcker im Allgemeinen können, das erheben sie auch hier in aller Geradlinigkeit zur Kunst

Ebenso wie die Gastfreundlichkeit, ob es sich nun um ein Top-Restaurant oder eine Imbiss-Bude oder um ein Alm-Gasthaus handelt. Darüber hinaus hat hier, bei aller Geschäftigkeit, die nie hektisch wird, so gut wie jeder Zeit für ein paar Plauderworte. Was zum Hochgefühl beiträgt.

Isolierung & Verbindung

Bis zum Beginn der 1960er-Jahre war Livigno winters für sechs Monate isoliert. Daher stammt der Spitzname Klein-Tibet, und Napoleon hatte zu seiner Hoch- zeit der Siedlung den Zollfreiheitsstatus zuerkannt, um die Bewohner in dieser strategisch wichtigen Region zu halten. Beides hat der Ort beibehalten, auch wenn er längst ganzjährig zugänglich ist: von Italien aus über den Passo di Foscagno oder von der Schweiz kommend über den einspurigen, mautpflichtigen Tunnel Munt-la-Schera.

Während der Sommermonate ist die Zufahrt über den Passo Forcola, eine Abzweigung der Berninapass-Route, möglich. Aus welcher Richtung auch immer man sich nähert. Die Berg- und Talwelt ist einzigartig: Ob es das Oberinntal, das Engadin, die Bernina-Gruppe oder das gar nicht weit entfernte Stilfser Joch samt Nationalpark ist …

Fazit: Absolut sehenswert!